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Wie kann eine Region touristisch punkten?

Schönheit alleine reicht nicht

Seit 2006 kämpft Matthias Gräbner als Geschäftsführer des Zweckverbands Touristikzentrum „Westliches Weserbergland“ für eine gemeinsame Linie bei der touristischen Vermarktung der Region. Trotz einiger Erfolge bleibt die Frage: Wie will man das Weserbergland vermarkten, ohne den Rattenfänger von Hameln in den Mittelpunkt zu stellen?

veröffentlicht am 11.07.2017 um 18:32 Uhr
aktualisiert am 11.07.2017 um 20:19 Uhr

„Wenn man heute als Besucher zum Kloster fährt, steht man ratlos davor. Es gibt niemanden, an den man sich wenden kann, um Informationen über Geschichte, Öffnungszeiten, Führungen oder Veranstaltungen zu bekommen“, beklagt Touristikfachmann Matthias
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Claudia Masthoff Reporterin
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Wenn Matthias Gräbner im Erzählcafé der Eulenburg beginnt, von seiner Tätigkeit beim Zweckverband „Touristikzentrum Westliches Weserbergland“ zu berichten, wird schnell klar, die größten Schwierigkeiten galt es anfangs in den Köpfen der Menschen unserer Region zu überwinden. Im Rückblick kann man sagen, das ist Gräbner gut gelungen. 2006 (damals wurde der fachkundige Franke nach Rinteln geholt) hätte er wohl durchaus Informationsmaterial für auswärtige Besucher vorgefunden.

„Sowohl in Rinteln, wie auch in Hessisch Oldendorf, den ersten Kooperationspartnern in unserem Verband, gab es Broschüren für die Gäste. Wanderwege, Sehenswürdigkeiten, Radwege, sogar Motorradtouren wurden da stolz vorgestellt“, erinnert sich der Geschäftsführer.

Allerdings hätten sich die Beschreibungen auf die jeweilige Stadt und ihre direkte Umgebung beschränkt. Und am allgemeinen Kopfschütteln über derartige Anachronismen lässt sich ablesen, dass sich der Blick über den Tellerrand zumindest bei den hier und heute Anwesenden inzwischen durchgesetzt hat. Es muss sich wohl doch herumgesprochen haben, dass es gilt, die Attraktivität der gesamten Region zu steigern, um auf dem hart umkämpften touristischen Markt bestehen zu können.

Matthias Gräbner Foto: pr
  • Matthias Gräbner Foto: pr
Der Rattenfänger von Hameln, hier dargestellt von Michael Boyer, ist das zentrale Marketing-Instrument des Weserberglandes. Manche Werbestrategen wollen aber dennoch ohne ihn auskommen. Foto: Dana
  • Der Rattenfänger von Hameln, hier dargestellt von Michael Boyer, ist das zentrale Marketing-Instrument des Weserberglandes. Manche Werbestrategen wollen aber dennoch ohne ihn auskommen. Foto: Dana

Mit viel Geduld und Überzeugungsarbeit (die Mitgliedschaft ist schließlich mit Kosten verbunden) haben Gräbner und sein Team weitere Partner unter den Kommunen im westlichen Weserbergland gefunden. Mittlerweile sind sowohl das Auetal, Aerzen, Porta Westfalica, wie auch das Emmerthal Teil der Kooperation. „Was unsere Region für Touristen interessant macht, ist zum einen die Lage an der Weser und am Weserradweg. Zum anderen gibt es „das historische Weserbergland“, mit seinen gut erhaltenen mittelalterlichen Städten, den Burgen, Kirchen und Schlössern. Und nicht zuletzt sind es zwei Qualitätswanderwege, der Weserberglandweg und der Hansaweg, die direkt durch unser Gebiet verlaufen und viele Besucher anlocken“, führt Gräbner aus. Wenn man also mit einem stimmigen Gesamtkonzept Werbung, Angebote, Aktionen, Unterbringung und so weiter organisatorisch bündele, sei damit allen beteiligten Kommunen geholfen und natürlich würden auch die Gäste davon profitieren, wenn ihnen, wie in beim jährlich erscheinenden Reiseplaner, die Informationen über die gesamte Region auf einen Blick vorlägen.

