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Fledermäuse sind wieder in der Dämmerung zu sehen – Sommerquartiere werden bezogen

Die Flugkünstler erwachen

Die ersten warmen Tage und Nächte haben die Fledermäuse aus dem Winterschlaf geweckt. Die Flugkünstler ziehen nun von ihren Winter- in die Sommerquartiere. Für ihren Winterschlaf suchen die Tiere vor allem Höhlen, Stollen, Bunker oder Keller auf. Orte also, die eine konstant kühle Temperatur und eine hohe Luftfeuchtigkeit aufweisen.

veröffentlicht am 09.04.2018 um 16:32 Uhr

In Kellergewölben fühlen sich die Fledermäuse so richtig wohl: Sie mögen eine konstant kühle Temperatur und eine hohe Luftfeuchtigkeit. Foto: dpa

Autor

Felix David Reporter
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Auf dem Zug zwischen Winterquartier und Sommerquartier können sehr weite Strecken zurückgelegt werden – so ist eine Rauhautfledermaus mit einer Zugstrecke von über 1900 Kilometern bekannt.

„Viele Menschen wissen inzwischen, dass bei uns einige Fledermausarten an Gebäuden leben. Weit verbreitet ist dabei der Irrglaube, dass es sich hierbei ausschließlich um alte Gebäude handelt. Tatsächlich machen vor allem spaltenbewohnende Fledermäuse wie die Zwergfledermaus keinen Unterschied zwischen alten und neuen Gebäuden. Wichtig ist nur, dass sie einen passenden Spalt finden, der ihnen genug Platz lässt und auch die passenden klimatischen Bedingungen für die Jungenaufzucht bietet“, berichtet Ralf Berkhan, Fledermausexperte des Naturschutzbundes Nabu Niedersachsen. Im Sommer wollen es Fledermäuse warm und trocken. Solche Bedingungen können ebenso hinter einer Holzverschalung an einem alten Bauernhaus herrschen wie an einem Plattenbau in der Großstadt.

Anders ist dies bei solchen Arten, die sich lieber direkt im Dachboden aufhalten. Diese Arten brauchen große und nicht ausgebaute Dachböden, die zugleich möglichst zugluftfrei sind. Solche Dachböden sind an modernen Häusern kaum noch zu finden, weshalb das Große Mausohr oder auch die beiden Langohrfledermaus-Arten (Braunes und Graues Langohr) häufig in Kirchen oder anderen historischen Gebäuden zu finden sind.

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Tatsächlich machen Fledermäuse keinen Unterschied zwischen alten und neuen Gebäuden.

Ralf Berkhan, Nabu-Fledermausexperte

Durch die Intensivierung der Landwirtschaft ist die Vielfalt der bäuerlichen Kulturlandschaften verlorengegangen – das beeinflusst auch das Nahrungsangebot für die Fledermaus, wie der Nabu erklärt. „Die negativen Auswirkungen auf das Angebot an Beutetieren wie Nachtfaltern, Käfern oder anderen Fluginsekten sind erheblich. Auch der Einsatz von Pestiziden, sowohl in der Landwirtschaft, aber auch in der Forstwirtschaft und im Privathaushalt macht den Tieren zu schaffen“, sagt Berkhan. Die Giftablagerungen erreichen im wenige Gramm schweren Tierkörper entweder tödliche Konzentrationen oder werden über die Muttermilch an die Jungen weiter gereicht. Zudem werden viele Quartiere vom Menschen unbewusst zerstört. Besonders höhlenreiches Altholz wird noch immer aus dem Wald entfernt. Dachböden werden renoviert und mit Holzschutzmitteln behandelt, Hohlräume ausgeschäumt und Fugen versiegelt. „Wichtige Lebensräume unter Dächern oder hinter Fassadenverkleidungen gehen so verloren“, stellt Ralf Berkhan fest.

Es gibt also zahlreiche Ursachen für die Bedrohung der Fledermäuse. Von den 25 in Deutschland vorkommenden Arten sind vier Arten vom Aussterben bedroht. Drei Arten gelten als stark gefährdet und weitere fünf Arten sind als gefährdet eingestuft.

Jeder kann selbst mit geringem Einsatz zum Schutz der Fledermäuse beitragen. Die Bereitstellung eines Fledermauskastens als potenzielles Quartier ist hier eine bewährte Methode. Fledermauskästen gibt es für spalten- wie auch höhlenbewohnende Arten. Diese können selbst gebaut oder im Fachhandel gekauft werden. Wer bei Dämmmaßnahmen am Haus Rücksicht auf Fledermäuse nehmen möchte, kann aber auch einen der vom Nabu Niedersachsen ausgebildeten „Fledermaus-Botschafter“ zu Rate ziehen. Mit der Aktion „Fledermausfreundliches Haus“ trägt der Nabu Niedersachsen dazu bei, die Akzeptanz für Fledermäuse in der Nähe des Menschen zu erhöhen sowie bestehende Quartiere zu erhalten und neue zu schaffen. Menschen, die sich für Fledermäuse engagieren und in ihren Häusern dulden, werden vom Nabu deshalb mit der Plakette „Hier sind Fledermäuse willkommen“ ausgezeichnet.

