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1902 duellierte sich der Landrat von Springe mit seinem Nebenbuhler im Saupark Springe

Eine Frage der Ehre

Mit Pistolen bewaffnet standen sich Adolph von Bennigsen und Oswald Falkenhagen am 16. Januar 1902 im Saupark von Springe gegenüber. Der Grund für das Duell: Wie so oft eine Frau. Der gehörnte Ehemann von Bennigsen verlangte Genugtuung vom Liebhaber seiner Gattin, und die konnte er nach damaliger Ehrvorstellung nur mit Gewalt erlangen.

veröffentlicht am 17.07.2017 um 17:24 Uhr

Duellpistolen mit Perkussionsschloss im Kasten mit Zubehör, Belgien um 1850. Foto: Meissner

Autor:

Viktor Meissner
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„Das Duell ist in allen civilisirten Staaten verboten, und werden die Duellanten mit Gefängniß oder Festungshaft belegt, aber die Leidenschaft des Zweikampfs blüht trotz alledem üppiger als je.“ – so schreibt Adolph Kohut in seinem 1888 erschienenen Buch über berühmte Duelle.

„Wenn durch das Duell, als unmittelbare Folge desselben, der Tod des einen Duellanten herbeigeführt ist, so muß gegen den Überlebenden allemal auf die Todesstrafe erkannt werden“, heißt es in den §§ 671 und 672 der Ergänzungen und Erläuterungen zum Preußischen Kriminalrecht 1840.

Zwischen Gesetz und dem damals herrschenden Standesbewusstsein herrschte, was Duelle betraf, eine unüberbrückbare Kluft. In gewissen Fällen waren „Männer von Stand“, Offiziere, Studenten, Adlige, einfach gezwungen, zur Waffe zu greifen, wollten sie nicht ihr Ansehen und „gesellschaftliches Etablissement“ verlieren. So wurden z. B. Offiziere trotz gesetzeskonformen Verhaltens unehrenhaft aus dem Dienst entlassen und gesellschaftlich ruiniert, wenn sie eine Forderung ablehnten; sie galten als feige und kriegsuntauglich.

Zwei gleiche Florette vom „französischen Typ“ mit scharfen Spitzen um 1880. Foto: Meissner
  • Zwei gleiche Florette vom „französischen Typ“ mit scharfen Spitzen um 1880. Foto: Meissner

So dachte und handelte auch Adolph von Bennigsen als Kind seiner Zeit und Landrat im Kreis Springe, als er am 16. Januar 1902 morgens gegen 8 Uhr auf dem sogenannten Krönungsplatz im Saupark Springe sich seinem Gegner Oswald Falkenhagen zum Duell auf Pistolen stellte. Er hätte auch gar keine andere Wahl gehabt, denn nach den damaligen gesellschaftlichen Ehrbegriffen ließ sich die ihm zugefügte Schmach nur so abwaschen – mit Blut!

Um überhaupt ein Duell ausfechten zu können, musste man „satisfaktionsfähig“ sein, das heißt, einem entsprechenden gesellschaftlichen Stand mit entsprechender Bildung und Umgangsformen angehören. Arbeiter und das sonstige einfache Volk schieden von vornherein aus. Falkenhagen und von Bennigsen erfüllten beide die notwendige Satisfaktionsfähigkeit.

In der Ausgabe vom 17. Januar 1902 berichtet die Deister- und Weserzeitung: „Heute Vormittag fand auf dem sogenannten Theeplatze im Saupark ein Pistolenduell statt zwischen dem Landrat des Kreises Springe und dem Pächter der Domäne Springe Falkenhagen. Der Landrat wurde schwer verwundet. v. Bennigsen erhielt einen Schuß in den Unterleib und wurde (... mit dem Tragekorb zum Bahnhof Springe und von dort ...) mit dem Mittagszuge unter Begleitung eines Arztes nach Hannover geschafft“ ..., vom Bahnhof mit dem Sanitätswagen in das Henriettenstift. „Über die Ursachen, die zum Duell führten, wird strengstes Stillschweigen beobachtet.“ Erwähnt wird noch, dass „... das in Hannover kolportierte Gerücht vom Tode des Verletzten, vollständig aus der Luft gegriffen ...“ sei.

