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Wenig Grund zur Freude für Niedersachsens Bauern

Durchschnittliche Ernte – hohe Kosten

Es hätte alles noch viel schlimmer kommen können: Frost im Frühjahr, Dauerregen, Sturm - dafür ist die diesjährige Ernte in Niedersachsen noch ganz ordentlich. Für viele Bauern ist das trotzdem kein Grund zum Jubeln. Und für die Verbraucher?

veröffentlicht am 13.11.2017 um 15:03 Uhr
aktualisiert am 13.11.2017 um 15:40 Uhr

Sturm und Starkregen haben dem Getreide in diesem Jahr nicht gut getan. Wegen dem lang anhaltenden Regenwetter rechnen Landwirte in Norddeutschland bei der Getreideernte mit Verlusten von teilweise bis zu 85 Prozent oder auf manchen Feldern auch mit

Autor:

Thomas Strünkelnberg
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Zwar ist die diesjährige Ernte besser ausgefallen als erwartet, aber dennoch müssen die Landwirte damit rechnen, weniger zu verdienen. Der Grund: das schlechte und lange Zeit viel zu nasse Wetter. „Für schlechtere Qualitäten gibt es auch weniger Geld“, erklärte der Präsident der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Gerhard Schwetje, in Hannover. Dazu komme der höhere Aufwand - mehr Arbeit und Maschineneinsatz, und damit auch mehr Treibstoffverbrauch.

Bleibt da nur, auf die nächste Ernte und besseres Wetter zu hoffen? Bislang sei der Boden vielerorts zu nass, um die Herbstsaat auszubringen – dabei hätte vor allem die Wintergerste bereits eingesät sein müssen, erklärte Jürgen Kauke, Fachbereichsleiter bei der Landwirtschaftskammer. Noch sei das aber für die Landwirte kein Problem, sie dürften auf andere Getreidesorten ausweichen.

Hat das Wetter die Ernte 2017 verhagelt? Nein, so einfach ist es nicht. Die Ernte sei trotz der Wetterkapriolen durchschnittlich ausgefallen, es seien aber mehr Arbeit, Maschineneinsatz und Kosten angefallen, erklärte Schwetje. Auch seien die Erntemengen regional unterschiedlich: „Wenige Kilometer reichen, um den Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Ernte auszumachen.“ Beim Getreide gab es – ohne Körnermais – knapp sechs Millionen Tonnen, drei Prozent weniger als im Vorjahr. Nur: Schon 2016 war die Erntemenge um fast zehn Prozent gesunken. Im laufenden Jahr stiegen die Erlöse je Hektar um 2,4 Prozent, waren aber im vergangenen Jahr um 17 Prozent abgestürzt.

Schwierig sei es auch bei den Kartoffeln: Erwartet wird eine Erntemenge von 5,4 Millionen Tonnen – ein Plus von zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Allerdings sei die Ernte in vielen EU-Staaten überdurchschnittlich ausgefallen, höhere Preise seien daher nicht zu erwarten. Im Gegenteil: die Erzeugerpreise seien drastisch gefallen und lägen derzeit um ein Drittel unter denen vom vergangenen Herbst. Dazu kommt die Frage, ob sich die Kartoffeln gut lagern lassen, denn der viele Regen begünstigt Knollenfäule und Bakterienwachstum.

Wenige Kilometer reichen, um den Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Ernte auszumachen.

Gerhard Schwetje, Landwirtschaftskammer Niedersachsen


Profitieren Bauern von der besser als erwartet ausgefallenen Ernte? Kaum. Laut Landwirtschaftskammer sind die Erlöse je Hektar Getreide in diesem Jahr oft nur knapp kostendeckend. Beim Weizen sind immerhin leicht steigende Preise zu erwarten. Besonders hoch sind die Preise den Angaben zufolge beim Brotroggen, weil das Getreide oft wegen des Wetters nicht die Qualität hat, die der Bäcker sich wünscht. Bei der Qualität geht es etwa um den Proteingehalt. Roggen werde außer in Deutschland nur noch in Polen und Skandinavien angebaut, der Markt sei also angespannt. Allerdings habe eine regionale Ernte meist nur wenig Einfluss auf die Getreidepreise, der Markt sei global, erklärte Schwetje. Die Folge: „Die Stimmung bei den Getreidebauern ist nicht gut.“ Auch bei anderen Betrieben sieht es nicht viel besser aus.

