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Wir stellen heimische Künstler im Porträt vor – heute: Wiltrud Krämer

Wasser marsch für die Fantasie!

Blau auf weiß steht’s gedruckt. Was passiert, „wenn Justus und Justine baden gehen“: Der Badekabeljau schnauft, das Badekrokodil knurrt, es quiekt der aufgeblasene Delphin und der Badeelefant trompetet das Dusch-ABC. Wiltrud Krämer lacht: „Oh je“, sagt sie jetzt über die Verse aus ihrem Kinderbuch („Allerlei Badezeug, für Mitschwimmer und Vorschwimmer, ausgepackt von Wiltrud Krämer“).

veröffentlicht am 09.01.2018 um 16:41 Uhr

Die meisten ihrer Werke gehen nach China, meint Wiltrud Krämer – höchstwahrscheinlich wegen der besonderen Schriftzeichen. Foto: amg
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Alda Maria Grüter Reporterin
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Für ihre Sprösslinge, die längst aus dem Haus sind, in dem die 75-Jährige mit ihrem Ehemann, einem Architekten, lebt, habe sie es geschrieben. „Reime, für die ich mich heute vielleicht sogar schäme. Es ist nämlich so: Ich kann nur beschränkt mit Sprache und Schrift umgehen.“ Reine Ansichtssache, möchte man da kontern. Denn, es wimmelt ja nur so von Schrift auf der Installation, der sie den Titel „Ansichten“ gegeben hat. Mit der sie das Thema „Wasser“ künstlerisch umsetzt und zwar, wenn man so will, buchstäblich am laufenden Band.

Verteilt über 20 Meter hauchdünner Gaze verlaufen die bedruckten Stoffbahnen wie Wellen an der ganzen Wand entlang, durch den offenen Raum bis hinauf in die obere Etage ihres Ateliers. Manche Textpassagen darauf, wie eben die Auszüge aus dem Kinderbuch, kann man lesen und verstehen. Andere aber, filigrane, kunstvolle Zeichen, die sich optisch zu einem homogenen Ganzen formieren, sind überhaupt nicht zu entziffern. Und zwar schlicht und einfach deswegen, weil sie erfunden, eine Phantasieschrift sind. „Ich benutze zwar auch Worte, aber nicht kunstvoll ausgedrückt. Ich klammere mich viel mehr an ihr Erscheinungsbild“, sagt die Künstlerin aus Grünenplan.

Schriftzeichen als grafische Bildelemente sind ein wesentlicher Bestandteil ihrer Werke. „Von der Schrift und dem Schreiben kommend, entferne ich mich immer weiter von textlichen Assoziationen. Schrift und Schreibfluss treten in einen dialektischen Prozess zu der sich entwickelnden Bildidee. Während immer neuer Arbeitsgänge vertieft sich das bildnerische Denken, dem ich mit meinen Mitteln Form gebe.“

In ihrem Atelier entstehen die unterschiedlichsten Kunstwerke. Foto: amg
  • In ihrem Atelier entstehen die unterschiedlichsten Kunstwerke. Foto: amg
Auffällig, inmitten der abstrakten Werke, ist ein Selbstbildnis, das Wiltrud Krämer als junges Mädchen zeigt. Foto: amg
  • Auffällig, inmitten der abstrakten Werke, ist ein Selbstbildnis, das Wiltrud Krämer als junges Mädchen zeigt. Foto: amg
Die meisten ihrer Werke gehen nach China, meint Wiltrud Krämer – höchstwahrscheinlich wegen der besonderen Schriftzeichen. Foto: amg
  • Die meisten ihrer Werke gehen nach China, meint Wiltrud Krämer – höchstwahrscheinlich wegen der besonderen Schriftzeichen. Foto: amg

Zwischen dem Schreibfluss und fließendem, bewegtem Wasser sehe sie Parallelen, die Geschichten seien indes nicht so wichtig, meint sie. „Wohl aber das Optische: „Sehen, und sehen, was man damit anfangen kann.“ Wasser Marsch also für die Phantasie! Mal wirken die Zeichen mächtig, bedrohlich und gefährlich. Mal tänzeln sie dahin, erscheinen sanft und freundlich. Ein künstlerisches Ausdrucksmittel, das Wiltrud Krämer schon früh für sich entdeckt hat.

Zunächst erlernte sie nach dem Abitur Schriftsetzerin, arbeitete einige Jahre in dem Beruf. Dass ihr künstlerisches Talent in der Schrift lag, stellte sich während des Studiums an der staatlichen Akademie für Bildende Künste in Stuttgart heraus: „Von den sechs Studienjahren habe ich drei Jahre lang nur geschrieben! Die Professoren meinten, dass meine Begabung in der Schrift liegt.“ Vielleicht, überlegt Wiltrud Krämer, wenn sie anders gelenkt worden wäre, wäre ihre Kunst auch anders. „Aber irgendwann hat man sein Werkzeug und dann nimmt man das eben.“

Thematische Schwerpunktthemen habe sie nicht unbedingt: „Wenn ich etwas mache, dann fließen auch alle möglichen Erlebnisse mit hinein, ohne, dass ich sie jetzt benennen könnte. Alles ist offen, intuitiv.“ Das „schreibähnliche Hantieren“ sei das Mittel ihres Ausdrucks.

Die in Pirna an der Elbe geborene Künstlerin, die in Berlin, Hannover und Stuttgart gelebt und gearbeitet hat, verschlug es ins Weserbergland, in das idyllische Grünenplan im Flecken Delligsen. Freie Grafikerin ist Wiltrud Krämer seit 1979. Grafiken, sie hängen denn auch überall, bis unter das Dach des denkmalgeschützten Fachwerkhauses von 1750, das mit einem Anbau verbunden ist. Fast brauche man einen Wegweiser für die vielen verwinkelten Zimmer, sagt Wiltrud Krämer, als sie auf knarrenden Holzstufen hinauf in ihren „besonderen Atelierraum“ führt.

Hier entstehen gerade ihre neusten Werke. Sie gehe sehr diszipliniert vor, beschreibt Wiltrud Krämer ihren Arbeitsstil. Seit kurzem zeichne sie auch mit dem Füllfederhalter: „Ich bin davon regelrecht fasziniert“, schwärmt sie von den verhältnismäßig gleichmäßigen Strichen, die mit dem Füller möglich seien. Ihre Grafiken entstehen immer im Hinblick auf das Ganze. Ein Thema, eine grobe Vorstellung, dann die Idee, die Skizze, die künstlerische Umsetzung, Schritt für Schritt bis zum stimmigen Gesamtbild werde alles durchgearbeitet. „Am Schluss muss es für mich stimmen. Dieser Stimmigkeit kann vielleicht kaum jemand folgen, aber für mich ist sie ganz wichtig.“

Auffällig, inmitten der abstrakten Werke, ein Selbstbildnis, das Wiltrud Krämer als junges Mädchen zeigt. Und das ihre künstlerische Entwicklung verdeutlicht: „Ich bin ja in der DDR aufgewachsen, in der sozialistische Realismus gang und gebe war. Bis 18 habe ich viele Porträts gemalt, sah dann darin keine Perspektive mehr und ging schließlich in die Abstraktion.“ Wohin die meisten ihrer Werke gehen: „Nach China“, sagt Wiltrud Krämer. Und das höchst wahrscheinlich vor allem wegen der besonderen Schriftzeichen.

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