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Hameln, Bodenwerder und Rinteln haben viel zu bieten

Sagenhaftes Weserbergland

Fast alle kennen den Rattenfänger von Hameln. Der Pfeifenmann ist omnipräsent und zugleich ein prächtiger Werbeträger – doch Hameln bietet mehr als flambierte Rattenschwänze und Flötenspiel. Bekannt wie der sprichwörtlich bunte Hund ist auch Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen, mit dem die Stadt Bodenwerder wirbt. Rinteln hat zwar keine derartig zugkräftige Figur, versteht es aber dennoch, Touristen mit zahlreichen attraktiven Angeboten anzulocken.

veröffentlicht am 10.07.2017 um 20:31 Uhr
aktualisiert am 15.07.2017 um 14:40 Uhr

Zugkräftige Werbeträger für das Weserbergland: der Rattenfänger von Hameln (Michael Boyer) und der Baron von Münchhausen (Adolf Hahn). Foto: Weserbergland-Tourismus/Archiv

Autor:

Deike Uhtenwoldt,, Maike Lina Schaper und Jakob Gokl

Die Ratten sind los. Sie weisen in Bronze den Weg zu den schönsten Sehenswürdigkeiten der Hamelner Altstadt, dienen im knallroten Street Art-Format als Werbeträger für Geschäfte oder versüßen die Auslage beim Bäcker. Das freut alle, die für die berühmte alte Sage nach Hameln gekommen sind. Das ärgert Michael Boyer. Er ist der einzige hauptamtliche Rattenfänger von Hameln und von der Tourismus-Zentrale auserkoren, die wahre Geschichte zu erzählen. Und die hat mit Ratten nun mal gar nichts zu tun. „Es geht nicht um die Ratten, es geht um die Kinder“, betont Boyer bei seinem einstündigen Rundgang.

Doch die Region um Hameln hat noch mehr zu bieten als den Rattenfänger. Da ist zum Beispiel Corvey. Die Benediktinerabtei am Weserbogen war im Frühmittelalter ein bedeutendes geistig-politisches Zentrum mit einer einzigartigen Klosterbibliothek. Heute nehmen Besucher in bunten Trikots und kurzen Radsporthosen ehrfurchtsvoll den Helm ab, wenn sie das Westwerk der ehemaligen Reichsabtei betreten. Oder machen ein Selfie mit der Büste von August Hoffmann von Fallersleben, Corveys prominentestem Bibliothekar.

Wer Zeit und Muße mitbringt, kann in den ehemaligen Stallungen der barocken Schlossanlage am Kloster übernachten und am Folgetag den Drahtesel für ein paar Stunden gegen ein Kanu eintauschen. „Das hier ist ein magischer Ort“, sagt Kalle Krome, der auf Schloss Corvey ein Kanuzentrum betreibt. Paddeln ist für ihn ein wenig wie Pilgern. Und nach den ersten Weserschleifen wird klar, was er meint: Die Kraft der Strömung bringt einen auch ohne große Anstrengungen voran. Und in der Früh ist man mit Reihern und Enten weitgehend allein unterwegs – und kann die Gedanken vorbeiziehen lassen.

In Bodenwerder lockt jeden 2. und 4. Sonntag im Monat das Münchhausenmusical.

Nicht nur für das Kanu lohnt es sich, vom Rad abzusteigen. Etwa für das Weserrenaissance-Schloss Hämelschenburg zwischen Hameln und Bad Pyrmont, das sich mit seinen zahlreichen Erkern, Türmen und Zinnen prachtvoll in die Hügellandschaft einfügt. Es ist seit einem halben Jahrtausend im Besitz der Familie von Klencke, die das Rittergut selbst bewohnt und einen Teil der Räumlichkeiten für Führungen freigegeben hat.

Mindestens genauso bekannt wie der Rattenfänger von Hameln ist der als Lügenbaron berühmt gewordene Freiherr von Münchhausen, der am 11. Mai 1720 in Bodenwerder geboren wurde. Ob in der Altstadt oder an der Weserpromenade – die unglaublichen Taten des Barons mit dem klangvollen Namen Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen sind in der Münchhausenstadt Bodenwerder allgegenwärtig. Halbe Pferde aus Bronze und das bekannte Motiv vom Ritt auf der Kanonenkugel führen die Geschichten bildlich vor Augen. Im Geburtshaus des Barons werden heute noch die Geschicke der Stadt geleitet – es ist nun Rathaus. Wer mehr über die bekannte Figur erfahren möchte, geht ins Münchhausen-Museum, schaut sich das Münchhausen-Musical oder das Münchhausen-Spiel an. Das Zuschauen ist in beiden Fällen kostenfrei. Im Musical erlebt der Baron zwischen Mai und September an jedem 2. und 4. Sonntag im Monat seine mitreißenden Geschichten. Das Ensemble spielt jeweils um 15 Uhr auf einer Bühne vor der Stadtkirche in der Fußgängerzone. Im Münchhausen-Spiel gibt der Baron von Mai bis Oktober seine abenteuerlichen Geschichten auf der Rathaustreppe zum Besten. Es ist an jedem 1. Sonntag im Monat um 15 Uhr zu sehen. Kultursuchende können außerdem das „Deutsche Orthodoxe Dreifaltigkeitskloster Buchhagen“ besuchen, das Weserrenaissance-Schloss in Hehlen, das Rittergut in Westerbrak oder die Klosterkirche in Kemnade mit dem Grab Münchhausens.

Mountainbiker finden im Vogler rasante Herausforderungen auf Strecken mit unterschiedlichen Ansprüchen. Wer die Landschaft genießen möchte, fährt über den Weserradweg von der Rühler Schweiz vorbei an Daspe und Grohnde nach Hameln.

