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Über gefühlte und echte Diskriminierung / „Oft sind es Missverständnisse“

Horst Rosenberg berät Sinti bei Problemen im Alltag

HAMELN. Wenn Hamelner Sinti ein Problem haben, dann können sie sich an Horst Rosenberg wenden. Der 57-Jährige ist von der „Niedersächsischen Beratungsstelle für Sinti und Roma“ in Hannover, zuständig für den Raum Hameln. Philipp Killmann hat ihn interviewt.

veröffentlicht am 03.10.2017 um 13:35 Uhr

Horst Rosenberg von der „Niedersächsischen Beratungsstelle für Sinti und Roma“ in Hannover ist zuständig für den Raum Hameln. Foto: pk
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Familie Weiß ist in Hameln ein Begriff. Fast jeder hat von ihr gehört. Fast jeder hat eine Meinung über sie. Häufig ist sie negativ – selbst wenn es keinerlei Berührungspunkte mit der Sinti-Familie gibt. In der Serie „Familie Weiß“ beleuchtet die Dewezet Geschichte und Gegenwart der Hamelner Sinti, stellt Vorurteile auf den Prüfstand und lässt die Angehörigen dieser staatlich anerkannten nationalen Minderheit zu Wort kommen.

Horst Rosenberg vermittelt zum Beispiel bei Schulproblemen oder hilft bei Behördenanträgen. Inzwischen aus gesundheitlichen Gründen zwar nur noch ehrenamtlich, aber ganz lassen kann Rosenberg es dann doch nicht. „Ich hatte schon immer Interesse, meinen Leuten zu helfen“, sagt der Hamelner während des Interviews mit unserer Zeitung in seinem Wohnzimmer. Um 1980 war er Mitbegründer der „Rom und Cinti Union“ in Hamburg. Vor etwa zehn Jahren war er an der Gründung der Beratungsstelle beteiligt und sitzt seitdem im Vorstand. Ein Gespräch über echte und gefühlte Diskriminierung, Verallgemeinerungen und Alltagsprobleme von Hamelner Sinti.

Um was geht es Ihnen bei der Beratungsstelle?
Horst Rosenberg: Es geht vor allem darum, die Jugend von der Straße zu holen, eine Beschäftigung für sie zu finden: Sportangebote, sie zur Musik zu bringen, herauszufinden, wo ihre Talente und Interessen liegen. Die Jugendarbeit liegt mir besonders am Herzen. Bei uns wollen zum Beispiel alle selbstständig sein, aber das wird heute immer schwieriger. Also versuchen wir, ihnen Wege in die Berufsausbildung aufzuzeigen.

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Woher kommt dieser Wunsch, selbstständig zu arbeiten?
Das ist auf gewisse Weise anerzogen. Zum einen sind wir Sinti ja schon immer meist geschäftlich tätig gewesen. Zum anderen hängt das wohl auch damit zusammen, sich als Sinto nicht den ganzen Tag unter Nicht-Sinti aufzuhalten. Bei uns ist halt jeder gern sein eigener Chef. Ich selbst kenne es ja auch nicht anders. Allerdings war das früher einfacher, ob es nun um Schrott- oder Antiquitätenhandel ging. Aber das ist heute schwieriger. Diese Geschäfte haben keine Zukunft mehr. Deshalb ist es wichtig, dass die Jugend einen vernünftigen Schulabschluss und eine Ausbildung macht. Dann haben sie beruflich viel mehr Möglichkeiten. Selbstständig können sie sich dann ja immer noch machen.

Die Beratungsstelle hilft auch bei Konflikten mit Institutionen. Was sind das für Konflikte?
Manche haben Schwierigkeiten mit komplizierten Anträgen von Behörden. Sie verstehen sie nicht richtig, machen Fehler, sodass dem Antrag nie stattgegeben werden kann, weil immer irgendetwas fehlt. Am Ende bekommen sie dann kein Geld. Andere können nicht richtig lesen und schreiben. Also helfen wir den Leuten, diese Anträge richtig auszufüllen. Wir können natürlich keine Wunder vollbringen. Wer auf dem Amt seiner Meldepflicht nie nachkommt, darf sich am Ende nicht wundern, wenn sein Geld gekürzt wird.

Gehen manche Probleme auch von den Behörden aus?
Sicherlich gibt es bei den Behörden auch einzelne Sachbearbeiter, die manchen die Anträge willkürlich erschweren, aber das ist wohl die Ausnahme. Das größte Problem besteht darin, dass die Menschen aneinander vorbeireden und sich zu wenig in den anderen hineinfühlen. Das gilt für beide Seiten. Ein Beispiel: Ein Sinto sagt nicht, dass er etwas nicht versteht. Aber sein Gegenüber ist ja kein Hellseher und an diesem Tag vielleicht auch gerade mal etwas genervt. Umgekehrt muss sich der Sachbearbeiter auch mal fragen, wie genervt wohl sein Gegenüber ist, das schon 14 Tage lang kein Geld mehr bekommen hat. So wie es in den Wald hineinruft, so schallt es auch heraus.

Wie können Sie dabei behilflich sein?
Oft handelt es sich um Missverständnisse. Dann kommt ein Wort zum andern und es fallen auf beiden Seiten die falschen Worte. Meine Aufgabe ist es dann, zwischen den beiden Streitparteien zu vermitteln.

Viele Hamelner Sinti klagen über große Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche. Bei dem Namen „Weiß“ würden viele Vermieter gleich abwinken.
Das kriege ich leider oft mit, dass viele Vermieter bei dem Namen Weiß den Mieter gleich ablehnen. Aber nur, weil da vielleicht einmal jemand ständig bei offenem Fenster geheizt hat und deshalb eine hohe Nachzahlung fällig ist, die dann nicht gezahlt wurde, heißt das doch nicht, dass das alle machen.

