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Neuer Kurs: Letzte Hilfe

Was man lernen kann: Wie helfe ich Menschen, die sterben?

OBERNKIRCHEN. Was sich alle wünschen, ist dies: Nach einem langen, glücklichen und rechtschaffenen Leben stirbt man daheim, im Kreise der Familie.
Das bleibt in den meisten Fällen genau dies: ein frommer Wunsch.

veröffentlicht am 16.05.2018 um 12:00 Uhr
aktualisiert am 16.05.2018 um 15:40 Uhr

„Wir wollen ganz viele Menschen schulen, um das Sterben wieder nach Hause zu verlagern“: Anja Meyer (l.) und Barbara Weißbrich. Foto: rnk
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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OBERNKIRCHEN. Was sich alle wünschen, ist dies: Nach einem langen, glücklichen und rechtschaffenen Leben stirbt man daheim, im Kreise der Familie.

Das bleibt in den meisten Fällen genau dies: ein frommer Wunsch.

Rund 64 Prozent, erklärt Barbara Weißbrich und bezieht sich dabei auf eine Zahl des Magazins „Spiegel“, würden im Krankenhaus oder in einer stationären Pflegeeinrichtung sterben. Daher bieten Weißbrich und Anja Meyer jetzt Kurse an, die sich „Letzte Hilfe“ nennen. Ihr Inhalt: Wie helfe ich Menschen, die sterben? Und was kann ich selber bereits im Vorfeld für mich regeln? Der Kurs dauert drei Stunden, ist kostenlos, und bei der Premiere werden zunächst interessierte Bewohner der betreuten Wohnanlagen vom Sonnenhof und ehrenamtliche Hospizbegleiter vom ambulanten Hospizdienst Sonnenhof für Obernkirchen, Auetal und Umgebung geschult, die Meyer und Weißbrich angesprochen haben.

Wie verhält man sich nun in solchen Situationen? Wie geht man mit Menschen um, deren Rolle in dieser Welt sich gerade auflöst? Die Antwort, die Meyer und Weißbrich geben, klingt einfach: Man sollte sie stärken und ihnen zeigen, dass sie auf diesem Weg nicht alleine sind. Ebenso wichtig seien ein natürlicher, würdevoller Umgang mit dem Sterbenden und die Akzeptanz der Selbstbestimmung bis zuletzt.

Eher zufällig hat Weißbrich von der Letzten Hilfe gehört, dem Umsorgen von schwer erkrankten und sterbenden Menschen am Lebensende, und das Projekt hat sie sofort begeistert: So wie es eine Erste Hilfe gibt, so sollte es auch eine letzte geben, und Anja Meyer sieht es so: Die Chance, jemandem beim Sterben zu helfen, sei deutlich höher als die, jemanden zu reanimieren. Beide haben sich daher zu Letzte-Hilfe-Kursleiterinnen ausbilden lassen und geben ihr Wissen nun an interessierte Bürger weiter, wobei es Kursregeln zur Durchführung gibt; eine Präsentation mit 54 Folien, 180 Minuten, vier Modulen: Sterben als ein Teil des Lebens; Vorsorgen und entscheiden; Leiden lindern und, viertens, Abschied nehmen.

Das Konzept dazu stammt von den Palliativwissenschaftlern Georg Bollig und Andreas Heller und ist dabei, sich mithilfe von Kooperationspartnern aus kirchlichen und anderen Bereichen mehr und mehr zu etablieren. Wer einen Letzte-Hilfe-Kurs gibt, braucht selber bestimmte berufliche Qualifikationen und muss sich grundsätzlich an das von den Wissenschaftlern entwickelte Schema halten. Vermittelt werden Basiswissen und Orientierung sowie einfache Handgriffe. Den Teilnehmern soll ein Grundwissen an die Hand gegeben werden, sie sollen ermutigt werden, sich Sterbenden zuzuwenden, denn Zuwendung sei das, was alle am Ende des Lebens am meisten brauchen würden. Und daher, so Meyer und Weißbrich, sei das Konzept hilfreich: So bleibe eine gewisse Qualität erhalten. Und später ist es jedem Teilnehmer natürlich persönlich freigestellt, wie er es mit Leben füllt, mit seiner Lebenserfahrung, mit seiner Berufserfahrung und der konkreten Situation, denn jeder Tod ist anders. Ein allgemeingültiges Schema, wie man mit Sterbenden umgehen soll, gibt es auch in den Letzte-Hilfen-Kursen nicht. Nur die Empfehlung, in Kontakt mit den Sterbenden zu bleiben und seine Unsicherheit zu teilen. Wie in einem Erste-Hilfe-Kurs will man auch in dem Letzte-Hilfe-Kurs nicht in die Tiefe gehen, sondern nur Basis-Wissen vermitteln.

Liedermacher Reinhard Mey hat diese letzten Momente im Leben einst so besungen: „Wie ein Baum, den man fällt / Eine Ähre im Feld / Möcht‘ ich im Stehen sterben.“ Es ist ein schönes Bild, Menschen sollen im Stehen sterben – also möglichst lange gut und selbstbestimmt leben können. Anja Meyer formuliert das recht ehrgeizige Ziel so: „Wir wollen ganz viele Menschen schulen, um das Sterben wieder nach Hause zu verlagern.“ Dorthin, wo man gelebt hat; dorthin, wo man geliebt hat und geliebt wurde. Das Wissen um die letzte Hilfe und das Umsorgen von schwer kranken und sterbenden Menschen soll wieder werden, was es einmal war: Allgemeinwissen.

Der nächste Kurs findet am 16. August von 14.30 bis 18 Uhr statt. Anmeldungen nehmen Barbara Weißbrich und Anja Meyer als Koordinatorinnen für den Hospizdienst entgegen: (0 57 24) 961-144, oder: hospizdienst@sonnenhof-obernkirchen.de. Der Kurs ist kostenlos, eine Spende wäre eine nette Geste.

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