Einen Tag später war von Bennigsen tot. Eine vierfache Zerreißung des Darmes durch das Geschoss, Komplikationen nach der Operation und die damit verbundenen inneren Blutungen in die Bauchhöhle setzten seinem Leben ein Ende. – Von Bennigsen hat die letzten Stunden bei vollem Bewusstsein erlebt und auf dem Sterbebett die Scheidung von seiner Ehefrau verfügt.

Die Ursache war also, wie so oft in einem Duell, eine Frau, in dem Fall die Ehefrau des Adolph von Bennigsen, Elisabeth, geb. von Schnehen.

Als der damals 27-jährige, unverheiratete Landwirt Oswald Falkenhagen 1899 seine Stelle als Verwalter auf dem von Bennigsen’schen Gutshof annahm, bekam er zwangsläufig Kontakt zu seinem nächsten Nachbarn, dem Landrat Adolf von Bennigsen, der mit seiner Familie unweit von Falkenhagens neuem Domizil im Herrenhaus des Gutes wohnte. Zwischen den beiden Männern entwickelte sich ein freundschaftlicher Verkehr, so dass Falkenhagen bald ein täglicher Gast im Haus des Landrats war.

Größere Zuneigung jedoch als zu dem 14 Jahre älteren und häufig abwesenden Hausherrn entwickelte Falkenhagen für dessen Ehefrau Elisabeth. Mit ihr konnte er über alles reden, sie zeigte Teilnahme sowohl an seiner Arbeit als auch an privateren Dingen, und er außerdem sonst niemanden hatte, mit dem er sich hätte aussprechen können.

Adolph von Bennigsen wurde am 21. Januar 1902 im Park des Rittergutes beigesetzt

Der Alltag für die damals 31-jährige Hausherrin war auch nicht gerade aufregend und abwechslungsreich. Ihre Kontakte beschränkten sich auf die Dienstboten und das Kindermädchen, zumal der Ehemann viel unterwegs war.

Das Verhältnis blieb nicht nur auf Konversation beschränkt, sondern wurde allmählich immer intimer; bis es schließlich im Spätsommer 1900 zum erstenmal im von Bennigsen’schen Haus zum Geschlechtsverkehr kam. Nach Falkenhagens Aussage ging die Anregung dazu zuerst von ihm aus, die Frau hätte anfangs alles von sich gewiesen. Irgendwann jedoch machte das Gerücht die Runde, der ledige junge Nachbar kehre vorzugsweise bei Abwesenheit des Hausherrn und nicht nur zu einem Plauderstündchen bei dessen Gemahlin ein. Der häufig abwesende Ehemann erfuhr erst anderthalb Jahre später von der Liaison, als bereits die ganze Umgebung davon sprach.

Kochend vor Wut forderte der gehörnte Ehemann den Pächter Falkenhagen auf Pistolen. Versöhnungs- und Beschwichtigungsversuche durch Unparteiische blieben erfolglos, was bei der Schwere des „Insultes“ verständlich war. Die Bedingungen wurden vom beleidigten v. Bennigsen vorgegeben: „Kugelwechsel auf 15 Sprungschritt (= zirka 25 Meter); Distanz ohne Avancieren (= Vorwärtsgehen nach jedem Schuss) bis zur Kampfunfähigkeit eines der Kämpfenden.“

Sekundant von Bennigsens war der Assessor Ernst Freiherr Langwerth von Simmern, Falkenhagen wurde von seinem Schwager sekundiert.

Die Sekundanten berichteten später übereinstimmend, dass zwei Schusswechsel ergebnislos blieben, beim dritten wurde von Bennigsen in den Unterleib getroffen und brach sofort zusammen.