Bei den Kartoffeln wird eine Erntemenge von 5,4 Millionen Tonnen erwartet. Foto: dpa
  • Bei den Kartoffeln wird eine Erntemenge von 5,4 Millionen Tonnen erwartet. Foto: dpa
Bauern stellen sich trotz höherer Apfelpreise auf Verluste ein. foto: dpa
  • Bauern stellen sich trotz höherer Apfelpreise auf Verluste ein. foto: dpa


Warum haben die Bauern bei schlechtem Wetter höhere Kosten? Nicht nur geringere Ernteerträge oder die Qualität etwa des Getreides haben einen Einfluss darauf, was der Landwirt verdient. Schon die Aussaat im Herbst 2016 war wegen der Trockenheit schwierig, arbeitsintensiv und damit auch teurer. Speziell zur Erntezeit aber schlug der Dauerregen ins Kontor. Er sorgte dafür, dass die schweren Erntemaschinen nicht auf die Äcker konnten und oft mehrfach anrücken mussten. Experten zufolge stieg der Dieselverbrauch um 10 bis 20 Prozent - normalerweise fallen rund 100 Liter Diesel je Hektar an. Vielfach musste das geerntete Getreide getrocknet werden. Um von 17 Prozent auf 14 Prozent Feuchtigkeit im Korn zu kommen, seien 1,50 Euro je Dezitonne – also je 100 Kilogramm – notwendig, erklärte Schwetje. Zum Vergleich: derzeit erhalten Landwirte insgesamt rund 15 Euro je Dezitonne Getreide.

Müssen die Verbraucher jetzt mit steigenden Preisen rechnen? Das ist unwahrscheinlich. Der Rohstoffanteil bei Brot und Brötchen ist verschwindend gering, das Bäckerhandwerk spricht früheren Angaben zufolge von bis zu zehn Prozent, der Bauernverband von bis zu fünf Prozent. Selbst eine Verdoppelung des Getreidepreises bedeutete laut Landwirtschaftskammer einen halben Cent mehr pro Brötchen. Und bei Kartoffeln sind die Preise deutlich gefallen.

Information

Ein Ende ist nicht absehbar: Bio-Boom im Lebensmittelhandel

Die deutschen Verbraucher greifen immer öfter zu Bioprodukten. Nach einer aktuellen Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hat sich der Bioanteil beim Lebensmittel- und Getränkeeinkauf in den vergangenen zehn Jahren nahezu verdoppelt – von knapp drei auf fast sechs Prozent. Bio sei im Konsumgüterbereich „der erfolgreichste Trend überhaupt“, urteilen die Marktforscher.

Egal ob es um Biofleisch, ungespritztes Obst und Gemüse oder Bio-Eier geht, die Nachfrage steigt. Nach Berechnungen des Arbeitskreises Biomarkt kauften die Deutschen im vergangenen Jahr für 9,48 Milliarden Euro Bio-Lebensmittel und -Getränke. Das bedeute eine Steigerung von rund 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr. „Es gab kaum Warengruppen, bei denen kein Umsatzplus zu verzeichnen war“, beobachtet der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW).

