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Vor 100 Jahren wurde „Mensch ärgere Dich nicht“ erfunden / „Monopoly“ wird 75

Ein Spiel, so zufällig wie das Leben

Landkreis. Der Volksschauspieler hatte es begriffen: Im deutschen Film „Herrliche Zeiten“ von 1950 sagt Heinz Rühmann über ein gerade beendetes Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiel: „Ein weises Spiel, ein erzieherisches Spiel, bei dem man sehr gut verlieren lernen kann.“

veröffentlicht am 12.12.2010 um 19:48 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 06:22 Uhr

„Mensch ärgere Dich nicht“ – leichter gesagt als getan. Foto: pr.

Autor:

Frank Westermannund Philipp Killmann
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Wohl wahr. Das Spiel des Lebens wird in diesen Tagen 100 Jahre alt, die Post hat es mit einer eigenen Briefmarke geehrt. „Erfunden“ wurde es vom Münchner Josef Friedrich Schmidt (1871 bis 1948), der kurzerhand Spiele wie „Pachisi“ als Vorbild nahm und die Regeln leicht änderte. Das Spiel war ein Flop, niemand wollte es. Erst als der Wind des Wechsels über die Weltkugel blies, pustete er das Spiel zu einem sensationellen Erfolg. Schmidt hatte die geniale Idee, im Ersten Weltkrieg 3000 Exemplare in die Lazarette geschickt – eine Werbeaktion, die ungeahnte Folgen hatte: Die Soldaten waren begeistert; es vertrieb die Langeweile und machte auch noch Spaß. Aus den Lazaretten nahmen sie es mit in die Wohn- und Kinderzimmer Deutschlands.

Der Erfolg war nicht nur den einfachen Spielregeln geschuldet – jeder kann sofort mitmachen –, sondern das Spiel spiegelte auch ein gesellschaftliches Umdenken wider. Der Erste Weltkrieg hatte die bisher gottgegebene Ordnung auf den Schrottplatz der Weltgeschichte gefegt, die alten Stände mit dem Kaiser an der Spitze und dem kleinen Mann ganz unten und einem Gott über allen, der mit weisem Wissen die Welt lenkt – diese Gesellschaftsordnung hatte im Krieg ihr Waterloo erlebt. Denn in den Schlachten von Verdun und auf den Feldern von Flandern war kein Platz für Heldentod und Vaterlands-Ruhm; hier wurde ein ebenso grausamer wie sinnloser Gifttod gestorben, hier ließ eine ganze Generation in einem Stellungskrieg ihr junges Leben, in dem es kein „Vorwärts!“ gab. Nicht ohne Grund wurde später Erich Maria Remarque für seine schonungslose, weil realistische Darstellung in „Im Westen nichts Neues“ von den reaktionären und konservativen Kräften bis aufs Äußerste angefeindet.

Es half nicht; die alte Ständeordnung verschwand und mit ihr das Spiel, das sie bis dahin verkörperte: Schach. Denn wer wollte nach vier Jahren unbarmherzigen Krieg noch etwas von einem Spiel wissen, bei dem eine geniale Strategie greifen muss, um einen König zu schützen, der nach „blutleeren Bauernopfern“ (Hans Jürgen Luibl) endlich den Sieg erringt? Eben.

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„Mensch ärgere Dich nicht“ dagegen konnte nicht nur von jedermann fast sofort gespielt werden, sondern war auch wie das ganze Leben: zufällig. Du wirfst eine Fünf? Schön für dich, dann rücke vor ins Haus. Dein Würfel fällt und zeigt eine Drei? Pech, da darfst du weiter warten und bangen. Hier regiert keine Obrigkeit mehr und es zählt kein Rang mehr, hier darf jeder selbst seine Spielfiguren hin- und herschieben. Und wer rausfliegt, der ist nicht tot, sondern darf wieder anfangen. Auf diesem Spielbrett ist jeder mit vier Kegeln ähnlich hilflos wie ein Schiffbrüchiger auf hoher See – wie es im richtigen Leben halt so ist.

Weit über 70 Millionen Exemplare hat der Verlag J.F. Schmidt seither verkauft. Und noch heute sind es pro Jahr rund 100 000 Stück; das ist keine schlechte Bilanz im Zeitalter der Hightech-Konkurrenz Viel ist geforscht worden über den Erfolg des simplen Brettspiels, der Journalist Klaus Ungerer hat es einmal so formuliert: Bei „Mensch ärgere Dich nicht“ sei der Spieler gleichzeitig „Ausführender und Opfer einer namenlosen Schicksalsmacht, die einen jeden von uns, ohne Trost und ohne Grund, jederzeit des Feldes verweisen“ könne.

Übrigens: Beim „Mensch ärgere Dich nicht“ hatte damals Tante Wilma immer das Spielbrett in die Zimmerecke gefegt. Wie man hier gut verlieren kann, das hat sie in all den Jahren nicht gelernt.

Ähnlich konfliktträchtig, wie Liedermacher Franz Josef Degenhardt einst anschaulich besang, ist das Gesellschaftsspiel Monopoly, das in diesem Jahr 75 wird. Offiziell gilt der Amerikaner Charles Darrow als Erfinder des Glücks- und Taktikspiels. Zumindest wurde ihm 1935 ein Patent erteilt. Tatsächliche Urheberin des Spiels soll allerdings Elizabeth Magie Phillips sein, die sich das Spiel unter dem Namen „The Landlord’s Game“ bereits 1904 patentieren gelassen haben soll. Womit bestätigt zu sein scheint, was Degenhardt einst sarkastisch über Monopoly sang: „Wer das meiste besitzt, der hat gewonnen. Und wer am wenigsten besitzt, der hat verloren.“ Frau Phillips hat offenbar nicht gewonnen.




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