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Soll man Frieden schließen?

Der ewige Kampf gegen Gartenunkraut

Da sind sie wieder, die Störenfriede im Frühlingsgarten: Löwenzahn, Brennnessel und allen voran der Giersch. Sie sammeln ihre Kräfte, um das Gartenterrain zu erobern. Wer ihnen jetzt den Kampf ansagt, damit die eigenen Beetpflanzen eine Chance haben, wird mit einer schlagkräftigen und bewundernswert trickreichen Armee konfrontiert. Lohnt sich der Kampf überhaupt?

veröffentlicht am 16.04.2018 um 11:14 Uhr

Foto: Dana
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Fragt man zum Beispiel Günter Blötz, den Ersten Vorsitzenden des Kreisverbandes vom Naturschutzbund Hameln-Pyrmont um Rat, wie man diese Unkräuter besiegen kann, dann fragt er gleich zurück: „Sie meinen wohl Wildkräuter?“

Auch Britta Raabe, die die Geschäftsstelle des Nabu Weserbergland leitet, würde Giersch und Konsorten nicht als „Unkraut“ bezeichnen. „Es kommt ganz auf die Blickrichtung an“, sagt sie. „,Unkraut‘ ist alles, was stört. Ich lasse mich nicht wirklich stören. Meine Taktik gegen den Giersch besteht darin, ihn einfach aufzuessen.“

Ja, sie hat gut reden. Ihr Garten scheint sowieso eher eine Art Wildgarten zu sein. Bei ihr dürfen, wie sie erzählt, auch die „leckeren“ Brennnesseln wachsen, ebenso wie der Schachtelhalm, dessen medizinische Wirkung sie beeindruckt. Allerdings gibt sie auch sofort zu: „Der Acker-Schachtelhalm breitet sich schon gewaltig aus – so viel Blasenentzündungen kann ich gar nicht haben.“

Giersch. Wer einmal versucht hat, gegen ihn anzugehen, wird sicherlich der Aussage von Journalistin Susanne Wiborg in der „Zeit“ zustimmen: „Im Kampf gegen den Giersch zeigt sich die Vergeblichkeit des menschlichen Tuns.“ Als hätte dieser Doldenblütler sich evolutionär an das Ausgerupftwerden angepasst, hat er ein ganzes Arsenal von Verteidigungsstrategien entwickelt, die der Gartenanfänger erst nach und nach durchschaut. Man kommt sich anfangs schon schlau vor, wenn man nicht nur die aus der Erde brechenden Blättchen abrupft, sondern auch gleich das weißliche Rhizom beachtet, aus dem sie erwachsen. Manchmal kriegt man es gut mit dem gekrümmten Zeigefinger zu fassen. Oft aber wächst es so dicht an einer Blume, dass man nur die Wahl hat, mit dem Giersch-Rhizom zugleich auch die Blume zu vernichten oder dieses eine Rhizom in der Erde zu belassen. Die Sache ist die: Ein einziges Rhizom bildet viele meterlange Ausläufer, die hundert neue Rhizome hervorbringen.

Und selbst wenn man alle Rhizome erwischen würde, die weißen Ausläufer machen die Arbeit wieder zunichte. Sie wickeln sich um die Wurzeln anderer Pflanzen. Sie tauchen tief in das Erdreich ein. Sie verzweigen sich in unerwartete Richtungen. Es kann großartige Triumphgefühle hervorrufen, wenn man mit Spürsinn und Feingefühl einen Meter dieser weißlichen Stränge samt seinen Abzweigungen herausgezogen hat. Doch so gut wie immer bricht der Ausläufer ab, und dann wird selbst aus winzigen Stücken wieder neuer Giersch erwachsen.

„Ja, der Kampf gegen den Giersch ist wie der Kampf gegen die Elemente“, meint Britta Raabe. „Wir jagen keine Mammuts mehr, dafür jagen wir den Giersch.“ Sie habe mit Freunden schon Gierschpartys gefeiert, um Brachflächen von seiner Kolonie zu befreien. „Aber man weiß ja, wie es enden wird. Zuletzt werden wir alle unter dem Giersch liegen.“

Gerade deshalb rät sie, das Beste aus diesem „Unkraut“ zu machen, das man ebenso gut als „wohlschmeckendes Wildgemüse“ bezeichnen könnte. Junger Giersch scheint wie ein ganzer Rohkostsalat zu schmecken, nach Petersilie, Möhre, Spinat und sogar Mango. Sein Vitamin-C-Gehalt übertrifft denjenigen von Kopfsalat, Rosenkohl, ja sogar um ein Vierfaches denjenigen der Zitrone. Er besitzt dreizehnmal so viele Mineralstoffe wie der für seinen Mineralstoffgehalt berühmte Grünkohl. In früheren Notzeiten wurde der Giersch tatsächlich extra angebaut, um die Menschen mit ein paar Nährstoffen zu versorgen, wenn sonst nichts anderes wachsen wollte.

