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Warum Angehörige in Selbsthilfegruppen Kraft gewinnen können

Depression: Auch die Angehörigen leiden

Inzwischen wird öfter öffentlich über psychische Erkrankungen geredet. Oft geht es darum, das Stigma zu beenden. Oder um Therapiemöglichkeiten für Betroffene. Was aber ist mit den Angehörigen? Sie leiden meist im Stillen. Marion Grages und Karen Stiefel wollen das ändern

veröffentlicht am 04.12.2017 um 12:04 Uhr
aktualisiert am 04.12.2017 um 13:20 Uhr

Foto: pixabay
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Marieluise Denecke Redakteurin / Online zur Autorenseite
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Schön, dass Sie zuhören!“ Diesen Satz hört Marion Grages öfters. Es ist ein Satz, der ihr viel bedeutet. Der ihr gleichzeitig signalisiert: Das wird jetzt eine Weile dauern.

Grages ist ehrenamtlich höchst engagiert, arbeitet beim bundesweiten Sozial-Telefondienst „SeeleFon“, engagiert sich im „Schaumburger Bündnis gegen Depression“ und leitet eine Selbsthilfegruppe. In ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit ist sie viel unterwegs und trifft zahlreiche Menschen. Es sind Menschen, die ungeheure Lasten mit sich herumtragen, seit Jahren oder Jahrzehnten schon, ohne je mit einer Seele darüber gesprochen zu haben.

Bis sie Marion Grages treffen. Neulich erst war die Hohnhorsterin bei einer Veranstaltung; es ging um den Umgang mit Depression. Danach wurde sie von Menschen angesprochen: Ob sie kurz Zeit hätte?

Sie haben für Angehörige psychisch Erkrankter immer ein offenes Ohr: Marion Grages (li.) und Karen Stiefel. Im vergangenen Jahr haben sie eine Selbsthilfegruppe gegründet, in der sich Angehörige offen und vertraut austauschen können. Foto: mld
  • Sie haben für Angehörige psychisch Erkrankter immer ein offenes Ohr: Marion Grages (li.) und Karen Stiefel. Im vergangenen Jahr haben sie eine Selbsthilfegruppe gegründet, in der sich Angehörige offen und vertraut austauschen können. Foto: mld

„Wenn sich jemand erst einmal geöffnet hat, dann redet er“, sagt Grages. Eine halbe Stunde, eine Stunde. Es ist egal: Hauptsache, er redet. Grages nimmt sich die Zeit: „Ich bremse keinen aus. Ich höre zu.“ Denn das Zuhören bringt den Menschen große Erleichterung. Das Zuhören von Menschen, die etwas ganz Ähnliches durchgemacht haben wie sie selber.

Marion Grages und Karen Stiefel haben im letzten Jahr die Selbsthilfegruppe „Sonnenschein“ gegründet. Es ist die erste Selbsthilfegruppe im Landkreis Schaumburg allein für die Angehörigen psychisch erkrankter Menschen.

Warum die Angehörigen? Sie finden sich oft in einem ungehörigen Zwiespalt wieder. „Wir Angehörigen sind immer die Buh-Männer“, erklärt Grages. Entweder mischen sie sich – in den Augen der Außenstehenden – zu stark oder zu wenig in den Genesungsweg der Betroffenen ein. Die Schuld werde bei ihnen am ehesten gesucht, wenn Kind, Partner oder Familienangehörige erkranken.

„Diese Strapazen kann sich keiner vorstellen“, sagt Grages. Und Stiefel ergänzt: „Viele fühlen sich allein gelassen mit ihrem Leid und wissen nicht, wohin.“ Gerade in eher ländlichen Gegenden werde nicht offen gesprochen. Was sollen schließlich die Nachbarn denken? So behalten Angehörige alles für sich, teilweise jahrelang. Häufig erkranken sie darüber selber.

Wir Angehörigen sind immer die Buh-Männer.

Marion Grages, Selbsthilfegruppe „Sonnenschein“

„Die Angehörigen werden nicht ernst genommen, daran hapert es am meisten“, sagt Stiefel. Wer einen Angehörigen mit psychischer Erkrankung zu Hause habe, der wisse das. Was sagt man zum Beispiel, wenn das eigene Kind nicht zur Schule gehen will? Oder wenn es der Partner nicht schafft, morgens aus dem Bett zu kommen, und man das dem Arbeitgeber erklären muss?

„Man findet Therapeuten die sagen, dass man die Menschen zu Hause lassen soll, und die anderen, die sagen, dass der Mensch unbedingt das Haus verlassen soll“, sagt Grages. Therapeuten hätten außerdem oft nur „einen Blickwinkel“, erzählt die Hohnhorsterin – bei ihnen steht die Therapie im Vordergrund. Angehörige hingegen müssen mit dem vollen Ausmaß einer psychischen Erkrankung leben: den Emotionen, der Verzweiflung, den Verletzungen, dem täglichen Kampf, genauso wie mit den Fragen nach Kindergeld, Therapieplätzen und Sozialhilfe.

Stiefel und Grages kennen das nur zu gut: Sie sind selber Angehörige psychisch erkrankter Menschen. Sie wissen, wann die meisten Angehörigen Hilfe für sich selber suchen: Dann, wenn es überhaupt nicht mehr geht.

