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Ludwig Boclo, ein Lehrer zwischen Wanderleidenschaft und pädagogischer Berufung

Auf Schulmeisters Rappen

War das Wandern in alten Zeiten das zweifelhafte Vergnügen Unterprivilegierter, die sich weder Pferd noch Wagen leisten konnten und sich zu Fuß über die zumeist maroden Landstraßen mühten, so tritt Ende des 18. Jahrhunderts ein bemerkenswerter Wandel ein, der zu einem Gutteil auf die zivilisationskritischen Gedanken des französischen Pädagogen und Philosophen Jean Jacques Rousseau zurückzuführen ist.

veröffentlicht am 05.03.2018 um 10:13 Uhr
aktualisiert am 05.03.2018 um 12:04 Uhr

Mit der Gitarre auf dem Rücken und dem Stock in der Hand durch das ganze Land: ein Wanderer auf einer zeitgenössischen Darstellung. Foto: pr

Autor:

Peter Weber
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Man entdeckt die Wanderschaft als Möglichkeit der Befreiung aus beengten gesellschaftlichen Verhältnissen und feudalen Strukturen hin zu Naturerlebnis, Horizonterweiterung und Selbsterfahrung. Goethes Bildungsroman der Lehr- und Wanderjahre Wilhelm Meisters steht ganz in dieser Tradition, der Zersplitterung des Bewusstseins eine ganzheitliche Bildung aus eigener Anschauung entgegenzusetzen.

Maßstäbe setzt gleich nach der Jahrhundertwende der Extremwanderer Johann Gottfried Seume mit seinem mit einigem Understatement sogenannten „Spaziergang von Leipzig nach Syrakus“. Diese gewaltige Unternehmung, halb aus Liebesschmerz, halb als Gegenentwurf zur klassischen Bildungsreise gehobener Stände unternommen, setzt auch ein aufklärerisches Zeichen, um Wahrnehmung und Zeiterfahrung wieder in ein menschliches Maß zu überführen.

Doch es soll noch einige Zeit vergehen, bis diese Art der Fortbewegung selbst adlige Kreise erfasst und den Freiherrn von Knigge zu der Aussage hinreißen lässt, das Wandern sei „die vornehmste Art zu reisen“.

In der Epoche der Romantik erlangt das Wandern ganz neue Impulse. Mit dem Erwachen einer subjektiv geprägten Naturbegeisterung und einer antibürgerlichen, antiphiliströsen Gesinnung wird das Wandern zu einer ausgeprägten Jugendbewegung. Die jungen Studenten Ludwig Tieck und Wilhelm Heinrich Wackenroder begeistern sich für das mittelalterliche Nürnberg und die lieblichen Gegenden des Frankenlandes, Clemens Brentano und Achim von Arnim erwandern das Rheintal und lassen es zum Aushängeschild eines „malerischen und romantischen“ Deutschland werden. Galt eben noch die Sehnsucht dem „Land wo die Zitronen blühn“ oder den heroischen Alpenlandschaften, entdeckt man nun die Reize der Heimat, die jetzt mit einer ganzen Reihe eigener „Schweizen“ aufwartet, insbesondere der sächsischen Schweiz bei Dresden.

Die Begeisterung für das Wandern in landschaftlicher Schönheit strahlt weit in die Biedermeierzeit aus, doch schleicht sich allmählich eine neue Tonfärbung ein, weicht das individuelle Naturerlebnis einem bürgerlichen Ritual, schön zu sehen auf dem mit feiner Ironie gestalteten familiären „Sonntagsspaziergang“ und dem „Institutsspaziergang“, beides Gemälde des künstlerischen Chronisten dieser Epoche, Carl Spitzweg. Zudem erliegt die Idee des Wanderns mehr und mehr dem Primat patriotischer Gesinnung, körperlicher Ertüchtigung und der Ausbildung eines vaterländischen Gemeinschaftsgeistes, früh schon propagiert von einem der bis heute mit diesen Attributen sprichwörtlich verbunden ist, dem „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn (1778– 1852).

