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Wie sich Hamelner Frauen vor 25 Jahren das Recht erkämpften, an der Grenzbeziehung teilzunehmen

Ein grenzenloser Tabubruch

Wenn am Samstag, 26. Mai, auf Schliekers Brunnen der dreifache Schlachtruf „Hepp, hepp, horrido“ ertönt, dann wird gefeiert. Aber nicht etwa die traditionelle Grenzbeziehung, sondern ein Jubiläum der ganz besonderen Art. Vor 25 Jahren nämlich brachen Hamelner Frauen ein Tabu: Sie marschierten einfach mit bei der damals 288. Wanderung um die Grenzen der Stadt – bis dato vollkommen undenkbar für viele Traditionalisten, heute eine Selbstverständlichkeit. Ein Blick zurück.

veröffentlicht am 10.05.2018 um 14:00 Uhr

Gemischte Runde – da schmecken Bier und Erbsensuppe doppelt so gut. Kerstin Henkel (re.), heute Hasewinkel, und Michaela Schraeppler (2. v. re.), heute Kruse, sind zufrieden. Foto: Archiv
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Autor

Christa Koch Reporterin
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Bei der Dewezet ist es seit Jahrzehnten üblich, dass der jeweilige Sonntagsdienst Samstagstermine von größerer Bedeutung selbst wahrnimmt. Und dazu gehört eben auch die traditionelle Grenzbeziehung. Im September 1992 hatte es mich erwischt mit dem Sonntagsdienst. Aber: Über das Ereignis schreiben durfte ich nicht. Weil: Frau. „A gehns, Gnädigste, Männer müssen schließlich auch omal austreten“, versuchte unser damaliger Chefredakteur Dr. Hermann A. Griesser, ein Wiener, verzweifelt Argumente gegen eine Frauen-Teilnahme ins Feld zu führen. Mein Gesicht seinerzeit: ein Fragezeichen. Müssen Frauen denn etwa nicht austreten?

Offenbar nicht. Denn einige wenige Frauen waren durchaus regelmäßig dabei bei diesem Traditionsmarsch. Allerdings lediglich in dienender Funktion. Sie „durften“ im Spielmannszug mitmusizieren, den Männern Erbsensuppe aus- oder Bier einschenken. Was so eine tüchtige Hausfrau eben macht. Ansonsten: Teilnahmeverbot, obwohl das in keiner Satzung steht. Das Argument „war schon immer so“ (wahlweise auch „war noch nie so“) reichte den Männern aus, um unter sich zu bleiben.

Aber den Frauen reichte es auch, und zwar schon länger. Im Laufe des Jahres 1992 mehrten sich deshalb die Stimmen derer, die ihren Unmut kundtaten gegen diese Einschränkung. Die nicht unbedingt mitmarschieren wollten, aber, falls sie es denn wollten, eben doch könnten. Und eines Tages – zunächst nur als Gag, entstand der Gedanke: „Dann gründen wir eben selbst einen Verein.“ Gesagt, getan.

Polizeischutz der persönlichen Art: Gerhard Paschwitz, damals als Kontaktbeamter im Einsatz, nimmt Gesprächskontakt auf. Foto: Archiv
  • Polizeischutz der persönlichen Art: Gerhard Paschwitz, damals als Kontaktbeamter im Einsatz, nimmt Gesprächskontakt auf. Foto: Archiv
Karin Rohr und Gudrun Johns mit Klaus Nolting ( ). Den damaligen Landtagsabgeordneten der SPD brauchten die streitbaren Frauen nicht zu überzeugen – er war für eine Beteiligung der Frauen. Foto: Archiv
  • Karin Rohr und Gudrun Johns mit Klaus Nolting ( ). Den damaligen Landtagsabgeordneten der SPD brauchten die streitbaren Frauen nicht zu überzeugen – er war für eine Beteiligung der Frauen. Foto: Archiv
Gelungener Überraschungscoup: Die Frauen sind dabei. Foto: Archiv
  • Gelungener Überraschungscoup: Die Frauen sind dabei. Foto: Archiv
Dana Pollok (li.) und Christa Koch (re.) haben Spaß. Foto: Archiv
  • Dana Pollok (li.) und Christa Koch (re.) haben Spaß. Foto: Archiv
Polizeischutz der persönlichen Art: Gerhard Paschwitz, damals als Kontaktbeamter im Einsatz, nimmt Gesprächskontakt auf. Foto: Archiv
Karin Rohr und Gudrun Johns mit Klaus Nolting ( ). Den damaligen Landtagsabgeordneten der SPD brauchten die streitbaren Frauen nicht zu überzeugen – er war für eine Beteiligung der Frauen. Foto: Archiv
Gelungener Überraschungscoup: Die Frauen sind dabei. Foto: Archiv
Dana Pollok (li.) und Christa Koch (re.) haben Spaß. Foto: Archiv

Sämtliche Redakteurinnen der Dewezet und etliche andere Frauen, darunter prominente Namen wie die Bundestagsabgeordnete Gabriele Lösekrug-Möller oder aber Gudrun Schwingel, seinerzeit Ortsbürgermeisterin von Hastenbeck, machten spontan mit. Wir nannten uns „Frauen ohne Grenzen“ (weil wir niemanden ausgrenzen wollten), mir übertrug man den Vorsitz. Und so fing alles an, die Planungen für eine Frauen-Teilnahme an der historischen Grenzbeziehung liefen auf Hochtouren. Sie sollten ein ganzes Jahr dauern und verliefen höchst konspirativ – (erfolgreiche) Sponsorensuche inklusive. Denn ohne Moos bekanntlich nichts los – schließlich muss auch die Versorgung der wandernden Frauen finanziert werden.

