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Das Waisenhaus Anak Domba auf Bali

Hoffnung in vier Wänden

Mehrfach hat unsere Zeitung über das Waisenhaus Anak Domba auf Bali berichtet, das von der Hamelnerin Angela Bendix gegründet wurde. Jetzt war mit Benjamin Krämer zum ersten Mal ein Redakteur vor Ort.

veröffentlicht am 11.09.2017 um 09:32 Uhr

Die Waisenkinder mit ihren Betreuern und mit den Besuchern aus Deutschland. Foto: Ellada Azoidou
BK

Autor

Benjamin Krämer Reporter
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Ein Lächeln ist auf Bali viel wert – besonders für Kinder. Sie haben dort nicht viel zu lachen, denn zwischen all den Urlaubs-Selfies und Caipirinhas am Strand grassieren Kinderhandel und Missbrauch. Die weitverbreitete (Kinder-)Armut bietet einen schmutzigen Nährboden für menschliche Abgründe, der von Touristen gerne übersehen wird. Nicht übersehen hat das Leid der Kinder Angela Bendix, die nach einem Baliaufenthalt Kinder gesehen hat, die vor ihrem Hotel jeden Morgen von Ausländern abgeholt und abends wieder ausgesetzt wurden (wir berichteten). Das von ihr gegründete Projekt „Anak Domba“ dient dazu, Kinder aus Pädophilie, Prostitution und Zwangsarbeit herauszuholen und ihnen ein geschütztes Dach über dem Kopf zur Verfügung zu stellen.

Nun gibt es einen ersten Meilenstein zu feiern: Im November wird das eigene Waisenhaus offiziell eingeweiht. Bisher lebten die Kinder bei einem Pastorenehepaar in den Gemeinderäumen ihrer Kirche – dank Spenden. Eine sichere Zuflucht für die Kinder zwischen drei und 16 Jahren. Sie bedeutete allerdings auch, dass sich vier Kinder eine Matratze teilen müssen und nicht genügend Platz zum Kochen und Spielen ist. Das ändert sich mit dem neuen Waisenhaus, das mit neuen, größeren Räumen und deutlich mehr Betten ausgestattet ist. Zur Einweihung auf Bali werden auch einige Spender erwartet, um sich den Fortschritt des 2013 gestarteten Projekts anzuschauen.

Am besten lässt sich dieser am Lächeln der Kinder messen, die bereits voller Vorfreude sind auf ihr neues Zuhause. Denn für sie heißt das nicht bloß, dass sie ein eigenes Bett bekommen, sondern auch, dass sie mit einem sichereren Gefühl von der Schule zurückkehren können. Nicht selten kommt es nämlich vor, dass vornehmlich reiche Chinesen und Australier in teuren Autos bei ihrer bisherigen Unterkunft vorfahren und nach dem Preis für ein Kind fragen. Um den Blicken dieser Menschenhändler zu entgehen, erhält das neue Waisenhaus darum auch eine Mauer, die vor direkter Einsicht schützt und den Kindern mehr Sicherheit vermittelt.

Unbeschwert Ballspielen – das war nicht immer so. Foto: Ellada Azoidou
  • Unbeschwert Ballspielen – das war nicht immer so. Foto: Ellada Azoidou
Angela Bendix ist schon voller Vorfreude. Foto: Ellada Azoidou
  • Angela Bendix ist schon voller Vorfreude. Foto: Ellada Azoidou
Ein Lächeln ist auf Bali viel wert. Foto: Ellada Azoidou
  • Ein Lächeln ist auf Bali viel wert. Foto: Ellada Azoidou

Auch für diesen Schritt hofft Angela Bendix auf weitere großzügige Spenden aus der Bevölkerung in der Heimat: „Es ist unser dringlicher Wunsch, den Kindern Sicherheit zu bieten und das tiefe Wissen, dass sie mit ihrem Zuhause einen Ort haben, in den sie sich ohne Angst zurückziehen können. Denn Angst haben sie in ihrem Leben schon genug erlitten. Wir können mit unseren Spenden dafür sorgen, dass sie dieses Gefühl erleben können.“

