weather-image
21°
Missbrauchsprozess: Dreieinhalb Jahre Haft für Erzieher

Richter: „Seinem abartigen Sexualtrieb freien Lauf gelassen“

RINTELN/BÜCKEBURG. Ein früherer Erzieher des Steinberger Jugendhofes Hirschkuppe hat drei Jungen sexuell missbraucht, in vier von insgesamt fünf Fällen schwer. Davon ist die 1. Große Jugendkammer am Bückeburger Landgericht überzeugt, die den Mann jetzt zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt hat. In zehn weiteren Anklagepunkten wurde der 47-Jährige aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

veröffentlicht am 22.05.2018 um 14:04 Uhr
aktualisiert am 23.05.2018 um 10:34 Uhr

270_0900_93587_Justizia_duester_dpa.jpg
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

RINTELN/BÜCKEBURG. Die Taten seien gegen Kinder gerichtet gewesen, die in der Einrichtung Schutz vor Übergriffen gesucht hätten, hieß es in der Urteilsbegründung. „An ihnen ließ der Angeklagte seinem abartigen Sexualtrieb freien Lauf“, sagte Richter Norbert Kütemeyer, Vorsitzender der Kammer. „Er nutzte ein Vertrauensverhältnis aus, das er sich zu den labilen Menschen aus schwierigen Verhältnissen erschlichen hatte. Für sie war der Angeklagte die wichtigste Bezugsperson. Nur zu ihm hatten sie Vertrauen.“

Den Opfern zollte Kütemeyer „hohen Respekt, weil sie den Mut aufgebracht haben, das ihnen Zugefügte zu offenbaren“. Die Taten liegen bis zu 18 Jahre zurück. Erst 2012 hatte ein heute 30-Jähriger das Verfahren mit seiner Anzeige ins Rollen gebracht. Zu einem der sexuellen Übergriffe war es unter einer Brücke nahe der Autobahn-Abfahrt Bad Eilsen im Auto des Erziehers gekommen, nachdem er und dieser Junge einen Diavortrag in Hannover besucht hatten.

Am selben Opfer verging sich der Mann nach Überzeugung des Gerichts außerdem auf Freizeiten in Ungarn und Kroatien. Beim ersten Übergriff war das Kind 13 Jahre alt. Einen zweiten Jungen missbrauchte der Erzieher während einer Freizeit in Bayern, einen dritten in Mecklenburg. In einem der fünf Fälle war es offenbar zu einvernehmlichem Sex gekommen, doch auch das ist bei minderjährigen Schutzbefohlenen strafbar. Die Kammer geht davon aus, dass es noch mehr Taten gegeben hat. Nach so langer Zeit gestaltete die Rekonstruktion jedoch schwierig.

Der Angeklagte hatte die Vorwürfe von Staatsanwalt Nils-Holger Dreißig, bei denen es um Oralverkehr und Masturbation hing, stets bestritten. Die Richter glaubten jedoch drei Belastungszeugen. Einem vierten Zeugen, als Kind ebenfalls Heimbewohner in Steinbergen, glaubten sie dagegen nicht.

Drei junge Männer, so Kütemeyer, hätten unabhängig voneinander schwere Beschuldigungen erhoben. Zudem ähnelten sich die Taten, zu denen es meistens auf Freizeiten gekommen sei. Auch konnte das Gericht „keine übermäßige Belastungstendenz“ erkennen. So habe ein Belastungszeuge vor Gericht klargestellt, dass er den Mann nicht oral, sondern „nur“ mit der Hand habe befriedigen müssen.

Den früheren Heimbewohner, durch dessen Anzeige der Fall bekannt geworden war, hatte eine Sozialarbeiterin als „hasserfüllten Jugendlichen“ beschrieben, „der sich nichts sagen ließ“. Kütemeyer und seine Richterkollegen gehen indes davon aus, dass sich der heute 30-Jährige positiv entwickelt hat. Er habe mit Erfolg eine Lehre absolviert und versorge einen kleinen Sohn. Auf den Angeklagten verspürt der junge Vater „keinen Hass“. Der Erzieher habe den Kindern „auch die Sonnenseite des Lebens gezeigt“. Mit seiner Anzeige wollte der 30-Jährige „dazu beitragen, dass der Angeklagte keinem Kind mehr so etwas antun kann“.

Gegen das Urteil ist noch Revision möglich. ly

Mehr Artikel zum Thema
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Kommentare