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Wilhelm Busch fand es 1856 in Hameln – er wollte wissen: Was steckt dahinter?

Das geheimnisvolle Symbol

Hameln. Es ist ein Sonntag im November des Jahres 1856, an dem Wilhelm Busch in Wiedensahl zu Tinte und Feder greift. Der große Dichter und Zeichner will nicht etwa die Geschichte von Max und Moritz zu Papier bringen. Das macht er erst 1863. Busch ist an diesem 16. November auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage: Was steckt dahinter? In Hameln war er auf ein seltsames Zeichen gestoßen, dessen Bedeutung er sich nicht erschließen konnte. Er muss wochenlang darüber nachgedacht haben, was es zu bedeuten hat. Jedenfalls schreibt er seinem Freund Friedrich Warnecke, den er einige Jahre zuvor bei einem seiner Hameln-Besuche kennengelernt hat, er habe bereits Ende August „eine Fußreise nach dem lieben Hameln“ gemacht. Warnecke, der 1837 in Dehmke geboren wurde, ist ein renommierter Heraldiker und Kunsthistoriker. Er kennt sich aus mit Wappen. Busch hofft, dass der Fachmann das sonderbare Zeichen, das er auf einem „jedenfalls merkwürdigen Steine auf der Fischpfortenstraße“ gefunden hat, deuten kann. Im Jahr 1550 hatte ein Steinbildhauer – vermutlich stammte er aus Minden – Adam und Eva aus Sandstein gemeißelt und im Baum der Erkenntnis einen Wappenteller platziert. Darauf ist das Symbol, für das sich Busch interessiert, zu sehen. Er zeichnet es ab und fragt Warnecke: „Was bedeutet das Zeichen in dem Wappenschilde? Man sieht es in Hameln mehr an Gebäuden. Vielleicht das Maurerzeichen?“

veröffentlicht am 05.10.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:38 Uhr

Ulrich Behmann

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Ob der Wappenkundler das Rätsel um das seltsame Symbol lösen konnte, ist nicht bekannt. Wilhelm Busch habe fast alle an ihn gerichteten Briefe vernichtet, weiß Gudrun-Sophie Frommhage, Leiterin des Museums „Wilhelm-Busch-Geburtshaus“ in Wiedensahl. Darunter waren leider auch die Erwiderungen Warneckes. Bis heute weckt das Zeichen Interesse bei Betrachtern. Die von uns befragten Experten haben verschiedene Erklärungsansätze.

Ist es ein Zeichen der Freimaurer? Reinhard Burdinski, Meister vom Stuhl der Hamelner Freimaurerloge „Zur Königlichen Eiche“, glaubt das nicht. Er hat sich das Symbol näher angeschaut und ist zu dem Schluss gekommen: „Mit ziemlicher Sicherheit ist das kein Zeichen der Freimaurer. Diese Symbolik gibt es nicht. Sie weise auch keine Ähnlichkeit zu bekannten Zeichen auf. Überhaupt sei die Loge „Zur Eiche“ in Hameln erst 1778 gegründet worden, der Stein aber schon 1550 bearbeitet worden.

Also ist es ein Steinmetzzeichen? „Eher nicht“, meint der Hamelner Archäologe Joachim Schween. „Die sehen für gewöhnlich etwas anders aus, sind auch nicht so symmetrisch.“ Dagegen spreche auch, dass sich das Zeichen an so prominenter Stelle und in dieser Größe befindet. „Steinmetzzeichen sind kleiner und wären wohl rechts oder links unten angebracht worden.“

Denkmalpfleger Michael Voss (Stadt Hameln) meint dagegen: „Meines Erachtens handelt es sich nicht um ein Zunftzeichen, wie Wilhelm Busch vermutet hat, sondern um ein Steinmetzzeichen. Das ist so etwas wie die Signatur des Stein-Bildhauers und damit sehr individuell.“ Wie Schween findet Voss die Platzierung des Zeichens allerdings „merkwürdig“. Sie weiche von den üblichen Gepflogenheiten ab. „Vielleicht handelt es sich doch eher ein historisches Graffito oder die Hinterlassenschaft eines Handwerkers, der eine Reparatur ausgeführt hat.“

Und was meint die Kunsthistorikerin Ruth Brunngraber-Malottke? Für die stellvertretende Leiterin des Wilhelm-Busch-Museums in Hannover steht fest: „Ein Maurerzeichen ist das auf gar keinen Fall.“

Im Inschriftenkatalog „Dio“ (Deutsche Inschriften Online) wird das Symbol als „Hausmarke“ bezeichnet. Eine Hausmarke (auch Hauszeichen, Handgemal) ist ein Eigentumszeichen, später Sippenzeichen, das früher außen an Häusern und Gegenständen angebracht wurde. Allerdings schrieb Wilhelm Busch über das Zeichen: „Man sieht es in Hameln mehr an Gebäuden.“ Die Busch-Kennerin Brunngraber-Malottke deutet die Aussage so, dass Busch das Zeichen „auch an anderen Orten, also schon häufiger, gesehen hat.“ Wenn das stimmt, würde das gegen eine Hausmarke sprechen.

Die Kunsthistorikerin denkt eher an „ein runenähnliches Zeichen, dessen Bedeutung in einem alttestamentarischen Kontext zu suchen ist“. Doch Pfarrer Joachim Wingert von der katholischen St.-Augustinus-Gemeinde in Hameln geht nicht davon aus, dass es sich um ein christliches Zeichen handelt.

Dem Archäologen Schween ist aufgefallen, dass im Holzschnitt mit dem „Sündenfall“ von Lucas Cranach dem Älteren aus dem Jahr 1509, der als Vorlage für das Motiv auf der Hamelner Beischlagwange von 1550 gilt, ebenfalls Wappen zu sehen sind. „An einem Ast des Baumes der Erkenntnis hängen die Wappen des sächsischen Kurfürsten, für den Cranach seinerzeit tätig war. Und am Stamm befindet sich ein Flugblatt oder Ähnliches mit dem Monogramm Lucas Cranachs, der Jahreszahl 1509 und seinem Wappentier, der geflügelten Schlange.“

Schween folgert daraus: „Bei dem Zeichen in Hameln handelt es sich um eine Künstlersignatur, die an Steinmetzzeichen angelehnt ist.“ Gut möglich, dass der Steinbildhauer – dem Beispiel Cranachs folgend – sein eigenes Fantasie-Wappen kreiert hat.




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