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Oder: Denk ich an Deutschland in der Nacht...

SZ-Kommentar: Wie uns Nebelkerzen als Lockerungen verkauft werden

Mal positiv gedacht: Wenn sich das Infektionsgeschehen in unserer Region als stabil erweist, dann dürfen ab 22. März die Gastronomiebetriebe wieder öffnen. ,,Schön!“, könnte man meinen, wäre da nicht ein Pferdefuß: Öffnen darf nur Außengastronomie und die ist in unseren Breiten bekanntlich wetterabhängig. Gut, mit Mütze, Schal und Mantel, eingehüllt in die oftmals zur Verfügung stehenden Decken, kann man sich sicherlich draußen für ein erfrischendes oder wärmendes Getränk setzen. Aber spätestens dann, wenn der Regen die Suppe verwässert, die Pizza aufweicht oder sich als Pfütze auf die ansonsten schmackhafte Soße legt, hat der Gastronom ein Problem: Die Leute wollen rein, dürfen aber nicht.

veröffentlicht am 04.03.2021 um 17:58 Uhr

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Flüchten womöglich ohne zu zahlen. Noch schlimmer: sie kommen erst gar nicht mit für den Wirt fatalen Folgen. Er hat seinen Betrieb wieder hochgefahren, verursacht damit einen Haufen Kosten bei null Umsatz.

Und das wird uns seit gestern als Lockerung verkauft. Von den Regierenden, die per Videoschalte in ihren Elfenbeintürmen hockend mal wieder über unser aller Schicksal bestimmt haben. Hat da niemand ans Wetter gedacht? Hat da keiner daran gedacht, was es für einen Gastronomiebetrieb bedeutet, wenn er eine Außengastronomie betreibt? Oder hat man mit diesem Trostpflästerchen versucht, die ohnehin arg gebeutelte Branche ruhig zu stellen, ohne eine wirkliche Öffnungsperspektive zu präsentieren?

Fragen über Fragen, die man so oder ähnlich auch zu den anderen beschlossenen Maßnahmen stellen kann. Einzelhandelsöffnung bei Inzidenzen über 50 und unter 100 nur mit Termin – wie soll das in der Praxis gehen? Körpernahe Dienstleistungen ab Montag zum Teil mit aktuellen Schnelltests, die es noch gar nicht flächendeckend gibt. Jeder einzelne der Beschlusspunkte der Kanzlerrunde wirft solche oder ähnliche Fragen auf. Oder bleibt nebulös, wenn es etwa um die gewollte Beschleunigung des Impfens geht (Wie???) oder die Beschaffung und Zurverfügungstellung von Schnelltests (Wie???). Und schließlich die unbeantworteten Fragen: Was wird mit Ostern? Wie sieht die Perspektive für den Sommer aus? Dürfen wir im Urlaub wieder reisen?

Insgesamt also ein dürftiges Ergebnis der sich bis in die Nacht hinziehenden Beratungen, die einen Eindruck bei vielen Menschen im Land verfestigt haben dürften: unsere Regierenden handeln plan-, kopf- und hilflos, wenn es um die Schritte zur Rückkehr zum ,,normalen“ Alltag geht; sie handeln fahrlässig, wenn es um die Planung der Impfkampagne und die Beschaffung von Testkapazitäten geht; sie handeln vorsätzlich, wenn sie Nebelkerzen wie die vom angeblichen Lockerungsplan werfen, um ihr eigenes Versagen in Sachen Forschung, Impfung, klarer Regelungen und überbordender Bürokratie zu kaschieren. Und dafür nehmen sie auch noch im Wahljahr das Vor-die-Wand-fahren einer ganzen Volkswirtschaft in Kauf. Heinrich Heine sagte: ,,Denk ich an Deutschland in der Nacht...“




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