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Was der ehemalige DGB-Kreisvorsitzende Volker Eggers im Ruhestand treibt / Nachfolger noch nicht gefunden

„Die wollten doch alle nur Willy Brandt hören“

Es sind ziemlich große Fußstapfen, die Volker Eggers als Vorsitzender des DGB-Kreisverbandes Hameln-Pyrmont hinterlassen hat. Zu große Fußstapfen offenbar, denn in der letzten Kreisvorstandssitzung war niemand bereit, das Amt von ihm zu übernehmen.

veröffentlicht am 14.07.2017 um 20:15 Uhr

Volker Eggers, ganz entspannt als Privatmann und begeisterter Fotograf in seinem Garten. Politische Ambitionen auf ein Mandat hat er nicht. Foto: wft
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Autor

Wolfhard F. Truchseß Reporter
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„Das kann ich nicht leisten, was der in den vergangenen Jahrzehnten für den DGB geschafft hat“, sollen mehrere Mitglieder auf Befragen einer im November 2016 eingesetzten Findungskommission geantwortet haben. Deshalb werden die organisatorischen Aufgaben für den Kreisverband in Zukunft von den beiden in Hannover amtierenden Regionalsekretären Torsten Hannig und Jana Sündermann wahrgenommen und die Suche nach einem neuen Kreisvorsitzenden fortgesetzt.

Eggers war ohne Unterbrechung seit dem November 1982 der Sprecher des Deutschen Gewerkschaftsbundes, zeitweise auch der Vorsitzende des aus den DGB-Kreisverbänden Hameln-Pyrmont, Holzminden und Schaumburg entstandenen Kreisverbandes Weserbergland, der nach einer Reform im Jahr 2001 wieder in seine ursprünglichen Bestandteile aufgelöst wurde, um den DGB vor Ort organisatorisch wieder zu stärken. Der Unterschied: Wurden die Kreisverbände bis zum Jahr 2001 von hauptamtlichen Sekretären geführt, amtieren seither auf dieser Organisationsebene nur noch ehrenamtliche Kräfte.

Auch Volker Eggers war in dieser Zeit ehrenamtlicher Vorsitzender und verdiente seine Brötchen als Regionalsekretärs der Region Niedersachen-Mitte, die räumlich identisch mit dem ehemaligen Regierungsbezirk Hannover ist. Seit Mai 2015 besetzte er diese Stelle, allerdings nur noch formal – tatsächlich profitierte er bis November 2016 von der Altersteilzeitregelung und begann seine neu gewonnene Freizeit zu genießen und nur noch den DGB-Kreisverband Hameln-Pyrmont zu leiten.

Volker Eggers bei einem seiner Auftritte (vermutlich 1.-Mai-Kundgebung) in den 90er Jahren. Foto: Dana
  • Volker Eggers bei einem seiner Auftritte (vermutlich 1.-Mai-Kundgebung) in den 90er Jahren. Foto: Dana
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Langeweile habe er dabei nicht, betont der Gewerkschafter. Sein Hobby Nummer 1: das Fotografieren insbesondere von Industriebrachen, die sich die Natur zurückerobert haben und auch von Industriemuseen. Was bereits daraus entstanden ist, sind mehrere Fotobücher und die Mitgliedschaft in der Fotocommunity-Gruppe Hameln. Mit Fotos der Vergangenheit hat ein weiteres Großprojekt zu tun. Es geht um Bilder von den Veranstaltungen zum Tag der Arbeit, aus denen für die Zeit vom 1. Mai 2003 bis 2010 bereits ein erster umfangreicher Fotoband entstanden ist. „Ich muss noch Tausende von Bildern für die Jahre bis 2017 sichten“, erzählt er im Gespräch. „Die haben mir andere Kollegen, die ebenfalls fotografieren, auf Datenträger gebrannt. Das wird noch jede Menge Arbeit machen.“