Das Wandern ist die vornehmste Art zu reisen.

Freiherr von Knigge, Schriftsteller und Aufklärer

Dem waren die deutschen Fürsten ein Dorn im Auge, weil sie seiner Idee eines geeinten Deutschland im Wege standen, eine Gesinnung, die ihm im Zuge der Demagogenverfolgung mehrere Jahre Haft einbrachte, sein ganzer Hass aber richtete sich gegen Napoleon im Speziellen und gegen die Franzosen im Allgemeinen. So sollte sein turnerisches Ertüchtigungsprogramm nicht zuletzt dazu dienen, die deutsche Jugend körperlich fit zu machen für den Kampf gegen die Besatzer.

In diesen Geist der Zeit reiht sich auch der 1783 in Ermschwerd im hessischen Werra-Meißner-Kreis geborene Ludwig Boclo ein. Er ist Sohn eines Predigers und eigentlich für die Landwirtschaft bestimmt, mit Macht aber zieht es ihn zu den Wissenschaften. Nach mühevoll nachgeholter gymnasialer Schulbildung beginnt er ein Theologiestudium in Marburg und verbringt 1805 auch ein Semester in Rinteln, wo die Universität Ernestina in den letzten Zügen liegt, „um mit Muße (s)eine Kollegia zu repetieren“. Nach seinem Marburger Examen arbeitet er als Privatlehrer in Melsungen, bis er 1815 Rektor der reformierten Schule in Rinteln wird und ab 1817 die Rektorenstelle des dortigen neu gegründeten Gymnasiums bekleidet. Boclo unternimmt in seiner Zeit in Melsungen regelmäßig Reisen, unter anderem nach Norderney und in den Harz, insbesondere aber jährlich ausgedehnte gemeinsame Fußreisen mit seinen „Zöglingen“.

Als Verfechter seiner pädagogischen Überzeugung, dass das gemeinsame Wandern mit seinen Schülern eine besonders fruchtbringende Form des Unterrichts darstellt, veröffentlicht er diesbezüglich mehrere Publikationen, beginnend mit seiner „Fußreise aus der Gegend von Cassel über den Vogelsberg nach Heidelberg und Coblenz, von da zurück über einige Bäder des Taunus: unternommen im Nachsommer 1813“.

Die Erlebnisse dieser Reise werden als eine Sammlung fiktiver Briefe an einen Freund im Jahre 1815 herausgegeben. Sie zeichnen tagebuchartig die Stationen der Wanderung nach und sind, dem Geschmack der Zeit folgend, gewürzt mit historischen Betrachtungen, mancherlei Abschweifungen und eingestreuten Anekdoten, die auch dazu dienen, den Autor als buchstäblich bewanderten Zeitgenossen ins rechte Licht zu rücken.

Für den heutigen Leser bleibt es bemerkenswert, dass der Pädagoge mit seinen Eleven volle vier Wochen unterwegs ist und dabei die beachtliche Strecke von Melsungen über Darmstadt, Heidelberg, Worms, Wiesbaden und Frankfurt zu Fuß zurücklegt, nur von wenigen Schiffspassagen unterbrochen. Was dabei hilft, ist sein großer Erfahrungsschatz – er hat bereits vier ähnliche Touren hinter sich – und eine Schülerschaft, die gut vorbereitet und mit Begeisterung dabei ist. „Einen Tornister auf dem Rücken, acht bis zehn Pfund schwer, kömmt es meinen Zöglingen gar nicht einmal in den Sinn, es für etwas Besonderes zu halten, wenn sie täglich vier bis fünf Meilen (d. i. gut 30 km) mit mir gehen. Daß mitunter Rasttage gemacht werden, versteht sich von selbst: doch geschieht dieß nicht sowohl aus Bedürfniß der körperlichen Erholung, weil ihnen solche Märsche durchaus keine Anstrengung kosten, sondern bei didactischer Rücksicht, um in Städten wie Mannheim, Frankfurt, Heidelberg nichts Interessantes zu übergehen.“

In einer ausführlichen Vorrede stellt Boclo die Vorzüge des Wanderns für das schulische Lernen heraus, die darin münden, dass der Begriff, das heißt die theoretische Erörterung, vor der Anschauung erblassen muss, ganz zu schweigen von den Segnungen der Bewegung für die körperlich-geistige Ausbildung der Schüler.