Britta Raabe nutzt die jungen Blätter für Kräuterquark und Kräuterbutter, kocht eine Art Spinat aus den älteren Blättern oder fügt sie einem Brotteig bei. Man kann Giersch-Tee aufbrühen (hat leicht abführende Wirkung), die Blüten frittieren, Kräuteressig herstellen, Giersch zum Suppengemüse machen, oder als Petersilie-Alternative ins Tabouleh mischen. Sein lateinischer Name, der übersetzt soviel wie „Gichtheilender Ziegenfuß“ bedeutet, ist allerdings irreführend. Dr. Eckart Marx, Hobby-Botaniker aus Rinteln, weiß, dass der Giersch zwar gesund ist, aber gegen die Gicht, wie man es jahrhundertelang glaubte, nichts ausrichten kann.

Er hat auch Tipps für alle, die das „Wildgemüse“ nicht in ihrem Garten sehen wollen. „Man wird bei der Giersch-Bekämpfung immer Reste hinterlassen, aus denen Rhizome und ihre Ausläufer wachsen wie Schlangen aus einem Gorgonenhaupt. Deshalb braucht man eine Nachfolgestrategie“, sagt er. Dort, wo der Giersch sich breitgemacht hatte, pflanzt man nach der Bereinigung Balkan-Storchschnabel oder, auf trockenem Boden, das Kaukasische Lungenkraut. Die sind stärker als der Giersch, sehen hübsch aus und erfreuen auch Bienen und Hummeln.

Nicht nur Giersch weiß sich großartig menschlicher Angriffe zu erwehren. Auch der Löwenzahn ringt einem mit seiner Vermehrungsstrategie Bewunderung ab. „Löwenzahn ist hoch raffiniert“, sagt Eckard Marx. Er kann sich nämlich ohne Befruchtung fortpflanzen. „Aller Löwenzahn, den man auf einer Fläche sieht, besteht aus Klonen.“ Deshalb vermehrt er sich so rasant schnell, ein Erbe aus der Eiszeit, wo es unendliche Brachflächen gab, die sich der Löwenzahn mit seinen 150 Pusteblumensamen pro Blüte im Handumdrehen erobern konnte. „Da hilft nur eines“, so Marx. „Die Wurzel bis zum Grund ausstechen.“ Im Mittelalter seien die Bauern zum Löwenzahnstechen zwangsverpflichtet worden, weil sonst ganze Ernten verhindert worden wären.

Ein weiter unerbetener Gartenbewohner ist nicht selten die Brombeere. Mancher, der sich im ersten Moment darüber freut, dass überraschenderweise eine Brombeere bei ihm wächst – immerhin hat sie ja köstliche Früchte zu bieten – bereut schon wenig später, dass er sich von ihr hat verführen lassen. „Nicht umsonst nennt man eine der häufigen Brombeerarten den ‚Armenischen Stacheldraht‘ “, sagt Marx. Die Brombeere wächst so schnell in alle Richtungen, hakt sich überall mit ihren starken Stacheln fest und bildet an den Ausläufern neue Wurzeln, aus denen es lebhaft sprosst, dass der eigene Garten schnell wie eine Abwehranlage gegen seinen Besitzer wirkt.

Britta Raabe hält es so: „Ein Jahr darf die Brombeere bei mir ungestört wachsen und tragen, und dann wird sie bis auf die Wurzel abgeschnitten.“ Bis „auf die Wurzel“ deshalb, weil das Vernichten der Wurzel kaum Erfolg haben wird. Diese bildet bis zu sechs Meter lange unterirdische Ausläufer, die an unerwarteten Stellen wieder ans Tageslicht treten. Gärtner empfehlen zwar diese und jene Abwehrmethode, doch Raabe und Marxsind überzeugt: Die Wurzel wird man nie mehr los. „Wo sie mal gesiegt hat, wird sie immer Sieger bleiben“, so Marx.

Was bleibt, sind Friedensverträge mit dem „Unkraut“. Britta Raabe schlägt da Folgendes vor. Man solle den Eindringlingen gewisse Gartenareale zuweisen und sie dann regelrecht ernten – auch Brennnessel und Löwenzahn können ja verzehrt werden. Und ansonsten gärtnere man nach dem Mondkalender. „Es wirkt, jedenfalls einigermaßen“, sagt Raabe. „Nach dem Mondkalender gibt es ‚Wurzeltage‘, an denen man besonders gut ‚krauten‘ kann.“ Sie käme mit zwei Aktionen pro Jahr aus. „Und überhaupt – Gärten sollten ruhig viel wilder sein! Wir wollen doch nicht zum Sklaven unseres Gartens werden.“

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