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Vor 66 Jahren verboten

Wieso Bückeburg ein Zentrum der rechtsextremen SRP war

Sie forderte die „Lösung der Judenfrage“, „Anspruch auf die Gesamtheit des Reichsraumes“ und unterhielt eine paramilitärische Ordnertruppe: Die Rede ist nicht von der NSDAP, sondern von der „Sozialistischen Reichspartei“ (SRP), die vor 66 Jahren als erste Partei in Deutschland verboten wurde. Kurz zuvor feierte sie allerdings in Niedersachsen einen schockierenden Wahlerfolg: 11 Prozent wählten die offen neonazistische Partei. Wenig bekannt: Die Parteileitung der SRP saß ab 1950 mitten in Bückeburg. Der ehemalige Bückeburger Generalleutnant Joachim von Tresckow versuchte, ihren Aufstieg zu verhindern. Die SZ/LZ hat erstmals die Geschichte der SRP im Schaumburger Land zusammengetragen.

veröffentlicht am 10.01.2018 um 21:01 Uhr
aktualisiert am 11.01.2018 um 10:50 Uhr

Schon eine der ersten SRP-Veranstaltungen endete in einer Saalschlacht. Eigentlich sollte Otto Ernst Remer (rechts mit Stuhl in der Hand) und Fritz Dorls (geduckt links neben ihm) zu ihren Parteifreunden sprechen. Foto: dpa
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Jakob Gokl Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Schockiert blickte die junge Bundesrepublik 1951 nach Niedersachsen. Nur wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs befand sich erneut eine Nazi-Partei im Aufwind. Offen bekannte sich der Parteigründer Fritz Dorls zum Nationalsozialismus und bezeichnete Gaskammern als „revolutionäre Methodik“. Mehr als eine halbe Million Niedersachsen unterstützten die menschenverachtende Politik der SRP mit ihrer Stimme bei den Landtagswahlen am 6. Mai 1951.

Ihre Mitglieder rekrutierte die SRP in erster Linie aus ehemaligen Nationalsozialisten. So sagte der stellvertretende Vorsitzende Otto Ernst Remer: „Wir haben sehr viele, die besten, ja die allerbesten Nationalsozialisten aufgestellt!“ Zu ihren Wählern zählten insbesondere Vertriebene und Flüchtlinge. Die hohe Nachkriegsarbeitslosigkeit in Niedersachsen tat ihr Übriges, dass die brachiale Rhetorik der SRP auf einen fruchtbaren Boden traf.

Doch auf den rasanten Anstieg nach der Parteigründung 1949 folgte ein noch abrupteres Ende: Am 23. Oktober 1952 wurde die Partei wegen ihrer offenen Bezugnahme auf den Nationalsozialismus verboten. Zu dem schnellen Urteil dürfte beigetragen haben, dass insbesondere die Briten als ehemalige Besatzungsmacht in Niedersachsen zunehmend die Geduld mit den neofaschistischen Umtrieben verloren.

Joachim von Tresckow war Generalleutnant der Wehrmacht – und versuchte nach dem Krieg den Aufstieg der SRP zu verhindern, indem er Otto Ernst Remer als Fahnenflüchtigen bezeichnete. Foto: pr
  • Joachim von Tresckow war Generalleutnant der Wehrmacht – und versuchte nach dem Krieg den Aufstieg der SRP zu verhindern, indem er Otto Ernst Remer als Fahnenflüchtigen bezeichnete. Foto: pr
Heimat, Reich und deutsches Blut. Aus den Wahlplakaten der sozialistischen Reichspartei ging eindeutig hervor, worum es ging. Foto: pr
  • Heimat, Reich und deutsches Blut. Aus den Wahlplakaten der sozialistischen Reichspartei ging eindeutig hervor, worum es ging. Foto: pr

Bemerkenswert ist, dass die Gründung der SRP in Coppenbrügge und Hameln erfolgte. Am 2. Oktober 1949 saß hier die Führungsgruppe aus Dorls und Remer zusammen und bestimmte Dorls zum Vorsitzenden. Neben personellen Beziehungen war für die Ortswahl vermutlich die Tatsache ausschlaggebend, dass die Organisatoren hier weniger Proteste einer kritischen Öffentlichkeit erwarteten, berichtete der Historiker Bernhard Gelderblom in der Dewezet. In Großstädten und Universitätsstädten wurden Versammlungen rechter Kreise in der Regel gestört oder gar gesprengt.

Ein Blick in die zeitgenössischen Ausgaben der Schaumburg-Lippischen Landes-Zeitung und der Schaumburger-Zeitung zeigt im Lokalteil eine weitestgehend unkritische Berichterstattung über die SRP. Die nationalsoziatistische Ausrichtung der Partei wurde nicht thematisiert, sondern über Parteiveranstaltungen berichtet wie über die jeder anderen Partei.