„Am Anfang dachte ich: Ich schaffe alles“, sagt Stiefel. Bald musste sie jedoch einsehen, dass das ein Irrtum war. Grages wurde klar, dass sie an ihrem Leben etwas ändern musste, als der Arzt ihr eine Reha verschrieb. Dort hatte sie zum ersten Mal Zeit, auch über sich nachzudenken. Sie entschied: Wenn sie zurück zu Hause ist, sucht sie sich eine Selbsthilfegruppe für Angehörige. Die fand sie in Wunstorf. Hier traf sie wenig später Karen Stiefel.

Ihre Angehörigen haben unterschiedliche Erkrankungen, aber ihre Erfahrungen zu Hause, mit Kliniken und Therapeuten waren ganz ähnlich. Warum also keine Selbsthilfegruppe in ihrem eigenen Landkreis gründen? Im Januar 2016 riefen sie die „Sonnenschein“-Gruppe ins Leben.

Die Gruppe ist für Angehörige aller psychischer Erkrankungen geöffnet. Auch wenn die Krankheiten unterschiedlich sind, ähnele der Leidensdruck der Angehörigen.

„Manche schaffen es nie, auf sich selber zu achten“, sagt Grages. Es sei ein großer Lernprozess, auch mal an sich zu denken. „Man muss bei sich sein“, sagt sie. „Das dauert.“ Angehörige sind meist gut darin, ihre eigenen Bedürfnisse bis zur Nichtigkeit hintanzustellen. Doch das geht natürlich nicht auf ewig, nicht, ohne selber krank zu werden. Und irgendwann kommt auch diese Frage: Ist mein Kind / Partner / Angehöriger jetzt wirklich krank? Oder nutzt er mich nur aus, wenn ich ständig aufräume, Essen mache, motiviere und aufmuntere?

Und wie soll ein Angehöriger damit umgehen, wenn der Betroffene nicht einsieht, Hilfe zu benötigen? Sich nicht für krank hält? Dann ist zuerst der Angehörige der „Böse“ – und der ist gleichzeitig machtlos. Eine Therapie beginnen kann ein Betroffener nur, wenn er dies selber möchte. Oder aber, wenn er sich selber oder andere gefährdet. Doch das ist der absolute Extremfall.

Die Zusammenarbeit zwischen Fachpersonal und Angehörigen existiert nur wenig.

Karen Stiefel, Selbsthilfegruppe „Sonnenschein“

Eine Selbsthilfegruppe ersetzt natürlich keine Therapie, sollten Angehörige das Gefühl haben, eine zu benötigen. Aber: Eine Selbsthilfegruppe ist gut vernetzt und kann weiter vermitteln, erläutert Grages. „Wir wollen denen, die zu uns kommen, die erste Last von den Schultern nehmen durch Zuhören und Verstehen“, so Grages. Die Angehörigen sollen merken: „Es ist nichts Schlimmes, dass ihr zu uns kommt.“

Stiefel und Grages wollen in ihrer Gruppe nicht sagen: „So müsst ihr es machen.“ Weil jede Situation, jeder Mensch, unterschiedlich ist. Bei manchen Angehörigen stehen schwerste Entscheidungen bevor: Sollte man das 18-jährige Kind, das es morgens nicht aus dem Bett schafft, aus dem Haus schmeißen? Sollte man sich vom schwerst depressiven Partner trennen? Entscheidungen, die nur die Person selber treffen kann.

Stiefel und Grages können von ihren eigenen Erfahrungen berichten. Oft hilft es aber auch schon, die offenen Ohren zu sein, die sich alles erst einmal anhören. „Bei uns bleibt alles streng vertraulich“, sagt Stiefel.

Beide haben außerdem eine Mission: Sie wollen, dass Angehörige besser wahrgenommen werden im Umgang mit psychisch Erkrankten.

„Die Zusammenarbeit zwischen Fachpersonal und Angehörigen existiert nur wenig“, kritisiert Stiefel. Auf Angehörige werde zu wenig gehört im Laufe einer Therapie. Sie würden „nicht mitgenommen.“ Dabei seien es doch die Angehörigen, die als Partner, Eltern, Kinder oder Geschwister den Patienten am ehesten kennen würden. Und sie sind es, die nach der Therapie mit ihnen weiter zusammenleben.

„Vielleicht würde Vieles in der Therapie anders laufen und manch ein Klinikaufenthalt würde sich erübrigen, wenn die Angehörigen stärker miteinbezogen würden“, so Stiefel.

Über das „Schaumburger Bündnis für Depression“ wollen Grages und Stiefel ihre Gruppe landkreisweit bekannter machen und auch mehr in Fachgremien mitmischen. Ihr Ziel: dass Hausärzte, Fachärzte und offizielle Anlaufstellen Ratsuchende viel mehr auch auf Selbsthilfegruppen verweisen.

„Angehörigengruppen sind oft nicht bekannt“, sagt Grages. „Auch wenn sie helfen können.“

Selbsthilfegruppen: Ein Verzeichnis aller Selbsthilfegruppen im Landkreis Hameln-Pyrmont gibt es über die Homepage www.soziales-hameln-pyrmont.de/Selbsthilfe.70.0.html. Auskunft erteilt außerdem der Paritätische Wohlfahrtsverband Hameln-Pyrmont. Ansprechpartnerin ist Regina Heller, erreichbar unter 05151/576113 oder per E-Mail an

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