Mit den Zöglingen geht es jährlich auf ausgedehnte Fußreisen.

Ludwig Boclo bietet auch Unterricht außerhalb der Schule an

Und der Autor beharrt darauf, dass selbst die um sich greifende „Mode“ des Tragens von Brillen bei jungen Menschen durch das Wandern in der Natur eingedämmt werden könne. Sodann lässt er seinen Adressaten an den Sehenswürdigkeiten der Stationen der Wanderung teilhaben, den landschaftlichen Schönheiten Hessens, den Sehenswürdigkeiten der Städte wie Homberg, Hersfeld, Frankfurt oder Darmstadt, räsoniert über geschichtliche und politische Gegebenheiten, über Geologie und Botanik, hält etwa mit seiner Begeisterung nicht hinterm Berg, in einem Gewächshaus eine echte Papyrusstaude entdeckt zu haben, porträtiert Sitten und Gebräuche, da der heutige Leser in der Regel mehr über solche der Molukken oder Antillen wisse als über die seiner Heimat, trifft auf den Frankfurter „Kirmeß-Karnaval“, dessen Ausschweifungen er seinen Zöglingen aber nicht zumuten mag, und vergisst auch nicht, ganz in der Tradition der Reiseliteratur, die Fragwürdigkeiten mancher Herberge vor dem Leser auszubreiten.

Es erscheint abenteuerlich, dass Boclo es wagt, diese Wanderung in politisch ausgesprochen unruhigen Zeiten zu unternehmen. In Worms und Mainz gelangt die Wandergruppe auf französisches Gebiet: „Mit welchen Empfindungen ich den teutsch-französischen Boden betrat, das vermag ich Ihnen nicht zu schildern. … Doch der Unwille verdrängte bald die schwermüthig schmerzlichen Empfindungen, denn wie scheuslich gierige Harpyien (Greifvögel) fielen die französischen Douanen über uns her, visitirten die Taschen, rissen meinen Zöglingen die Tornister vom Leibe, und durchwühlten alles in denselben.“ Und der Chronist wird nicht müde, die unsäglichen Zustände in diesen Städten zu beklagen. In Mainz werden gerade einige Tausend österreichische Gefangene durch die Stadt getrieben und die Misshandlungen derselben durch französische Soldaten festigen beim Verfasser den Entschluss, sich nach seiner Rückkehr aktiv an den Befreiungskriegen zu beteiligen. Wenige Wochen später, Mitte Oktober, unterliegt Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig, und die Reste der Grande Armée fluten nach Mainz zurück, wo Fleckfieber und Typhus wüten und neben einer Unzahl Soldaten ein Zehntel der Einwohnerschaft der Stadt dahinraffen.

Boclo schildert die bereits im September grauenhaften Verhältnisse aus eigener Anschauung, wie er seine Schutzbefohlenen heil an Leib und Seele durch diese Erlebnisse und wieder hinaus aus der Stadt bekommt, bleibt aber sein Geheimnis. Wie er überhaupt in diesen Buch noch recht wenig auf seine Wandergruppe eingeht und die eigenen Impressionen in den Vordergrund stellt.

Nach glücklicher Rückkehr im Herbst des Jahres 1813 hält es Boclo denn auch nicht mehr im beschaulichen Melsungen. Durchdrungen von dem Gedanken, „für die Befreiung des unterjochten Vaterlandes mitzukämpfen“, schlägt er sich unerschrocken durch die Reihen der französischen Armee auf preußisches Gebiet, wo er als reitender Jäger in den Dienst eines Freikorps tritt und in Holland gegen den Feind agiert.

Lesen Sie in Teil 2 unseres Dreiteilers über den Wanderschulmeister Boclo.

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