Ein Highlight aus seiner Zeit als DGB-Kreisvorsitzender weiß er auch zu berichten: „Eigentlich hatte der Kreisvorstand den Beschluss gefasst, zum 1. Mai keine Politiker einzuladen, sondern nur Gewerkschafter. Aber dann wurde mir für den 1. Mai 1986 in Hannover ein Besuch von Willy Brandt angeboten und ich habe ihn eingeladen, ohne mit dem Vorstand beraten zu können.“ Hinterher sei es mit einigen Gegenstimmen abgesegnet worden. Bereut habe er es nicht, „denn das war dann schon ein ganz besonderer Tag für den Kreisverband.“ Einen Fehler habe er auf der Veranstaltung dann aber doch gemacht. „Ich habe viel zu lange vor Willy Brandt geredet. Die wollten doch alle nur Willy hören.“

Ich war immer durch und durch Gewerkschafter und bleibe das auch.

Volker Eggers, Ehemaliger DGB-Kreisvorsitzender

Der Gewerkschaftsfunktionär Volker Eggers hat übrigens selbst nie als abhängig Beschäftigter in einem Betrieb gearbeitet. Nach dem Abitur leistete er im Anna-Stift in Hannover seinen Zivildienst bei Körperbehinderten ab. Das habe ihn auf den Gedanken gebracht, Sozialwissenschaften zu studieren, um sich für den benachteiligten Teil der Bevölkerung besser engagieren zu können. Als Student habe er in Göttingen eine gewerkschaftliche Studentengruppe gegründet und sei als studentische Hilfskraft Mitglied der ÖTV geworden und habe mit beratender Stimme bald dem DGB-Kreisvorstand Göttingen angehört. Parallel zum Studium habe er für die gewerkschaftliche Bildungsorganisation „Arbeit und Leben“ politische Arbeitskreise in Betrieben gegründet und für den Ortsverband Einbeck beispielsweise Bildungsurlaubsseminare als Referent betreut und sich so auch sein Studium mitfinanziert. So sei es nur logisch gewesen, dass er nach Abschluss mit dem Diplom bei „Arbeit und Leben“ angefangen habe und dort von 1979 bis Ende 1982 als ABM-Kraft beschäftigt worden sei.

In dieser Zeit hätten die Einzelgewerkschaften im Kreisverband Hameln-Pyrmont den DGB-Kreisvorsitzenden Heinz Hoffmann gedrängt, sich zwischen seinem Landtagsmandat und dem Kreisvorsitz zu entscheiden. „Hoffmann entschied sich für das Landtagsmandat und die Stelle wurde ausgeschrieben.“ Es mag seine Qualifikation und seine Arbeit unter anderem mit VW-Werkern in Salzgitter gewesen sein, „dass ich nominiert und gewählt wurde“, erinnert sich Volker Eggers. Peter Kurbjuweit, damals IG-Metall-Sekretär, habe sich dort genau nach ihm erkundigt und offenbar positive Referenzen erhalten.

Parteipolitisch hat sich Volker Eggers, der 1981 der SPD beigetreten war, nie betätigt. „Ich war immer durch und durch Gewerkschafter und bleibe das auch.“ Dass er von den Hartz-Reformen und der Rente mit 67 nichts gehalten habe und auch heute nichts halte, verschweigt Eggers nicht. „Das habe ich auch Lömö ganz klar gesagt.“ Trotzdem habe er den Schritt, den Kurbjuweit und Jutta Krellmann mit dem Wechsel erst zur WASG und dann der Linkspartei vollzogen, nicht mitgemacht. „Spaltung schadet nur der Arbeiterschaft“, begründet er sein Bleiben in der SPD. Aber ein Mandat, wie Jutta Krellmann es im Bundestag innehat oder Kurbjuweit im Kreistag und im Stadtrat, strebt Eggers nicht an. „Ich will jetzt meine Freiheit genießen, bleibe aber ein leidenschaftlicher politischer Beobachter.“

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