Da werden dann alle über einen Kamm geschoren.
Richtig. Aber das geht doch nicht. In meiner Familie sind 19 Mitglieder durch das deutsche Volk ermordet worden. Sollen Sie jetzt daran Schuld sein? Natürlich nicht. Dasselbe gilt für die Heizkosten. Nur weil einer sie nicht gezahlt hat, heißt das nicht, dass die anderen sie auch nicht zahlen.

Familie Weiß hat in Hameln keinen leichten Stand.
Ja, aber in anderen Städten sind es andere Namen, da heißen sie dann Laubinger oder Winterstein … Es gibt aber auch ein positives Beispiel. In Eschwege, wo Sinti schon seit Jahrhunderten leben, sind sie, wie ich hörte, wunderbar integriert und sehr beliebt. Da ist das Gegenteil der Fall.

Mit welchen Problemen wenden sich die Leute an Sie?
Viele kommen zu mir, weil sie sich diskriminiert fühlen. Dabei zeigt sich dann oft, dass gar keine Diskriminierung vorliegt. Da war zum Beispiel mal ein Junge, der sich in der Schule gekloppt hat. Er durfte nicht mehr am Sportunterricht teilnehmen und in der Pause nicht nach draußen. Ich habe dann sowohl mit der Familie des Jungen als auch mit der Rektorin gesprochen. Denn so ein Ausschluss darf nicht sein. Der Junge durfte dann wieder mitmachen, sollte aber in psychologische Behandlung. Das habe ich dann übernommen, und dann ging es auch wieder.

Das heißt, der Junge war also gar nicht diskriminiert worden?
Ich will damit sagen, wir empfinden manches als Diskriminierung, was nicht immer mit Diskriminierung zu tun hat. Damit will ich das nicht kleinreden. Diskriminierung gibt es noch reichlich. Aber nicht jedes Problem ist darauf zurückzuführen. Aufgrund unserer Geschichte sind wir diesbezüglich allerdings sehr empfindlich. Das muss man auch sehen.

Es gibt aber auch Fälle, in denen es tatsächlich um Diskriminierung geht.
Natürlich. Einmal kam eine Frau zu mir, die einen Mann anzeigen wollte. Sie war gerade auf Wohnungssuche, hatte einen Besichtigungstermin, ging in einer Siedlung von einem Hauseingang zum anderen, weil sie eine Hausnummer suchte. Da rief ein Mann aus einem Fenster, was sie hier sucht. Die Frau sagte, sie sucht eine Adresse. Da rief der Mann: „Wir kennen Euch Zigeuner: Dich hat Hitler vergessen zu vergasen!“ Das müssen Sie sich mal vorstellen …

Konnten Sie der Frau helfen?
Im Endeffekt haben wir von einer Anzeige abgesehen, weil die Frau nicht mehr sagen konnte, aus welchem Fenster des Hochhauses der Mann gerufen hatte. Aber solche Idioten gibt es doch überall und sind heute Gott sei Dank eher die Ausnahme.

Was muss sich ändern?
Der Sinto darf nicht grundsätzlich davon ausgehen, dass er benachteiligt ist. Sonst gibt es kein Weiterkommen. Wenn die Diskriminierung aber offensichtlich ist, dann muss er sich auch dagegen wehren oder kann sich bei uns Hilfe holen.

In Hildesheim gibt es das Django-Reinhardt-Festival, womit die Sinti einen großen Beitrag zur öffentlichen Kultur leisten. In Hameln treten die Sinti öffentlich so gut wie gar nicht in Erscheinung. Woran liegt das?
Ich bin ja selbst nicht von hier, sondern erst in den 70er Jahren nach Hameln gezogen. Und da ist mir diese Zurückhaltung hier auch aufgefallen. Dabei gab es schon damals super Sinti-Musiker in Hameln, die aber nie gehört wurden, weil sie nie öffentlich, sondern nur für sich spielten. Dabei ist Musik, zum Beispiel von Django Reinhardt, wunderbar geeignet, um Menschen zusammenzubringen. Denn über die Musik als gemeinsame Basis kommen sie miteinander ins Gespräch und stellen fest, dass sie viele Gemeinsamkeiten haben und gar nicht so unterschiedlich sind, wie sie immer dachten. Aber ja, in Hameln halten sich die Sinti in der Öffentlichkeit lieber zurück und geben nicht so viel von sich preis.

Wobei sie mit unserer Zeitungs-Serie „Familie Weiß – Sinti in Hameln“ ja schon einen großen Schritt in die Öffentlichkeit wagen.
Ja, das stimmt.

Aber hängt diese grundsätzliche Zurückhaltung vielleicht noch mit der Nazizeit zusammen?
Mit Sicherheit. Damals haben sogenannte Wissenschaftler über uns studiert und unsere Sitten und Bräuche dann gegen uns eingesetzt. Menschen wurden damit gequält, indem man sie zwang, bestimmte Arbeiten zu verrichten, die für uns tabu sind. Deshalb behalten viele Sinti ihre Kultur lieber für sich.

Sogar heute kommt es noch vor, dass Gastwirte mit Pferdefleisch werben, um damit Sinti fernzuhalten, weil sie wissen, dass Pferdefleisch für Sinti tabu ist.
Das gibt es leider überall immer mal wieder. Wobei das noch ein harmloses Beispiel ist. Denn wo ich nicht gerne gesehen bin, da gehe ich sowieso nicht hin.

Interview: Philipp Killmann

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