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Auf Geschäft fahren

Unterwegs mit Schrotthändler Andreas Weiß

HAMELN. „Alteiseeen, Schrrrott – Morgen!“, ruft Andreas Weiß aus dem Fenster seines königsblauen Lasters, einem über 20 Jahre alten Diesel, Mercedes 208 D, während er im Schritttempo durch die Straßen fährt. Mit seiner Linken bimmelt der 36-Jährige mit einer ohrenbetäubenden Glocke, zwischendurch hupt er. Alle sollen mitbekommen, dass er da ist. Bei ihm können die Leute unkompliziert und kostenlos ihren Schrott entsorgen. Davon lebt er. Weiß ist Schrotthändler.

veröffentlicht am 05.10.2017 um 16:01 Uhr
aktualisiert am 12.10.2017 um 16:42 Uhr

Andreas Weiß hat den Schrotthandel von der Pike auf bei seinem Vater gelernt. Foto: pk
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Familie Weiß ist in Hameln ein Begriff. Fast jeder hat von ihr gehört. Fast jeder hat eine Meinung über sie. Häufig ist sie negativ – selbst wenn es keinerlei Berührungspunkte mit der Sinti-Familie gibt. In der Serie „Familie Weiß“ beleuchtet die Dewezet Geschichte und Gegenwart der Hamelner Sinti, stellt Vorurteile auf den Prüfstand und lässt die Angehörigen dieser staatlich anerkannten nationalen Minderheit zu Wort kommen.

Auf dem Armaturenbrett von Andreas Weiß lagern eine Zigarettenschachtel, eine Parkscheibe, eine Mappe mit seiner Reisegewerbekarte und eine Ausgabe des Neuen Testaments. Es ist ein warmer Junisamstag. Früher ging er samstags nicht schrotten – heute immer öfter. Das Geschäft sei härter geworden – und samstags seien die Chancen größer, zuhause jemanden anzutreffen. In Groß Berkel ist Weiß mit einem Kunden verabredet, der ihm eine größere Schrottladung versprochen hat.

Über sein ans Autoradio angeschlossenes Smartphone spielt er Lieder von Django Reinhardt ab, dem berühmten Sinti-Jazz-Gitarristen, dann wieder Songs von Soul-Legende Barry White. Weiß „spielt“ die Lieder auf seinem Knie mit den Fingern seiner Rechten mit. Er ist Musiker, ein begnadeter Klavierspieler. Gelegentlich trifft er sich mit seinem Bruder und seinen Cousins zur Jam-Session. „Leider nur selten, mir fehlt es an Zeit“, sagt der vierfache Familienvater.

Wiesemann Rosenberg Foto: pk
  • Wiesemann Rosenberg Foto: pk
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Zum Schrotten kam er über seinen Vater. Auch er war Schrotthändler. Schon als kleiner Junge fuhr er bei ihm mit. Die Schule hat Weiß nur bis zur vierten Klasse besucht, obwohl er ein guter Schüler gewesen sei. Aber unter den Kindern fand er keinen Anschluss. Sie hätten ihn spüren lassen, dass er „anders“ sei, als „Zigeuner“ bezeichnet. Irgendwann hatte er die Nase voll und ging einfach nicht mehr hin. Stattdessen begleitete er nun seinen Vater beim Schrotten. „Er hat mir alles über Metalle beigebracht und über Schrott und mich den Kunden vorgestellt“, sagt er.

Ein Jahr nach dem Tod seines Vaters (2003) machte sich Weiß selbstständig. Aber das Geschäft sei heute härter als noch zu Lebzeiten seines Vaters, „auch durch den Euro“, sagt er. Der Metallpreis wird Tag für Tag an der Börse festgelegt. „Das kann heute ein Euro für ein Kilo Kabelschrott sein und morgen nur noch 90 Cent.“ Reich wird er damit nicht, aber es reiche, um über die Runden zu kommen.

Die Arbeit geht in die Knochen, das ganze Schleppen von schwerem, sperrigem Gerät, das Hochhieven auf den Laster. Der 36-Jährige hat Rückenprobleme. „Mein Arzt sagt, ich soll mich schonen“, sagt Weiß. Aber wer bringt dann das Geld nach Hause? Doch so hart das Geschäft auch ist, es hat auch seine Vorzüge. „Ich bin mein eigener Chef“, sagt Weiß. „Ich bin gern unterwegs, an der Luft, und wenn dann noch die Sonne scheint …“, gerät er ins Schwärmen. „Und man trifft Leute, unterhält sich.“

In den Sommerferien fährt manchmal eines seiner Kinder mit. „Einer meiner Söhne war so begeistert, von den Kränen auf den Baustellen, dem Lärm, der ganzen Action, der wollte auch gleich Schrotthändler werden“, erzählt Weiß. „Aber da hab‘ ich gesagt: Mein Sohn, mach lieber was anderes.“

Seine Reisegewerbekarte hat Andreas Weiß immer bei sich. Die braucht jeder, der mit seiner Arbeit auch außerhalb seiner gewerblichen Niederlassung tätig ist und seine Dienste auch ohne Terminabsprache oder Bestellung anbietet. Damit haftet ihm als Sinto auf gewisse Weise weiter das Klischee vom „fahrenden Volk“ an, obwohl die Sinti seit Jahrhunderten sesshaft sind. Aber wenn im Sommer Sinti mit Wohnwagen in Gruppen unterwegs sind, dann machen sie in der Regel keinen Urlaub, sondern „fahren auf Geschäft“, wie die Sinti sagen, gehen also arbeiten. Oder aber sie sind etwa auf Missionsfahrt und verbinden die Pflege ihres Glaubens mit ihrer beruflichen Tätigkeit.

