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Henning Boëtius‘ Autobiografie „Der Insulaner“

Ein dekantiertes Leben

HAMELN. Zu dick. Das hatte sein Verleger befunden. Von 1400 Seiten wurde „Der Insulaner“ deshalb auf 960 zusammengeschmolzen. Dennoch sei sein Verleger, so der Autor, der Meinung gewesen, das Buch sei „irgendwo zwischen Proust und den Buddenbrocks“ anzusiedeln. In der Matinee der Hamelner Bibliotheksgesellschaft stellte Henning Boëtius, der bereits zu vierten Mal Gast in Hameln war, jetzt seine 2017 erschienene Autobiografie vor.

veröffentlicht am 12.02.2018 um 15:48 Uhr

Henning Boëtius und sein Buch „Der Insulaner“: Er hat sich am eigenen Leben abgearbeitet. Foto: eaw
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Autor

Ernst August Wolf Reporter

Mit diesem Buch habe er sich „abgeschrieben“, so der 79-Jährige. „Der Wein schmeckt, aber ich habe keine Lust mehr zu schreiben“, so der Autor. Seine Lesung unterbricht Boëtius dann immer wieder durch ergänzende Rückblenden und Erläuterungen, die seinen Text in reizvoller Weise kommentieren. Literatur, das sei für ihn eine „besondere Form der Wahrheit“, deshalb habe er die Romanform gewählt. „Eine bloße Chronik kann das nicht leisten“, stellt er fest.

„Der Insulaner“ zeigt ein bewegtes, vielschichtiges Leben. Vor der Operation eines Hirntumors fürchtet der Schriftsteller B., seine Erinnerungen für immer zu verlieren. Dann aber wird die Operation für ihn zu einer langen Wanderung über viele Wege und Irrwege eines einzigartigen Lebens voller Höhen und Tiefen. In seinem Narkosetraum erzählt er einem Analytiker die Geschichte dieses Lebens. Von der sensiblen Mutter, die ihre künstlerischen Ambitionen nie wirklich ausleben durfte, dem bewunderten, meist unnahbaren Vater, der einst als Offizier auf dem Luftschiff „Hindenburg“ die Katastrophe von Lakehurst überlebte. Und er erzählt von der Insel im Meer, auf der er aufwuchs und wo er sich doch stets als Außenseiter empfand. Bis er schließlich wieder aus der Narkose erwacht, ist sein ganzes Leben an ihm vorbeigezogen – und mehr als ein halbes Jahrhundert.

Erinnerte Arztgespräche, der Geschmack von Schmelzkäse, die Bombennächte in Frankfurt, seine Heimat, die Insel Föhr, den zehnten Geburtstag, zu dem keiner seiner Freunde erschien, das Kriegstagebuch seiner Mutter samt seinem ödipalen Komplex, all das findet seinen literarischen Niederschlag in „Der Insulaner“. „Auf dem Weg zum Physik-Nobelpreis“ habe ihn die Literatur aus der Bahn und in die Krise geworfen, erinnert sich Boëtius.

Es sei seine Aufgabe gewesen, dieses Leben „zu dekantieren“, sagt er. Das Verhältnis zum Vater wird wieder eingerenkt, Krankheit, Abstürze, Tod und Freundschaften zum Thema gemacht, in einem Porträt einer für heutige Leser fast schon vergessenen Zeit. Boëtius, der Adorno-Schüler, hat sich am eigenen Leben und am Schreiben schonungslos abgearbeitet. Am Ende bleibt der Eindruck, dass sich hier jemand mehr als nur sein eigenes Leben von der Seele geschrieben hat.

Das Buch: Henning Boëtius: „Der Insulaner“, Roman, 960 Seiten, btb-Verlag 2017.

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