Es müssen nervenaufreibende Wochen und Monate für die Männer gewesen sein vor dieser Grenzbeziehung des Jahres 1993. Ihre Nervosität schien mit Händen zu greifen, je näher dieser letzte Septembertag rückte. Was werden die Frauen machen? Werden sie mitmarschieren? Wird es zu Eskalationen kommen? Und wie sollen die Männer reagieren? Fragen über Fragen, die bis zum Ende offen blieben, denn alles lief unter strengster Geheimhaltung ab.

Mit Süreyya Kursawe bekleidet erstmals eine Frau das wichtige Amt einer stellvertretenden Vorsitzenden

Und dann ist er da, der große Tag: Am 25. September, Punkt acht Uhr, treffen sich die wackeren Marschierer bei Wind und Regen vor dem Hochzeitshaus, von wo aus es losgeht Richtung Finkenborn. Aber von Frauen weit und breit keine Spur. Riesen-Erleichterung teilweise triumphierende Gesichter denn auch bei den meisten Teilnehmern und besonders beim damaligen Präsidenten Theo Wehrbein, zunächst ein erbitterter Gegner der „Frauenfrage“.

Aber die Männer haben nicht mit der List der Hamelner Frauen gerechnet. Die nämlich treffen sich erst später auf der Hochzeitshausterrasse, machen Passanten, teilweise unter aufmunterndem Applaus, per Megafon auf ihr Anliegen aufmerksam und sich selbst auf den Weg Richtung Finkenborn, flüssige Wegzehrung in Form von Sekt natürlich immer dabei.

Da oben ist dann die Überraschung, der Schreck, groß. Die Damen aber lassen sich nicht beirren, bleiben souverän. Sie erbitten keineswegs die Gnade, hier mitmarschieren zu dürfen. Sie haben, so sagen sie, schlicht und einfach das Recht dazu. Das wollen sie jetzt auch wahrnehmen. Natürlich sind sie nicht mit leeren Händen gekommen, sondern haben dem Präsidenten für Vereinszwecke einen überdimensionalen Scheck über 1000 Mark überreicht. Und – noch viel wichtiger – 30 Eintrittserklärungen.

Dann gründen wir eben selbst einen Verein.

Die Redakteurinnen der Dewezet und viele weitere Frauen.

Und diese 30 neuen Mitglieder des Vereins für Grenzbeziehung und Heimatpflege, der den Hauptzweck des Vereins sogar in seinem Namen trägt, hätten wie alle anderen auch die gleichen Rechte und Pflichten. Würde dagegen verstoßen, könne das für den gesamten Verein ernste (und rechtliche) Konsequenten haben.

Eine wichtige Frage, die denn auch fast alle umtreibt: Was passiert mit Zuschüssen, die der Verein erhalten hat, falls der Vorstand (oder wer auch immer) bewusst gegen die Satzung verstößt, indem er Frauen von einer Teilnahme an der Grenzbeziehung ausschließt? Müssten die dann etwa zurückgezahlt werden? Und noch weiter gedacht: Könnte dieses Risiko, das natürlich ein finanzielles ist, letztendlich zum Todesstoß für den Verein führen?

Ob es schließlich Überlegungen wie diese sind, die die Männer zur Kapitulation bewegen, bleibt am Ende offen. Ebenso wie die leidige Toilettenfrage, die mit etwas gutem Willen auf beiden Seiten schließlich gelöst werden kann (und die heute gar kein Thema mehr ist). Das Zähneknirschen so manch wackeren Grenzers jedenfalls muss damals bis in die Stadt hörbar gewesen sein, aber was soll’s? Den Rest der Strecke legen Frauen und Männer gemeinsam zurück, am Ende des Tages mehren sich sogar die Stimmen, die eine Teilnahme von Frauen durchaus begrüßen. Und die in den letzten 25 Jahren zur Normalität geworden ist. Ebenso wie die Tatsache übrigens, dass Frauen im Vorstand des Grenzbeziehungsvereins vertreten sind. Und mit Süreyya Kursawe erstmals eine Frau sogar das wichtige Amt einer stellvertretenden Vorsitzenden bekleidet.


Jubiläumsveranstaltung: 25 Jahre „Frauen ohne Grenzen“ am Samstag, 26. Mai, um 18 Uhr, im Biergarten von Schliekers Brunnen (bei schlechtem Wetter im Saal).


Anmeldungen nimmt bis spätestens 21. Mai Schirmherrin Süreyya Kursawe (0174/ 9410503; E-Mail: suereyyaundjens@web.de) entgegen.

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