Wahlkampfveranstaltungen fanden unter anderem in Rinteln, im Auetal, in Hess. Oldendorf und in Bückeburg statt. Zu Gast waren namhafte Vertreter der SRP, allen voran auch der Wortführer Otto Ernst Remer. Der NS-Propagandaheld musste in Bückeburg sogar vor Gericht antreten – allerdings als Kläger.

Denn der Aufstieg der Sozialistischen Reichspartei provozierte auch Widerspruch. Der in Bückeburg lebende ehemalige Generalleutnant Joachim von Tresckow wollte Otto Remer öffentlich demontieren.

Remer war nach der Niederschlagung des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 von der NS-Propagandamaschinerie als Held in Szene gesetzt worden. Joachim von Tresckow – dessen Verwandte beim Putsch beteiligt und hingerichtet worden waren – warf Remer öffentlich vor, er habe seine Division 1945 im Stich gelassen und sich im Westen in Sicherheit gebracht. Remer verklagte ihn wegen Beleidigung und Verleumdung.

„Er wollte ihn damit bei seinen Gesinnungsgenossen diskreditieren“, berichtet sein Sohn, Eckhard von Tresckow, der heute in Bonn lebt. Als Fahnenflüchtiger wäre Remer bei seinen NS-Freunden untragbar gewesen. Sein Vater, so berichtet von Tresckow, habe den Aufstieg der Sozialistischen Reichspartei nach 1949 mit großer Sorge beobachtet. „Er wollte etwas tun.“ Doch von Tresckow verlor den Prozess. Er wurde zwar nur zu einer Geldstrafe von insgesamt 50 D-Mark verurteilt, musste aber die Prozesskosten in Höhe von 12 000 D-Mark tragen. „Das hat meinen Vater tief getroffen“, berichtet von Tresckow in einem Gespräch mit der SZ/LZ, „er hatte ein fast schon pathologisches Ehrgefühl.“

Zwar habe er gegen das Urteil berufen, allerdings kam es aufgrund des Verbots der SRP im Oktober 1952 und Remers anschließender Flucht ins Ausland nicht zu einer neuen Verhandlung. „Das hat meinen Vater tief getroffen“, so Remer. Er sei – auch aufgrund eines zweiten Gerichtsverfahrens, das Remer gegen ihn angestrebt hatte, und in dem er nicht freigesprochen worden sei – in eine tiefe Depression gestürzt und nahm sich 1958 das Leben.

Doch nicht nur als Gerichtsstandort war Bückeburg ein Fixstern am Firmament der Sozialistischen Reichspartei. Trotz des später nur durchschnittlichen Wahlergebnisses war die Residenzstadt zeitweise auch Sitz der Parteileitung. Diese wurde Anfang 1950 von Hannover nach Bückeburg verlegt, um die Bundespartei von der niedersächsischen Parteizentrale auch räumlich zu trennen. Hier lebte und arbeitete Hauptgeschäftsführer und Jugendreferent Walter Matthaei. Er baute von Bückeburg aus die „Reichsjugend“ auf. Eine offen an die „HitlerJugend“ angelehnte Jugendorganisation. Nach seinem Austritt aus der SRP zerfiel diese Organisation, viele Mitglieder folgten Matthaei später in die ebenfalls rechtsextreme „Wiking-Jugend“.

Eckhard von Tresckow erinnert sich gut an Matthaei. „Er wohnte in der Nähe unseres Wohnhauses“, erzählt er. Von Tresckows Vater habe immer die Sorge gehabt, Matthaei könne ihm eines Tages auflauern oder mit Steinen die Fenster einwerfen. Zu tatsächlichen Übergriffen durch Matthaei oder seine Spießgesellen auf die antifaschistisch eingestellte Familie kam es allerdings nicht. „Man sah Matt-haei meist nur mit schnellem Schritt durch Bückeburg marschieren“, so von Tresckow.

Eher unglücklich endete für die SRP die Zusammenarbeit mit dem ehemaligen NSDAP-Politiker und Journalisten Adolf Manns in Bückeburg. Er war bis 1937 Chefredakteur der Schaumburg-Lippischen Landes-Zeitung. Im Urteil des Bundesverfassungsgerichtshofs, das zum Verbot der Partei führte, wird Manns unrühmliche Rolle erwähnt.

Das Verfassungsgericht zitiert aus einem Brief von Eleonore von Wangenheim: „... als man auf den unglücklichen Gedanken kam, Manns zur Wahlzeit nach Bückeburg zu holen, rotteten sich die Einwohner auf der Straße zusammen und schrien, er solle lieber eine Gläubigerversammlung statt einer Wahlversammlung machen. Ich werde auch jetzt immer noch von wirklich ordentlichen Menschen darauf angeredet, daß ein Herausstellen von Manns in Schaumburg-Lippe uns schaden würde, weil er so viel getrunken und Weibergeschichten gehabt hätte.“

Dennoch habe die Partei hinter Adolf Manns gestanden – eben weil er ein alter NSDAP-Kamerad gewesen sei, argumentierte das Verfassungsgericht in seiner Urteilsbegründung.

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