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Ein Zugpferd für die Region

2019 soll die Dampflok Lipperland wieder fahren

Sie wiegt 66 Tonnen und begann ihr Dampflok-Leben 1927 in Österreich. Heute nennen sie die Mitglieder des Vereins Landeseisenbahn Lippe (LEL) liebevoll die Lipperlok. Das 783-PS-Schnauferl hat eine bewegte Geschichte hinter sich, ehe es im Betriebswerk der Eisenbahnfreunde in Extertal-Bösingfeld eine neue Heimat fand.

veröffentlicht am 02.01.2018 um 20:44 Uhr

Unter Dampf: Die Dampflok Lipperland wurde für dieses Bild mit künstlichem Rauch versorgt. Richtig dampfen wird sie frühestens 2019. Foto: Peter Wehowsky
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Ernst August Wolf Reporter
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Jochen Brunsiek, der Projektleiter „Smart Railway“ im Verein Landeseisenbahn Lippe, kennt die Lipperlok ebenso genau wie Matthias Sievers, der erste Vorsitzende des Historischen Vereins zur Erhaltung der Eisenbahn Lippe e. V. „Der Kessel wurde 1927 bei der Maschinenfabrik der Österreichischen Staatseisenbahn-Gesellschaft Wien mit der Fabriknummer 4834 gebaut“, so Sievers. Die Lok mit der Ordnungsnummer 93.1410 erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von rund 60 Stundenkilometern.

Der in Osterwald lebende Sievers erzählt aus dem Leben der Lipperlok: „Unsere 93. 1410 blieb während des Krieges in Österreich. Danach übernahmen die ÖBB die Baureihenbezeichnung der DRG und reihten die Lok als 93.1410 ein. Bis zu ihrer Ausmusterung 1982 gehörte 93.1410 zu den Betriebswerken Wolfsberg, Graz, St. Veit an der Glan, Bruck, Knittelfeld, St. Pölten, Stadlau und Wien-Ost. Nach ihrer Ausmusterung wurde sie als Lok-Denkmal in St. Pölten aufgestellt.“

Auf die Lok aufmerksam gemacht hat den Verein der ehemalige Hamelner Augenarzt Dr. Heinz Requard. Auf dessen Vermittlung erwarb die LEL die Maschine Ende 1988. Sie befand sich zum damaligen Zeitpunkt in einem erbarmungswürdigen Zustand. Erst nach umfangreichen Restaurierungsarbeiten konnte die Lok im November 1989 zum ersten Mal auf einer Nostalgiefahrt zeigen, was in ihr steckt. Noch 1989 wurde die Maschine unter Denkmalschutz gestellt und in die Denkmalliste der Gemeinde Extertal als bewegliches Denkmal eingetragen.

Arbeiten am Dampflokkessel in der Werkstatt der Verkehrsbetriebe Extertal in Bösingfeld. Foto: Peter Wehowsky
  • Arbeiten am Dampflokkessel in der Werkstatt der Verkehrsbetriebe Extertal in Bösingfeld. Foto: Peter Wehowsky
Echte Kerle (v. li.): Lokführer Stefan Bothur und Michael Ortenstein, Matthias Sievers und Lokschlosser Manfred Schmidt. Foto: Peter Wehowsky:
  • Echte Kerle (v. li.): Lokführer Stefan Bothur und Michael Ortenstein, Matthias Sievers und Lokschlosser Manfred Schmidt. Foto: Peter Wehowsky:
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Ziel der engagierten Landes-Eisenbahnfreunde ist es, „eine schöne Dampflok wieder zum Laufen zu bringen und gleichzeitig damit etwas für die Region zu tun“.

Damit können wir Projekte der Landeseisenbahn Lippe auf den Schienen der Region pfiffig vernetzen.

Jochen Brunsiek, Projektleiter „Smart Railway“

Nachdem das Fahrwerk der Lipperlok mit Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen 1995 einer Grundaufarbeitung unterzogen worden war, war die Extertalbahn zwischen Rinteln-Süd und Barntrup die Haupteinsatzstrecke der Dampflok. Sievers erklärt: „Einzelne Fahrten, insbesondere in den Jahren 1991 bis 1993, führten über die Strecke Barntrup–Lemgo. Zweimal wurde darüber hinaus Lage angefahren, die weitesten und bei planmäßig ausgefahrenen 60 km/h auch die schnellsten Fahrten unter Regie der LEL.“ Auf Dauer jedoch waren die vom TÜV festgestellten Mängel aus Eigenmitteln des Vereins und ohne Zuschüsse nicht zu beheben. Sievers: „Nachdem sie aus Platzgründen zweieinhalb Jahre lang in Rinteln im Industriegebiet Süd auf dem Anschlussgleis der Firma Braas abgestellt wurde, gelangte sie 2004 kurz vor der Sperrung der Strecke Bösingfeld–Rinteln-Süd auf ihren Heimatbahnhof Bösingfeld zurück. Kurze Zeit später gab es eine erste Anfrage der Betreiber des Bahnparks Augsburg, die Lok als Leihexponat in die Augsburger Ausstellung zu übernehmen. Im August 2005 wurde die Lok per Straßentieflader in den Hamelner Hafen gebracht und anschließend über die Schiene bis Augsburg überführt. Nach einer optischen Aufarbeitung stand die Lok bis April 2015 als Denkmal- und Botschafterlok für Österreich im Rahmen des Konzeptes „Rundhaus Europa“ im Bahnpark Augsburg.“