Bewerben können sich Hauseigentümer oder auch Verwalter von öffentlichen Gebäuden, die die Quartiere dieser heimlichen Hausbewohner dulden und fördern. Ganz gleich, ob es sich bei dem Gebäude um ein Wohnhaus, Hotel, Bauernhof, ein Fabrikgebäude, eine Schule oder eine Kirche handelt. Auch Winterquartiere können ausgezeichnet werden. 300 Plaketten „Hier sind Fledermäuse willkommen“ wurden von der Niedersächsischen Bingo-Umweltstiftung gefördert, um das Engagement von Hauseigentümern oder anderen „Gebäudeverwaltern“ zu belohnen.

Information

Fledermäuse im Weserbergland

Das Weserbergland bietet eine breite Palette an Lebensräumen für Tiere, da es eine hohe landschaftliche Vielfalt aufweist. Im Artenschutz werden im Landkreis Hameln-Pyrmont Artenhilfsmaßnahmen für das Vorkommen der heimischen Fledermausarten erforderlich.

Der Fledermaus-Artenschutz bildet eine Hauptaufgabe der Artenschutzarbeit der Naturschutzbehörde. Dieser wird in enger Zusammenarbeit mit den beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz beauftragten Regionalbetreuern für Fledermausschutz sowie den Naturschutzverbänden durchgeführt. Insbesondere werden durch diese umfangreiche Kartierungen, Betreuungen von einzelnen Quartieren sowie Kontroll- und Schutzmaßnahmen durchgeführt und umgesetzt.

Für das Gebiet des Landkreises Hameln-Pyrmont sind folgende Fledermausarten nachgewiesen: Mopsfledermaus, Braunes Langohr, Mausohr, Bechsteinfledermaus, Fransenfledermaus, Große Bartfledermaus, Kleine Bartfledermaus, Wasserfledermaus, Teichfledermaus, Kleiner Abendsegler, Abendsegler, Zwergfledermaus, Rauhautfledermaus, Zweifarbfledermaus und die Breitflügelfledermaus.

Fledermaus-Vorkommensind aus allen Bereichen des Landkreises bekannt. Insbesondere werden dabei die waldbestandenen Hänge entlang der Weser und der größeren Nebengewässer sowie Ortschaften mit alter Bausubstanz und ausgeprägter alter Durchgrünung besiedelt. Gleichzeitig werden die angrenzenden Räume als Jagdrevier genutzt. Von besonderer überregionaler und landesweiter Bedeutung sind die Felsklüfte und Höhlen im Süntel, welche als Überwinterungsraum für die meisten oben genannten Arten dienen, aber auch das Bad Pyrmonter Bergland sowie der ehemalige Bergwerkstollen im Osterwald.

Von internationaler Bedeutung ist ein Überwinterungsquartier der Fledermausart Abendsegler, welches sich hinter einer steinernen Fassade einer Bad Pyrmonter Kurklinik befindet.

Von den genannten Fledermausartensind die Zweifarbfledermaus, Bechsteinfledermaus und Mopsfledermaus nur sporadisch anzutreffen, Rauhautfledermaus, Kleiner Abendsegler sowie Große und Kleine Bartfledermaus sind eher selten anzutreffen. Aus tiergeographischer Sicht ist das Vorkommen der Fledermausart Mausohr erwähnenswert, da diese Art ihren Verbreitungsschwerpunkt als wärmeliebende Tierart weiter südlich in Niedersachsen hat.

Trotz einer erkennbaren Stabilisierung der Bestände von Zwergfledermaus, Breitflügelfledermaus, Wasserfledermaus und eventuell Mausohr sind alle im Landkreis vorkommenden Fledermausarten in ihrem Bestand unter anderem durch die Zerstörung ihrer Lebensräume sowie durch Nahrungsverknappung und -vergiftung infolge der Anwendung von Insektiziden in Gärten und auf landwirtschaftlich genutzten Flächen gefährdet. Neben dem Schutz der Quartiere sind vordringlich die Sicherung und Entwicklung der Jagdreviere der Fledermäuse und ihrer Flugstraßen durch Schutz, Pflege und Entwicklung von naturnahen Fließ- und Stillgewässern in Ortsnähe, von Laub- und Mischwäldern mit Altholzbereichen sowie von linienförmigen Baumreihen und Feldhecken zu fördern. Des Weiteren sind für gebäudebewohnende Fledermausarten alle naturnahen Habitate in einem Radius von mindestens zehnKilometer um alle dörflichen oder städtischen Strukturen von großer Bedeutung.

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