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Immer wieder stellt Tom Sack amtliche Schriftstücke ins Internet – und wird dafür bestraft

Künstler kontra Justiz – was will dieser Mann?

Rinteln (wm). Der 27-jährige Künstler Thomas Sack aus Schaumburg, der sich nur Tom nennt, hat alle Chancen, in die Geschichte des World Wide Web einzugehen, nämlich als der erste, der seine Auseinandersetzung mit der Justiz komplett im Internet veröffentlicht – das heißt jedes Schriftstück. Die Justiz hat mit dieser Form der Öffentlichkeitsarbeit offensichtlich ihre Probleme und holt den jungen Mann immer wieder vor die Schranken des Gerichts, einfach deshalb, weil er auch amtliche Schriftstücke ins Internet stellt – das ist verboten, solange diese Schriftstücke nicht in der Hauptverhandlung erörtert worden sind. Eigentlich ein Paragraf, der ursprünglich dafür gedacht war, die Intimsphäre Dritter bei Sexualdelikten zu schützen.

veröffentlicht am 11.02.2010 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 07.11.2016 um 04:21 Uhr

Tom Sack in seinem Atelier – nicht nur barbusige Frauen, a

Doch um Sex geht es bei Sack nicht, sondern um Kunst, genauer gesagt um Kunstfälschung, die Sack vorgeworfen wird. Doch diese „Hauptsache“, wie man im Juristendeutsch das nennt, hat die Staatsanwaltschaft offensichtlich aus den Augen verloren und liefert einen Kleinkrieg um die Internetveröffentlichungen. So hat Sack auch die Hausdurchsuchung der Polizei bei ihm gefilmt und ins Internet gestellt – und damit hat der ganze Ärger eigentlich begonnen.

Am 9. Februar hat Sack jetzt für die Veröffentlichung von amtlichen Schriftstücken im Netz vom Amtsgericht Rinteln eine Strafe von fünf Tagessätzen kassiert, pro Tag 16 Euro, die niedrigste Summe, die das Gesetz überhaupt zulässt – auch an diesen Niederlagen lässt Sack die Öffentlichkeit teilhaben. Bereits vor einem Jahr ist Sack von Richter Christian Rost wegen desselben Deliktes verwarnt worden.

Was ist dieser Künstler, Kunsthändler, Webdesigner – ein Michael Kohlhaas, der wie in einer Novelle von Heinrich von Kleist wegen angeblich erlittenem Unrecht selbst zum Wüterich wird? Ein Don Quichotte, der gegen Windmühlen anläuft?

Nein, sagt Sack am Telefon, eigentlich habe er diese Auseinandersetzung in dieser Form so gar nicht gewollt. Er sei heute selbst überrascht, darüber, „dass das so ausgeufert ist“. Er sei sich zu Beginn des Streites der komplizierten Rechtslage überhaupt nicht bewusst gewesen: „So was lernt man nicht in den ersten Semestern des Jurastudiums.“ Nur habe er nun einmal angefangen, den Streit öffentlich zu machen und da könne er kaum einen Rückzieher machen.

Der Auslöser, an die Öffentlichkeit zu gehen, sei für ihn die Hausdurchsuchung gewesen: „Ich habe mich einfach in meinem Rechtsempfinden verletzt gefühlt.“ Deshalb habe er mit dem Film gegen ein solches Vorgehen protestieren wollen. Aus ähnlichen Motiven habe er danach das Porträt des Staatsanwaltes gemalt, ein Protest mit den Mitteln der Kunst – damit aber keineswegs den Mann persönlich verletzen wollen. Er sei deshalb „aus allen Wolken gefallen“, als die Polizei vor der Tür stand und das Gemälde beschlagnahmt habe.

Sack sagt, er habe inzwischen den Eindruck, „dass man als Beschuldigter in einem Strafverfahren praktisch keine Rechte hat, egal, ob man schuldig oder unschuldig ist, wenn die Staatsanwaltschaft beschlossen hat, die Sache persönlich zu nehmen“.

Anhaltspunkte dafür kann Sack nennen. So habe der Richter wie sein Verteidiger bei der Verhandlung vor dem Amtsgericht am 9. Februar, als es um die erneute Veröffentlichung von amtlichen Schriftstücken im Internet ging, der Staatsanwaltschaft eine Einstellung des Verfahrens vorgeschlagen, weil der Beschuldigte in der Hauptsache ohnehin eine höhere Strafe zu erwarten habe. Das sei die übliche Vorgehensweise in solchen Fällen – doch die Staatsanwaltschaft habe abgelehnt. Sack hat den Verdacht, die Staatsanwaltschaft könnte ihn möglicherweise auch deshalb so hartnäckig wegen seiner Internetaktivitäten verfolgen, weil von der Hauptsache, der eigentlichen Anklage der Kunstfälschung so wenig übrig geblieben sei.

Denn das Landgericht habe ihm inzwischen mitgeteilt, dass es in 167 von ursprünglich 201 angeklagten Fällen keinen hinreichenden Tatverdacht mehr sehe. Der Tatverdacht „klassische Kunstfälschung“, also die Kopie von Werken bekannter Maler in betrügerischer Absicht, sei sogar komplett gestrichen worden. Was bleibt ist, dass Sack Maler erfunden haben soll, die nicht existieren. Nur, sagt der Künstler, gebe es hier keinen Geschädigten, denn diese Bilder seien nicht verkauft worden.

Sacks Fall ist längst auch in überregionalen Medien dargestellt worden: Bild hat über ihn berichtet, ebenso Arte und Sat-1. Unter dem Strich, sagt der Maler, habe ihm diese Medienpräsenz mehr geschadet als genützt – auch hier irre die Staatsanwaltschaft, wenn sie glaubt, er ziehe Vorteile aus seiner Medienpräsenz. Sicher, er bekäme jetzt Aufträge von Kunden, die sich von ihm porträtieren lassen wollten, doch sein Ruf als Kunsthändler sei durch die laufenden Prozesse auf Jahre ruiniert. Kein Kunsthändler, keine Galerie wolle mit ihm noch geschäftliche Kontakte – aus Angst, in die Sache hineingezogen zu werden.

Am Dienstag, 16. Februar, geht es in die nächste Runde: Um 9 Uhr findet im Saal 1010 des Bückeburger Landgerichts die Berufungsverhandlung wegen des in Mischtechnik auf Leinwand gemalten Bildnisses des gegen ihn ermittelnden Staatsanwaltes statt. Das Amtsgericht hatte ihn freigesprochen – die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt.

Auch am 9. Februar scheute der Rintelner Amtsrichter Christian Rost nicht das offene Wort: Dieses Verfahren sei völlig überflüssig, eine „Provinzposse“. Er bedauere, dass sich die Staatsanwaltschaft darauf einlasse und der Angeklagte das Verfahren nutze, in die Presse zu kommen. Staatsanwaltschaft und Angeklagter schaukelten sich gegenseitig hoch. Sack ist überzeugt, es wird nicht die letzte Schlacht sein, die in Deutschland eine Staatsanwaltschaft gegen Internetveröffentlichungen dieser Art wird führen müssen: Weil es das Internet mit all seinen Möglichkeiten gibt, werde es künftig weiter Menschen geben, die es für diesen Zweck nutzen – sein Fall sei da nur der Anfang.




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