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Workshop zu Rüstungsproduktion und Konzentrationslagern rund um die Porta Westfalica

Akribische Spurensuche im Besucher-Bergwerk

Kleinenbremen (wk). Auf eine unerwartet gute Resonanz ist ein vom Besucher-Bergwerk und Museum Kleinenbremen angebotener Workshop gestoßen. Von teilweise weit über die Region hinaus reisten die rund 50 Teilnehmer an, um etwas über die „Rüstungsproduktion und Konzentrationslager im Raum Porta“ zur Zeit des Dritten Reiches zu erfahren.

veröffentlicht am 25.09.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 07.11.2016 um 22:41 Uhr

Mit dem großen Interesse an dem Workshop hat Johannes Großewinke

Es sei „toll, dass so ein großes Interesse an diesem Thema besteht“, freute sich Geschäftsführer Johannes Großewinkelmann, und verriet, dass ihn die hohe Zahl der Anmeldungen überrascht habe. Andererseits berichtete er von mehreren kritischen Anrufen, die er im Vorfeld der Veranstaltung von Kleinenbremener Bürgern erhalten habe: „Wie können Sie darin rumrühren?“ und „Warum stellen Sie die Leute an den Pranger?“ hätten diese etwa geschimpft. „An den Pranger stellen werden wir niemanden“, betonte Großewinkelmann gegenüber den Workshop-Teilnehmern. Aber die „Geheimnistuerei“ um diesen Teil der Geschichte des Bergwerks werde man „lüften“.

So referierte der Geschichtswissenschaftler Thomas Lange über die Ergebnisse seiner im Jahr 2006 verfassten Magisterarbeit „Die Konzentrationslager in Porta Westfalica“. Die „Eckdaten“ zu diesem Thema würden sich zwar gut recherchieren lassen, allerdings werde es „sehr, sehr schwammig, wenn es um Details geht“, erläuterte der Mindener, der sich bei seiner Arbeit auf eine große Anzahl an Zeitzeugenberichten gestützt hatte.

Das zusammengefasste Ergebnis: Zum Ende des Zweiten Weltkrieges war das Erzbergwerk in Kleinenbremen nach den Plänen der nationalsozialistischen „Organisation Todt“ für die Produktion von Flugzeugteilen des Unternehmens Focke-Wulf vorgesehen. Dazu wurden 1944 in einem Teil des Bergwerks entsprechende Räumlichkeiten aus Ziegelsteinen eingezogen, die auch heute noch erhalten sind. Ob diese Ausbauten seinerzeit durch Zwangsarbeiter vorgenommen wurden, ist bislang offen. Fest steht jedoch, dass wegen des bald darauf eingetretenen Kriegsendes im Jahr 1945 letztlich keine Produktion angelaufen war.

Außer in Kleinenbremen wurden laut Lange in den beiden letzten Kriegsjahren auch Bergwerke in Hausberge und Barkhausen von der Organisation Todt für die Rüstungsproduktion hergerichtet. Dort hatte es jedoch – einschließlich des Ortes Lerbeck-Neesen – drei Konzentrationsaußenlager gegeben, in denen insgesamt 2500 bis 3500 Menschen (viele politische Häftlinge, aber nur relativ wenige Juden) inhaftiert waren. Die Häftlinge dieser Lager wurden dazu gezwungen, die Stollensysteme weiter auszubauen, um etwa in Hausberge unter Tage bis zum Kriegsende Radioröhren für das Unternehmen Phillips-Valvo zu produzieren. Unter anderem aufgrund der schweren Arbeit und der schlechten Verpflegung starben dort pro Monat schätzungsweise rund 100 Menschen.

Das im Herbst 1944 eingerichtete Konzentrationsaußenlager Lerbeck-Neesen – zu dem der Geschichtswissenschaftler insgesamt 36 Todesfälle herausgefunden hatte – war dagegen für Reparaturarbeiten an Flugzeugmotoren bestimmt gewesen.

In seinem Vortrag über „Die nationalsozialistische Rüstungspolitik“ hatte Großewinkelmann zuvor berichtet, dass es sich bei der Organisation Todt (OT) um eine nach dem Ingenieur Fritz Todt (ab 1940 Reichsminister für Bewaffnung und Munition) benannte Bautruppe gehandelt habe. Diese sei nach militärischem Vorbild organisiert gewesen und habe im gesamten Reichsgebiet und in den besetzten Gebieten Straßen, Gebäude und Befestigungsanlagen errichtet, wobei die OT eng mit Gestapo und SS kooperiert habe. Im Jahr 1944 hätten rund 1,3 Millionen Menschen für die OT gearbeitet: bis auf circa „14000 ,wehruntaugliche‘ deutsche Arbeiter“ allesamt „Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge“.

Zum Programm der Veranstaltung gehörten außerdem eine „Spurensuche“ im Besucher-Bergwerk und eine Busrundfahrt zu in den Vorträgen angesprochenen Stationen in Porta Westfalica. Letztgenannte kommentierte Jörg Militzer aus Bünde.

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