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SZ/LZ-Kommentar

Kommentar zu Impfpolitik in Niedersachsen: Jetzt reicht’s!

LANDKREIS. Nur 210.000 statt der vorhandenen 500.000 Menschen über 80 Jahre haben bislang eine Einladung zu einem Impftermin bekommen. „Schuld“ daran ist mal wieder der Datenschutz. Wie soll man da Herdenimmunität herstellen? Und warum schickt man nicht mobile Teams auf die Dörfer? Der Kommentar des SZ/LZ-Chefredakteurs:

veröffentlicht am 15.01.2021 um 00:00 Uhr

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Chefredakteur zur Autorenseite

In der an Pannen und Ungereimtheiten reichen, aber kurzen Geschichte der Corona-Pandemie hat das Land Niedersachsen in Zusammenhang mit der Impfung ein besonders finsteres Kapitel aufgeschlagen: Nur 210 000 statt der vorhandenen 500 000 Menschen über 80 Jahre erhielten eine Einladung zum Impftermin. „Schuld“ daran ist mal wieder der Datenschutz. Die mit dem Versand der Briefe beauftragte Post-Gesellschaft darf deswegen nur auf den eigenen lückenhaften Datenbestand statt auf die staatlichen kommunalen Melderegister zurückgreifen. Datenschutz ist sicher richtig und wichtig. In so einer elementaren Frage wie der Pandemiebekämpfung aber fehl am Platz, zumal Vater Staat ansonsten auch nicht gerade zimperlich ist, wenn es Datenschutzregeln auszuhebeln gilt: etwa dann, wenn ich in Restaurants meine Aufenthaltsdauer und meine Adresse offenbaren muss.

Wie eine Herdenimmunität, also eine Impfung möglichst vieler Menschen, gelingen soll, wenn etwa die Hälfte der besonders gefährdeten Altersgruppe über 80 Jahren keine Einladung erhält, bleibt wohl das Geheimnis der niedersächsischen Landesregierung. Der Vorgang zeigt aber mehr als deutlich, dass die Herkulesaufgabe Massenimpfung zum Waterloo für die sonst viel gelobte deutsche Bürokratie wird – angefangen bei der schleppenden Impfstoffbestellung, über den zögerlichen Impfbeginn bis hin zu fehlenden zeitlichen Perspektiven über ein voraussichtliches Ende der Mammutaufgabe. Immerhin: Mittlerweile ist auch die Landesregierung auf ihr Versagen aufmerksam geworden und will nun erneut alle Senioren anschreiben – über die lokalen Meldeämter.

Vielleicht wäre es aber an der Zeit, das bisherige Konzept noch einmal zu überdenken. Angefangen bei den zentralen Impfzentren, die zwar pünktlich zum 15. Dezember 2020 hergerichtet waren, aber bis heute noch nicht im Regelbetrieb sind. Wie bitteschön soll zum Beispiel die führerscheinlose 87-jährige Oma Schulze aus dem Auetal ohne großen Aufwand zum Impfzentrum nach Stadthagen kommen? Wäre es nicht einfacher, in jeder Kommune im Dorfgemeinschaftshaus, der Turnhalle oder dem Gemeindehaus einen festen Impftermin anzubieten, bei dem mobile Teams anrücken und alle vorab von der Gemeinde informierten Impfwilligen abfertigen?

Der logistische Aufwand mag höher sein, der Erfolg mit Blick auf eine möglichst hohe Teilnahme an der Massenimpfung aber auch. Und es wäre vor allem eines erreicht: die Menschen würden vor Ort erleben, dass sich konkret etwas tut, dass die Fülle der für viele zum Teil schwer verständlichen staatlichen Anti-Corona-Regeln tatsächlich in konkreten Maßnahmen mündet. Ansonsten bleibt bei vielen Menschen nur das dumpfe Gefühl, dass „die da oben“ mit der Pandemiebekämpfung völlig überfordert sind. Ist wohl auch so.




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