In einigen Bereichen bringt das den Handel gelegentlich schon an die Grenzen seiner Möglichkeiten. So berichtet Dirk Heim, Bereichsleiter Nachhaltigkeit beim Handelsriesen Rewe: „Seit zwei Jahren beobachten wir enorme Zuwachsraten im Bereich Biofleisch. Die Nachfrage ist so groß, dass wir ab und zu den Bedarf gar nicht decken können.“ Rewe versucht inzwischen, durch langfristige Verträge mit strategischen Partnern eine ausreichende Versorgung mit Bioprodukten sicherzustellen. Aber wenn die Ernte so schlecht ausfalle, wie etwa in Deutschland in diesem Jahr bei den Äpfeln dann sei das „ein Riesenproblem“.

Rewe allein hat im vergangenen Jahr rund eine Milliarde Euro Umsatz mit Bioprodukten gemacht. Knapp 90 Prozent davon entfielen auf Eigenmarken der Handelskette. Denn Markenartikler spielen beim Thema Bio nach wie vor eine untergeordnete Rolle. Die Zeiten, in denen umweltbewusste Verbraucher mühsam nach Bio-Produkten suchen mussten und nur in Naturkostläden fündig wurden, sind längst vorbei. Fast zwei Drittel der Umsätze mit Bio-Produkten werden inzwischen in Supermärkten, bei Discountern und in Drogeriemärkten gemacht – - und ihr Anteil steigt.

Für Edeka, Rewe, Aldi, Lidl und Co. ist Bio gleich aus mehreren Gründen attraktiv. Zum einen, weil die Kasse klingelt: Bioprodukte sind nach Berechnungen der GfK im Durchschnitt um 64 Prozent teuer als konventionelle Produkte. Zum anderen wegen der Zielgruppen, die mit Bioprodukten erreicht werden: „Vor allem jüngere Leute und Familien mit Kindern, aber auch höhere Einkommensgruppen lassen sich damit ansprechen. All das sind interessante Zielgruppen“, sagt Rewe-Manager Heim.

Eine Ende des Bios-Booms ist für den Chef des Bio-Labels Alnatura, Götz Rehn, denn auch nicht in Sicht. Er prognostizierte kürzlich: „Bio steht erst am Anfang.“

Doch nicht alle teilen diesen Optimismus uneingeschränkt. „Bio boomt nach wie vor. Aber das muss nicht immer so weitergehen“, meint etwa Rewe-Manager Heim. Die Bio-Hersteller müssten anfangen, auch andere Kaufmotive stärker zu bedienen, die für die Kunden relevant sind, drängt er. „Etwa Regionalität, Fairness und Tierschutz.“dpa

Mäßige Erträge

Wein: Das Wetter macht den großen europäischen Weinländern in diesem Jahr schwer zu schaffen. Vor allem wegen des Frosts im Frühjahr müssen sie dramatische Einbußen verkraften. Die weltweite Weinproduktion ist in diesem Jahr auf den niedrigsten Stand seit mehr als 50 Jahren gefallen.

Apfelsaft: Die Zeit des billigen Apfelsaftes neigt sich dem Ende. Die geringe Apfelernte aufgrund des kalten Wetters 2017 wird nach Experteneinschätzung noch vor Jahresende zu spürbaren Preissteigerungen an den Supermarktregalen führen. „Dass die Apfelernte bescheiden ausfällt, ist bekannt“, sagte Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen.

Honig: Deutschlands Imker haben in diesem Jahr mehr Honig ernten können. Pro Bienenvolk konnten 2017 durchschnittlich rund 37 Kilo Honig eingeholt werden, wie das Fachzentrum Bienen und Imkerei in Mayen mitteilte. Damit habe man zwar besser abgeschnitten als im extrem schlechten Erntejahr 2016, als es nur 31 Kilo waren. Man liegt aber noch unter den Erträgen von 2015. „Das Jahr 2017 war nicht dramatisch schlecht, aber auch nicht gut“, sagt Zentrumschef Christoph Otten: „Es war eine mäßige Ernte.“ Grund für das Plus war das Wetter, was nicht so schlecht war wie im Vorjahr. dpa

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