Motorradfahrer schätzen die kurvigen Strecken in der Rühler Schweiz oder zur Ottensteiner Hochebene und finden auf dem Köterberg einen beliebten Aussichtspunkt.

Tagestouristen schätzen in Rinteln die Beach Bar am Weseranger.

Richtig bunt wird es jedes Jahr im August, wenn das Lichterfest mit Norddeutschlands größtem Höhenfeuerwerk Tausende Besucher an die Weserpromenade nach Bodenwerder zieht.

Rinteln fehlt zwar die „einende Figur“, an der sich alle touristischen Projekte hochziehen lassen, doch kommen Touristen auch in der Weserstadt auf ihre Kosten. Ob man auf den Spuren der historischen Universität „Academia Ernestina“ wandeln, sich mit den Untaten des Bösewichts „Seidenfaden“ beschäftigen oder einfach nur das wunderbare Fachwerk-Flair genießen möchte – einen guten Einstieg bietet in jedem Fall eine Stadtführung mit dem Nachtwächter oder einer anderen historischen Figur.

Wer es lieber überdacht hat, der findet in der Eulenburg, dem Museum für Universitäts- und Stadtgeschichte, auf 500 Quadratmetern einen spannenden Einblick in die Geschichte von Stadt und Festung Rinteln, Ur- und Frühgeschichte des Kreises Schaumburg und der Hexenverfolgungen im Wesergebiet. Für Ausflüge eignet sich nicht nur die „Schaumburg“, die dem gesamten Landkreis seinen Namen gibt, sondern auch das Kloster Möllenbeck. Es ist eine der am besten erhaltenen spätmittelalterlichen Klosteranlagen Deutschlands. Zwischen 1478 und 1505 erbaut, ist das Kloster heute der breiten Öffentlichkeit zugänglich. Einmal im Jahr findet das überregional gefragte „Irish Folk Festival“ in der einmaligen Kulisse statt. Führungen finden zwischen Ostern und Ende Oktober nach Voranmeldung beziehungsweise jeweils am zweiten Sonntag im Monat um 11 Uhr statt. Gerade für Camper ist der Campingplatz am Doktorsee interessant, der nicht nur ein großes Freizeitangebot bietet, sondern jedes Jahr mit „Doktorsee in Flammen“ auch hochkarätige Musiker lockt. Tagestouristen – gerade jene, die am Weserradweg unterwegs sind – schätzen die seit einigen Jahren bestehende Beach Bar beim Weseranger, eine Einrichtung, auf die manch Hamelner neidvoll blickt.

Doch auch abseits des Ortskerns hat die Weserstadt Rinteln einige Besonderheiten zu bieten. So etwa das „Industriemuseum Unterer Eisenhammer“ in Exten. Führungen von April bis Ende Oktober jeden 1. Sonntag im Monat von 10 Uhr bis 12 Uhr oder für Gruppen nach Vereinbarung.

Gerade im Sommer ist auch das Kirschendorf Todenmann mit seinen etwa 750 Kirschbäumen, darunter viele beinahe ausgestorbene Sorten, ein beliebtes Ziel. Und wem das alles nicht reicht, der wagt die Wanderung hoch zum „Jahrtausendblick“. Statt der mittlerweile geschlossenen Erlebniswelt Steinzeichen Steinbergen soll dort demnächst ein neues Tourismus-Highlight entstehen: ein Mountainbikepark.

Information

Das Weserbergland und die drei R

Ratten:Jeden Sonntag, 12 Uhr, von Mitte Mai bis Mitte September beginnt in der Hameler Altstadt auf der Hochzeitshaus-Terrasse ein Rattenfänger-Freilichtspiel. Wer es verpasst, sollte sich mittwochs um 16.30 Uhr das Musical Rats anschauen – gleiches Thema, gleicher Ort, aber völlig andere Form. Das Zuschauen ist in beiden Fällen kostenfrei, Spenden sind willkommen. Nach dem Musical gibt es eine Stadtführung mit dem Rattenkönig (17.30 Uhr, ab Bühne, 10 Euro). Stadtführung mit dem Rattenfänger, Donnerstag, Freitag und Samstag, 17.30 Uhr, von April bis Oktober, ab Tourist-Info, Deisterallee 1. Oder Donnerstagnacht: Ab 21 Uhr gibt es die dunkle Variante ab Rattenfängerhaus mit Anmeldung.

Weitere Führungen unter www.hameln.de.


Renaissance:
Sieben Schlösser rund um Hameln haben sich zusammengeschlossen. Wer nur zwei von ihnen besucht, erhält schon eine Ermäßigung. Am weitesten entfernt von der Rattenfängerstadt (55 Kilometer) liegt die Porzellanmanufaktur Fürstenberg, gefolgt von Corvey, dessen Kloster 1200 Jahre alt ist und damit weit älter als die nächsten Schlösser Bevern, Hämelschenburg, Pyrmont und Bückeburg im Norden von Hameln sowie als jüngster Vertreter im neugotischen Stil die einstige Sommerresidenz der Welfen, Schloss Marienburg im Osten.

www.siebenschloesser.de


Radfahren: Weser-Radweg von Hann. Münden bis zur Nordsee, gut 500 Kilometer, wenig Steigungen, meist asphaltiert und verkehrsarm, (www.weserradweg-info.de; 05151/930039). Emmer-Radweg von Bad Pyrmont bis Emmerthal, rund 20 Kilometer, Weiterfahrt Weser-Radweg, Schiff ab Hagenohsen oder alternative Rückfahrt über Grohnde, (www.badpyrmont.de). E-Bike-Verleih Tourist-Info Hameln, 22 Euro pro Tag (05151/957823).

mit dpa

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