Am 20. Januar 1902 berichtet die Deister- und Weserzeitung vom Tod Adolph von Bennigsen und wirft gleichzeitig die Frage über Sinn und Unsinn von Duellen auf und gibt Beispiele, dass Zweikämpfe oft aufgrund übertrieben ausgelegter Ehrbegriffe aus den nichtigsten Anlässen entstehen, der Anlass in Springe jedoch ein ernster gewesen sei. Die Zeitung schreibt weiter: „... in Wahrheit besteht das Duell nur durch den Zwang, welchen der Wille bestimmter sozialer Kreise in dieser Hinsicht ausübt. Aber der Staat sanktionirt gegenwärtig diesen Zwang, und dabei kann es nicht bleiben.“ Man hält es aber für ausgeschlossen „... daß ein neues Strafgesetzbuch zu Stande kommt, welches die Tötung im Zweikampf anders, denn als Mord und Totschlag, je nach den Umständen des Falles, behandelt.“

Adolph von Bennigsen wurde am 21. Januar 1902 im Park des Rittergutes beigesetzt. Man hatte am Morgen die Leiche vom Henriettenstift nach Bennigsen überführt, wo der Wagen gegen 11 Uhr vormittags eintraf.

Neben zahlreicher lokaler Prominenz war die komplette Reichsregierung mit dem damaligen Reichskanzler Bernhard von Bülow angereist. Die Deister- und Weserzeitung berichtete am 22. Januar in einem ausführlichen Artikel darüber.

Im Schwurgerichtsprozess vor der Strafkammer des Landgerichts Hannover hatte sich am 17. Februar 1902 nur der Liebhaber zu verantworten. Die Verhandlung war – sehr zum Leidwesen der begierig lauschenden und in großer Zahl erschienenen Damenwelt – innerhalb eines Tages abgeschlossen.

Der Angeklagte und die als Zeugin geladene Witwe seines Opfers, sowie wohl auch das Gericht selbst, waren um ein schnelles Ende der öffentlichen Verhandlung bemüht. Beide stimmten den Darstellungen des Staatsanwalts jeweils kommentarlos zu. Pikante Details kamen nicht zur Sprache. Bei Fragen zu Einzelheiten der Liebesaffäre mussten die Zuschauer den Sitzungssaal verlassen.

Zur Enttäuschung der in großer Zahl angereisten Reporter trug vor allem das unspektakuläre Erscheinungsbild des ehebrecherischen Paares bei. Der zuvor als „frivoler Beleidiger“ angekündigte Falkenhagen entpuppte sich als ernster und aufgrund seiner Stirnglatze nicht gerade wie ein Don Juan wirkender Zeitgenosse. Auch die „ruchlose“, zuvor als verführerisch-üppiger Vamp dargestellte Geliebte entsprach nicht den sensationslüsternen Vorankündigungen. „Ihr Gesicht sei zwar interessant, sieht aber keinesfalls mehr jung aus und verrät auch keinerlei Üppigkeit“, war tags darauf zu lesen.

Falkenhagen wurde zu sechs Jahren Festungshaft verurteilt, eine damals übliche Ehrenstrafe für Duellanten. Trotz eingereichter Gnadengesuche musste er die volle Zeit abbüßen. Er wurde später Gutsbesitzer in Bornhagen im Landkreis Eichsfeld in Thüringen.

Seine Geliebte, Elisabeth von Bennigsen, wurde nicht nur von der Familie ihres Mannes, sondern auch von den eigenen Angehörigen verstoßen. Sie diente zunächst als Pflegerin in einem Tuberkulose-Sanatorium und verdiente später ihren Lebensunterhalt als Klavierlehrerin. – Der Kontakt zu ihren fünf Kindern wurde ihr verboten, sie sah sie erst als volljährige Erwachsene wieder.

Strafmildernd für Falkenhagen wurde in dem Prozess berücksichtigt, dass Elisabeth von Bennigsen vier Jahre älter als ihr Verehrer und zudem als die eigentlich Schuldige anzusehen war. Die Duellpistolen, die der Landrat als Fordernder gestellt hatte, wurden von einem außerordentlichen Ehrengericht eingezogen.

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