Ein Gefühl, dass für uns, die wir in Deutschland aufgewachsen sind, in der Regel Normalität war. Für die Schützlinge von Angela Bendix hingegen ist es ein Luxus, den sie zu schätzen wissen. Sie lächeln viel, sind höflich und behandeln ihre Zieheltern und neuen Geschwister liebevoll. Es ergeben sich gar Bilder, die bei unseren Kindern eher schwer vorstellbar ist: Beim Essen sorgen die älteren Geschwister dafür, dass die jüngeren genügend Essen haben und niemand leer ausgeht. Angefangen wird erst, wenn jeder versorgt ist. Auf dem Hof spielen die Jungen ausgelassen Ball oder musizieren, die Mädchen tanzen und spielen Hüpfspiele. Sie sehen so glücklich und strahlend aus, dass es schwer vorstellbar ist, wie traumatisiert sie eigentlich sind.

Viele Kinder werden in Indonesien zur Prostitution gezwungen, um für die Grundsicherung ihrer Familie zu sorgen. Ein Junge hat einen deformierten Kopf, weil er von seinen Eltern als Kind auf den Boden geschlagen wurde. Das Grauen, aus dem sie gerettet wurden, ist schwer vorstellbar, wenn man vor Ort in diese offenen Gesichter sieht. Gleichzeitig erfüllt es doch mit Zuversicht, dass es Menschen gibt, die dieses Projekt unterstützen, ohne jemals in diese dankbaren Kinderaugen geschaut zu haben. Sie befinden sich auf einem guten Weg, das ist vor Ort zu spüren und zu sehen, auch an guten Schulnoten und einer Zukunft, die vor einiger Zeit noch reines Wunschdenken war: Ausbildung und Studium zum Beispiel, um vielleicht mal ihre eigenen Kinder vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren, wie sie es erfahren mussten. Doch nicht nur das: Anak Domba ist von Gründerin Angela Bendix als nachhaltiges Projekt geplant, das sich irgendwann einmal selbst trägt. Grundlage dafür sind gute Berufe der heutigen Waisenkinder, die später einmal etwas an das Waisenhaus zurückgeben können, indem sie es mitfinanzieren, um die Hoffnung und die Nächstenliebe weiterzugeben, die sie erleben konnten.

Normalität eben – jener Luxus, der für uns zum lästigen Nebenprodukt einer wohlhabenden Gesellschaft geworden ist. Doch Unterkunft, Sicherheit, Verpflegung und vor allem die Liebe der Zieheltern sind nur die Grundlage eines würdevollen Lebens. Hinzu kommen Vorhaben, die Angela Bendix besonders am Herzen liegen: „Wir haben mit dem Jungen Bram ein gehörloses Kind, für das wir Geld für Sprechunterricht sammeln, damit es mit den anderen Kindern kommunizieren kann. Außerdem möchten wir unbedingt eine OP für Pian finanzieren, um seine Hasenscharte zu korrigieren, die ihm das Essen und Trinken sehr erschwert.“

An Plänen und neuen Ideen für das Kinderwohl mangelt es also nicht, zumal bei entsprechenden Spendensummen auch Hühner und ein Gemüsegarten realisiert werden sollen, die zukünftig zu einer Selbstversorgung beitragen könnten. Vor Ort zeigte sich jedenfalls, dass sich dieses Projekt in kompetenten und vor allem engagierten Händen befindet. Das ist messbar, hier in Singaraja an Balis Nordküste – und zwar an dem Lachen der Kinder.


Internet: Benjamin Krämer und Ellada Azoidou berichten regelmäßig über ihre Abenteuer-Weltreise auf www.horizonride.de, auf auf www.facebook.com/horizonride.

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