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Fazit nach drei Wochen Urlaub fällt gemischt aus

Mit dem E-Bike auf dem Weserradweg

Auch er würde „Deutschlands beliebtestem Radweg“, dem Weserradweg, die höchste Punktzahl geben. Auch sie findet die Landschaft im Weserbergland „traumhaft schön“. Beide bewerten die Ausschilderung auf dem Radweg mit „hervorragend“. Und Gerd und Erika Wiskocil wissen, wovon sie reden. Die beiden aktiven Senioren aus Rheinbach bei Bonn sind Rad-Experten und kennen sich aus mit den Radwegen in Deutschland und den Nachbarländern. Doch das dicke Lob aus ihren Mündern endet mit einem „Aber“. Nach drei Wochen Urlaub im Kreis Holzminden hat Gerd Wiskocil eine Checkliste mit acht „Touristikmängeln“ erstellt.

veröffentlicht am 10.07.2017 um 10:06 Uhr

Wenig Steigungen, meist asphaltiert und kaum Verkehr: Der Weser-Radweg ist einer der beliebtesten Radwege Deutschlands. Foto: dpa

Autor:

Gudrun Reinking
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In ein paar Wochen feiert Gerd Wiskocil seinen 80. Geburtstag. Der gelernte Mechaniker und Diplom-Ingenieur hat über 40 Jahre Radsport im Verein in Bad Neuenahr betrieben, war als Jugendtrainer tätig und kann noch heute fast jedes Rad selbst auseinandernehmen und wieder zusammenbauen. Nach Bevern haben er und seine Frau natürlich ihre Fahrräder mitgebracht. Höchste Qualität: Allein das Pedelec von Erika Wiskocil hat über 4300 Euro gekostet!

Das Ehepaar vom Rande der Eifel macht hier Urlaub. Drei Wochen haben sie eine Ferienwohnung über der „Kaffeestube am Beverbach“ gemietet, fühlen sich hier pudelwohl und loben ihre Gastgeber, Familie Satzke, über den grünen Klee. Doch nicht nur ihr Quartier, auch der gesamte Ort Bevern mit seiner guten Infrastruktur bietet ihnen alles, was sie von einem Urlaubsort erwarten. Sie vermissen kein „Halligalli“, sie genießen die „himmlische Ruhe“.

Im Mittelpunkt ihres Urlaubs stehen die Radtouren. Wobei die Strecken eher durch die Akku-Leistung als durch ihr Alter begrenzt sind. Etwa 80 Kilometer in vier Stunden sind mit einer Stromladung zu schaffen. Aber wie geht es wieder zurück? Wiskocils vermissen mehr Ladestationen, zum Beispiel zwischen Holzminden und Bodenwerder. So verstehen sie nicht, warum es am „Strand“ in Reileifzen nicht die Möglichkeit zum Strom-Tanken gibt. Am Toilettenhäuschen sei doch ein Stromanschluss vorhanden... Fast noch mehr vermisst Gerd Wiskocil sogenannte Rad-Stationen, die einen einfachen Reparaturservice oder zumindest Ersatzteile anbieten. Einen Ersatzgruppenschlauch, eine Standpumpe mit Manometer und Adapter für verschiedene Ventile und ein bikeline-Radtourenbuch vom Weser-Radweg schlägt er als Grundausstattung für solche Servicestationen vor. Toll wäre auch die Kombination mit einem Taxi-Rückholdienst in Notfällen. Die beiden Radler stehen mit ihren Wünschen offenbar nicht allein da. Unterwegs hätten sie immer wieder gleichgesinnte Biker getroffen, die einerseits total begeistert waren, andererseits aber Kritik äußerten. Unter anderem darüber, dass die Ausschilderung zwar auf dem Radweg selbst sehr gut sei – doch sobald man die Orte rechts und links aufsuche, höre die gute Infrastruktur auf diesem Sektor meist auf. Speziell ärgerten sich viele über die Abzweige vom Weserradweg nach Bevern, die allesamt auf Schotter führen und eine große Gefahrenquelle darstellen würden.

Das Weserrenaissance-Schloss Bevern – ein Ziel auf dem Weser-Radweg. Foto: Solling-Vogler Region
  • Das Weserrenaissance-Schloss Bevern – ein Ziel auf dem Weser-Radweg. Foto: Solling-Vogler Region

Dieser Punkt taucht übrigens auch in einem Gästebuch-Eintrag der „Kaffeestube“ von einem niederländischen Ehepaar auf. Henk Stolk schreibt da begeistert über den Flecken Bevern. Obwohl er und seine Frau Frieda schon fünfmal auf dem Campingplatz Heinsen Station machten, seien sie vorher noch nie in Bevern gewesen.

„Schon oft fuhren wir den Weser-Radweg und oft haben wir die Schilder ‚Bevern‘ gesehen. Aber wir haben immer gedacht, dass die schlechten Straßen mit nur Kies nicht für Radfahrer gemeint waren und fuhren an Bevern vorbei. Schade, denn es ist ein schöner Ort.“ Der Niederländer ist sich sicher, dass deutlich mehr Touristen nach Bevern kämen, wenn die Abzweigungen „fahrradfreundlicher“ gestaltet wären.

Wiskocils hatten noch ein Erlebnis, das die beiden Senioren besonders erstaunte. Sie erkundigten sich in Bodenwerder nach der Möglichkeit, mit dem Bus nach Bevern zurückzukommen. Und bekamen zur Antwort, dass der Busfahrer frei entscheiden könne, ob er Passagiere mit Fahrrädern mitnehme oder nicht. Sobald die Stellfläche für einen Kinderwagen benötigt würde, sei für Fahrräder kein Platz mehr... Eine Antwort, die das Ehepaar Wiskocil in seiner Einschätzung bestärkt, dass die Bürokratie in Norddeutschland deutlich schwerfälliger sei als weiter im Süden. Der erfahrene Biker fragt nicht zu Unrecht: „Warum werden die Busse in der Tourismussaison nicht so umgerüstet, dass mehrere Fahrräder mitgenommen werden können?“

Erika und Gerd Wiskocil sind keine „Nörgler“, sie wollen sogar im nächsten Jahr wiederkommen, weil es ihnen insgesamt hier so gut gefallen hat. Im Gegenteil, sie wünschen der Region noch viel mehr zufriedene Gäste. Solche wie sie, die hier Tage oder gar Wochen bleiben und nicht nur auf dem Radweg „durchrauschen“ wie derzeit wohl weit über die Hälfte der Biker, die ihnen begegnet sind.

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