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SZ/LZ-Kommentar

Kommentar zu Homeoffice-Appell: Die nächste Sau wird durchs Dorf getrieben

LANDKREIS. Jetzt also hat sich die Politik auf die Betriebe eingeschossen in der Bekämpfung des Corona-Virus. Mehr MitarbeiterInnen sollen ins Homeoffice. Als wäre dies das Allheilmittel gegen die Pandemie. Und als würden die Betriebe nicht schon längst alles tun, um Ansteckungen zu verhindern. Der Kommentar von SZ/LZ-Chefredakteur Stefan Reineking:

veröffentlicht am 21.01.2021 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 25.02.2021 um 20:10 Uhr

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Maske muss nicht sein, Abstand und Händewaschen reicht – so hieß es am Anfang der Corona-Pandemie. Dann kam die Alltagsmaske als unschlagbare Waffe im Kampf gegen das Virus, jetzt sind wir bei OP- und FFP 2-Masken angelangt. Dann sollte die App das Wundermittel im Kampf gegen das Virus sein. Erst waren Schulen und Kindergarten sicher, dann wurden sie geschlossen. Mit ihnen Restaurants, Kneipen, Bars, Geschäfte (aber nicht alle, sodass sich das Millionenheer von Kunden jetzt auf wenige Läden verteilt), Kinos, Theater, Konzertsäle, Museen und, und, und…

Und als alles das nicht ausreichte, war sich die außerparlamentarische Kanzlerinnen- und MinisterpräsidentInnenrunde schnell einig: Der Bürger hat‘s vermasselt. Hat nicht genügend Abstand gehalten; hat einfach Urlaub gemacht (was ja auch nicht verboten war); hat sich mit Freunden getroffen; ist Schlitten gefahren; geht einfach zur Arbeit; verlässt das sichere Eigenheim, vor dem Virologen oft genug als Ansteckungsherd Nummer 1 gewarnt haben.

Und nun wird eine – um Helmut Kohl zu zitieren – neue Sau durchs Dorf getrieben: schuld haben die Betriebe, die sich nicht genügend um Homeoffice bemüht haben. Also muss hier der Hebel angesetzt werden.

Fragt sich bloß: wie? Landauf und landab haben die Betriebe schon aus Eigennutz im Frühjahr damit begonnen, die Unternehmen coronafrei zu halten. Dienstpläne wurden so geändert, dass sich Kollegen verschiedener Abteilungen nicht mehr über den Weg liefen; Konferenz- und Aufenthaltsräume wurden zu Büros umgewandelt, um die Abstände zwischen den Mitarbeitern zu vergrößern; wer konnte, wurde zum Homeoffice verdonnert und harrt dort noch heute aus.

Aber, liebe in der Berliner oder Düsseldorfer Blase lebende Politikerinnen und Politiker: Es geht nicht überall. Und daran seid ihr selbst nicht ganz unschuldig: Vielfach fehlen, gerade im ländlichen Bereich, die technischen Voraussetzungen zur Arbeit im Homeoffice. Datenleitungen sind vielerorts zu schwach, um die heute üblichen Datenmengen zu stemmen.

Hinzu kommt: Da ihr auch noch die Kinderbetreuung auf die Homeofficers abgewälzt habt, sind diese mit der Doppelbelastung überfordert. Und dann fehlt in ganz vielen Wohnungen und Eigenheimen ein Büroraum zum ungestörten Arbeiten – weil die Mieten speziell in Ballungsräumen viel zu hoch sind für einen zusätzlichen Raum, und weil ihr in den 90er Jahren die steuerliche Absetzbarkeit von Büros im Eigenheim gestrichen habt.

Das Homeoffice am Couchtisch zwischen nörgelnden Kindern und depressiven Haustieren – das wird Corona ganz bestimmt besiegen!




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