Allerdings seien diese Fahrten in größeren Gruppen heute weniger geworden, wie der Hamelner Dachsanierer Wiesemann Rosenberg (50) sagt: „Früher sind meine Eltern mit uns in den Schulferien mit dem Wohnwagen losgefahren. Wir trafen uns mit anderen Sinti, legten eine Route fest und waren dann mit 15 oder 20 Wohnwagen unterwegs, sind nach Hamburg, Berlin oder Belgien gefahren, wo wir dann unseren Geschäften nachgegangen sind.“ Zwischendurch wurde Station gemacht, geangelt, Lagerfeuer gemacht und gegrillt. „Ich bin noch so groß geworden, mit dem Reisen“, sagt Rosenberg.

Information

Der Mythos vom Wanderzigeuner

Selbstständigkeit hat bei Sinti Tradition. Bis ins 20. Jahrhundert hinein übten Sinti „bevorzugt selbstständige Berufe aus, die oftmals als ambulanter Handel, also als Reisen zu Märkten oder als Tür-zu-Tür-Geschäft, betrieben wurden“, ist bei Karola Fings in „Sinti und Roma – Geschichte einer Minderheit“ (2016) nachzulesen. Früher waren Sinti vor allem als Hausierer und Dienstleister unterwegs, verdingten sich als Scherenschleifer oder Korbmacher, verkauften Kurzwaren oder unterhielten Fuhrbetriebe. Sie betrieben auch Handel: mit Stoffen, Pelzen, Möbeln, Musikinstrumenten oder Pferden. Der Hamelner Reilo Weiß (69) handelte früher mit Textilien. „Aber dann kamen die Discounter und machten unser Geschäft kaputt“, sagt er. Also wechselte er in den Schrotthandel.

Andere verdienten ihren Lebensunterhalt als Künstler, vor allem als Musiker, „aber auch als Inhaber von Wandertheatern, als Artisten, Kinobesitzer oder Filmvorführer“, wie Fings schreibt. „Das ,Reisen‘ war ein Bestandteil der Existenzsicherung und wurde von einem festen Wohnsitz aus betrieben.“ Diese Mobilität wurde jedoch „nicht als Folge von zwangsweiser Vertreibung oder als ökonomische Notwendigkeit anerkannt, sondern als eine Strategie der Arbeitsverweigerung, wenn nicht gar des Diebstahls oder der Mittelerschleichung diffamiert“.

Heute sind Sinti in den unterschiedlichsten Berufen tätig: ob als Schrotthändler, Kriminalkommissar oder im Vorstand einer Bank. Aus der Angst heraus, berufliche Nachteile zu erfahren, halten manche Sinti ihre Identität allerdings vorzugsweise geheim.

Davon zeugt die Fernseh-Dokumentation „Lustig wär’ das Zigeunerleben“ aus dem Jahr 1980. Der SFB (Sender Freies Berlin) hatte damals die Rosenbergs mit ihren Wohnwagen für einen Bericht über Sinti begleitet. Der Beitrag dokumentiert auch die Vorbehalte, auf welche die Sinti in der Bevölkerung stoßen. Misstrauen, das Rosenberg und Andreas Weiß auch heute noch an den Haustüren manchmal entgegenschlägt. „Die Menschen sind oft misstrauisch, ängstlich, erst recht bei uns Schwarzköpfen“, sagt Rosenberg.

In Groß Berkel wartet Andreas Weiß auf seinen Kunden. Damit der Laster voll wird, müssen in der Regel viele Ortschaften angefahren werden. Doch heute wird das nichts mehr. Der Kunde taucht nicht auf. Aber auf Lars Siekmann in Haverbeck ist Verlass. Wie verabredet, steht Siekmann um Punkt 12 Uhr auf seinem Hof. Weiß‘ Begeisterung hält sich jedoch in Grenzen, denn: Rollenweise wird Maschendrahtzaun aufgeladen. Der Zaun nimmt auf dem Laster viel Platz weg, wiegt allerdings kaum etwas und bringt folglich wenig Geld. „Früher hat man so was gar nicht angenommen, aber das kann man sich heute nicht mehr leisten“, sagt Weiß.

Anschließend geht es zu Siekmanns Nachbar. Ein alter Rasenmäher, ein Fahrradrahmen und anderer Schrott werden aufgeladen. „Endlich bin ich den Mist los“, sagt der Nachbar. Eine weitere Anwohnerin kommt mit einem Wäscheständer in der Hand angelaufen. „Nehm‘ Sie das mit?“, fragt sie Weiß. – Klar. Zum Metallgroßhandel fährt Weiß erst, wenn der Laster voll ist. Doch dazu wird es an diesem Tag nicht mehr kommen. Auf dem Laster ist noch Platz.

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