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Innenstadt darf nicht zum Museumsdorf werden

Kommentar: Rinteln braucht mutige Konzepte gegen Leerstand!

Leerstand in der Weserstraße!? – Noch vor wenigen Jahren schien es undenkbar, dass in dieser 1a-Lage in der Rintelner Innenstadt Ladenflächen leer stehen könnten. Schloss ein Laden seine Pforten, wurde er wenige Wochen später unter neuer Führung mit meist neuem Sortiment wieder eröffnet. Doch seit der altersbedingten Schließung des Modehauses Beckmann hat sich die Situation verändert.

veröffentlicht am 08.06.2020 um 19:00 Uhr

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Zunächst betraf es nur solche Immobilien, die Ladenflächen über mehrere Etagen anboten, jetzt sind auch andere Standorte betroffen: Der Leerstand greift um sich, Besserung ist nicht in Sicht. Denn durch Corona hat sich die Lage des Einzelhandels noch einmal drastisch verschlechtert. Experten rechnen daher bundesweit mit der Schließung weiterer rund 50 000 Läden – durch Corona, durch den auch damit einhergehenden boomenden Internethandel und durch ausufernde Sortimente auf der grünen Wiese vor den Toren der Städte.

Fußgängerzone darf nicht zu Parkplatz verkommen

Im Kontrast dazu stehen die Wünsche der Mehrheit der Verbraucherinnen und Verbraucher. Lebendige Innenstädte wünschen sie sich laut Umfragen, mit attraktiven Läden, guten gastronomischen Angeboten und einem hohen Wohlfühlfaktor. Doch diesen Umfragen zum Trotz findet die Abstimmung der Kundinnen und Kunden mit den Füßen nicht statt. Die Innenstädte veröden, alternative Angebote erblühen, worüber auch in Rinteln ein erfolgreicher und gut besuchter Einkaufssonntag nicht hinwegtäuschen kann.

Wenn die Fußgängerzone nicht zum Parkplatz für die Auslieferfahrzeuge von Amazon, Zalando und Co verkommen soll, müssen Alternativen her. Das setzt zum einen ein radikales Umdenken in der städtischen Wirtschaftsförderung voraus, zum anderen aber auch die Bereitschaft der Hauseigentümer, die Mieten den Veränderungen in der Einzelhandelswelt anzupassen und gegebenenfalls in Zusammenarbeit mit Nachbarn gemeinsame Ladenflächen für attraktive Angebote zu schaffen. Es bedarf aber auch mutiger Einzelhändler, die den Weg in die Selbstständigkeit nicht scheuen und dabei von risikobereiten Banken unterstützt werden. Was das konkret heißt? Nehmen wir als Beispiel die kleine Markthalle, die 25 Jahre lang funktionierte und nun nach dem Auszug der Fleischerei Rauch leer steht. Hier könnten sich, vielleicht unter städtischer Regie, die Hofläden aus dem Rintelner Stadtgebiet mit ihren vielfältigen Angeboten ansiedeln. Eine zentrale Kasse am Ausgang für alle Anbieter sowie eine Mischung aus Bedienung und Selbstbedienung würde die Personalkosten senken; die Miete könnte gemeinsam aufgebracht werden; das gemeinsame Angebot würde eine breite Kundschaft ansprechen, die nicht mehr gezwungen wäre, zu langen Autofahrten zu den häufig entlegenen Hofläden aufzubrechen. Das wäre ökologisch wie ökonomisch sinnvoll, würde die Attraktivität der Innenstadt steigern. Unter Umständen könnte ein solches Projekt auch förderungswürdig sein – aus dem EU-Haushalt, aus den laufenden Konjunkturprogrammen oder aus Mitteln des Landwirtschaftsministeriums.

Attraktivität durch gemeinsame Ladenflächen steigern

Dies ist nur ein Beispiel, weitere ließen sich mit einigem Nachdenken finden. Etwa eine Ladengemeinschaft von kleineren Händlern aus den Dörfern oder den Nebenstraßen, die allein ein solches Projekt nicht stemmen könnten, mit ihren oft exklusiven Angeboten aber zur Steigerung der Attraktivität der Innenstadt beitragen würden. Marktwirtschaftlich betrachtet ist ein solches Vorgehen vielleicht fragwürdig. Angesichts wachsender Leerstände und immer mehr in Bedrängnis geratener Händler ist es aber zwingend notwendig, auch solche Lösungen in Betracht zu ziehen. Dies um so mehr, als die ordnungspolitischen Maßnahmen der Vergangenheit schon zu einem marktwirtschaftlichen Ungleichgewicht geführt haben: so lange Kommunen Verkaufsflächen am Ortsrand zulassen, so lange der Internethandel auch in Corona-Zeiten 7 Tage die Woche rund um die Uhr verkaufen kann, geht das zu Lasten des stationären Einzelhandels, der vielen gesetzlichen Restriktionen unterliegt. Wenn die Innenstadt nicht zum Museumsdorf verkommen soll, muss gehandelt werden! In den Läden, in der Politik, in der Gesellschaft…




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