Rund 200 Vereinsmitglieder, darunter auch 35 Frauen und Gebietskörperschaften der Anrainergemeinden sowie der Kreis Lippe haben sich im 1985 gegründeten Verein mit dem erklärten Ziel zusammengefunden, die Fahrten der historischen Elektrobahn der Verkehrsbetriebe Extertal durch zusätzliche Angebote auszuweiten und als attraktives Zugpferd, auch über die elektrische Extertalbahnstrecke hinaus, eine Dampflok anzuschaffen und diese betriebsfähig zu halten.

Jochen Brunsiek hofft, dass, „wenn alles planmäßig verläuft“, die Lok Ostern 2018 in einer Fachwerkstatt zur Arbeit an Fahrwerk und Zylindern überführt werden kann. Nach neun Monaten Werkstattaufenthalt soll sie zur nächsten Jahreswende zurücksein. Die Eisenbahnfreunde hoffen, dass der Inbetriebnahme 2019 dann nichts mehr im Wege steht. Auch derzeit wird fleißig an der alten Lok gearbeitet. So ist im alten Kesselboden ein neues Blech eingeschweißt worden, eine neue Rohrwand wurde eingebaut, ebenso Stehbolzen und Auswaschluken. Ende Januar sollen die neuen Schweißnähte vom TÜV überprüft und abgenommen werden.

Im März wird der neue Kessel aufs Fahrwerk gesetzt. Sievers freut sich, dass die Führerhauskomponenten sowie der Kohlenkasten bereits fertig erneuert sind und derzeit neue Anstriche bekommen. Kein billiges Unterfangen, denn bislang sind etwa 10 00 Euro aufgewendet worden. Brunsiek: „Das gesamte Projekt ist mit gut 360 000 Euro veranschlagt, davon sind 75 Prozent durch Bundesmittel für Kulturförderung sowie aus Denkmalmitteln der NRW-Stiftung zugestiftet worden. Der Restbetrag muss durch private Spenden gedeckt werden.“ Es fehlen bis Ende 2019 noch gut 25 000 Euro. Die Bahn AG findet sich allerdings nicht unter den Förderern und Spendern. Sievers: „Das ist ein weltweit operierender Logistikkonzern mit Personenverkehrssparte. Wir sind ein ehrenamtlicher Verein. Überschneidungen oder gar Unterstützung hat es seit Vereinsgründung nicht gegeben. Uns wurde sogar die Nutzung historischer Uniformen und jeder Art von Bundesbahnlogo untersagt. Das hat speziell bei langjährigen Mitgliedern zu einer bewussten Abgrenzung zur DB geführt.“

Langfristig soll das alte Schienennetz durch den Einsatz der dann restaurierten Lipperlok wiederbelebt werden. Brunsiek: „Zum einen unser Stammnetz von Bösingfeld bis Barntrup und darüber hinaus die Begatalbahn von Barntrup bis Lemgo. Damit schließen wir Lemgo ans Netz der DB an, sodass wir an bestimmten Tagen unsere Waggons bis Detmold, Lage, Bad Salzuflen und Bielefeld fahren wollen. Für planmäßigen Verkehr aber fehlten die infrastrukturellen Voraussetzungen. „Wir bleiben eine Museumsbahn“, so die Eisenbahnfreunde.

Dennoch ist es ihnen gelungen, mit dem Projekt „Smart Railway“, für das auch EU-Leader-Fördermittel beantragt wurden, die Regionalentwicklung in OWL mitzugestalten. Der dafür zuständige Jochen Brunsiek: „Damit können wir bestehende und künftige Projekte der Landeseisenbahn Lippe auf den Schienen der Region pfiffig vernetzen und nachhaltig realisieren.“ So soll mit „Smart Railway“ zum einen dem Fachkräftemangel entgegengewirkt und Schülern und Studierenden der Hochschule OWL die Möglichkeit eröffnet werden, „auf regenerativem Wege“ die Region Nordlippe zu erleben und Interessen an neuen Technologien zu entwickeln. Mobilitätssicherung und Eisenbahninfrastruktur seien dabei die wichtigsten Ziele, versichert Brunsiek. Im Mittelpunkt von „Smart Railway“ steht die betagte Lok Lipperland. Ein mobiles Technikdenkmal, das mit seinem Fauchen, Zischen und Dampfen als altes Dampfross einen erlebbaren Kontrast zu modernen erneuerbaren Energien und E-Mobilität bilden und der gesamten Region neuen Schwung verleihen soll.

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