Ich weiß, wie wichtig Qualität bei der erfolgreichen Vermarktung touristischer Angebote ist, aber ich kann sie an vielen Punkten nicht selbst herstellen. Da müssen alle Beteiligte an einem Strang ziehen.

Matthias Gräbner, Geschäftsführer TWW

Sehr deutlich wurde bei Gräbners Vortrag auch, dass ein schöner und interessanter Ort allein noch keinen touristischen Erfolg garantiert. Man muss diesen Platz auch vermarkten, zugänglich machen und mit den entsprechenden Informationen versehen. Paradebeispiel hierfür ist derzeit das Möllenbecker Kloster. „Wenn man heute als Besucher zum Kloster fährt, steht man ratlos davor. Es gibt niemanden, an den man sich wenden kann, um Informationen über Geschichte, Öffnungszeiten, Führungen oder Veranstaltungen zu bekommen“ so der studierte Touristikfachmann.

Dass dort jetzt ein Besucherinformationsbüro eingerichtet wird, gehöre zu den Erfolgen seiner Bemühungen. Denn so sehe er seine Arbeit: „Ich versetze mich in die Lage der Gäste und versuche, deren Wünsche und Bedürfnisse herauszufinden.“ Manchmal sei das viel einfacher, als es sich der Laie vorstellt. „Sie paddeln auf der Weser. Über lange Strecken haben Sie das Kaiser-Wilhelm-Denkmal im Blick. Die typische Frage, die dann entsteht, lautet: Wie kommt man denn da mal hin?“, gibt Gräbner ein weiteres Beispiel. Und dann müsse optimalerweise die Antwort auf diese Frage schon unterwegs an einem Informationspunkt auf die Gäste warten.

Doch neben den vielen Chancen wurden bei Gräbners Vortrag auch die Leistungsgrenzen eines solchen überkommunalen Touristik-Verbandes deutlich. „Ich weiß, wie wichtig Qualität bei der erfolgreichen Vermarktung touristischer Angebote ist, aber ich kann sie an vielen Punkten nicht selbst herstellen. Da müssen alle Beteiligte an einem Strang ziehen.“

Unterkünfte, zum Beispiel, müssen heute andere Standards erfüllen, als noch vor zehn Jahren. Die Menschen sind reiseerfahren. Die wissen, was sie wollen. Qualitätswander- und Fahrradwege brauchen ständige Kontrolle. Wenn die zuwachsen, oder da wichtige Hinweisschilder abgängig sind, ist der gute Ruf bald futsch.“ Im Lippischen habe sie ein perfekt funktionierendes Kontrollsystem kennengelernt, kommt da von einer Besucherin. „Da gibt es eine Broschüre mit den Ansprechpartnern für jeden Abschnitt des Wanderwegs. Bei dem kann man Probleme, Hindernisse und so weiter melden.“ Das Modell sei bekannt, bestätigt Gräbner, das würde er auch gern in seinem Zuständigkeitsbereich etablieren.

Normalerweise schätzen Referenten aufmerksame Zuhörer, doch bei einem Punkt hätte sich Gräbner an diesem Nachmittag vielleicht kein Nachbohren gewünscht. Aber er kam um die heikle Frage (auf die er, um es schon vorweg zu nehmen, keine rechte Antwort fand) einfach nicht herum.

„Wie wollen Sie denn das Weserbergland vermarkten, ohne das weltweit bekannte Wahrzeichen eben dieser Region, den Rattenfänger von Hameln, in den Mittelpunkt zu stellen“, legte ein Besucher den Finger in die Wunde.

Gräbner blätterte ein paar Folien zurück zur Karte, die das Gebiet des Zweckverbandes abbildete . Und siehe da, jetzt genau betrachtet, wurde deutlich: da ist ein großer weißer Fleck mittendrin. Die Stadt Hameln. Die hat es bisher nämlich nicht für nötig befunden, sich dem Touristikzentrum Westliches Weserbergland anzuschließen. Sie kommt vermutlich auch alleine ganz gut klar.

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