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Landesbischof Manzke über Werteorientierung in einer offenen Gesellschaft

120 Hass-Mails bekommen

BÜCKEBURG. Der Frage „Katalogwissen oder Haltung bewahren – was bedeutet Werteorientierung in einer offenen Gesellschaft?“ ist ein Vortrag nachgegangen, den Dr. Karl-Hinrich Manzke vor der Bückeburger Senioren-Union gehalten hat. Dabei spannte der Bischof der Ev.-luth. Landeskirche Schaumburg-Lippe einen weiten Bogen.

veröffentlicht am 09.02.2018 um 12:41 Uhr
aktualisiert am 09.02.2018 um 15:10 Uhr

Landesbischof Manzke vor der Senioren-Union. Foto: bus
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Autor

Herbert Busch Reporter
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Der Referent näherte sich der Thematik in vier Schritten.

l. Die Rede von dem Werteverlust und die Tatsachen – Zunahme an Respektlosigkeiten und Gewalttaten, Verunsicherungen und Beobachtungen, Unsicherheit und die Rede vom schwankenden Westen, die notwendige Suche nach gemeinsamen kulturellen Werten.

2. Die vier Hügel des Abendlandes, respektive des europäischen Kontinentes.

3. Die Errungenschaften der europäischen Kultur im Sinne einer aufgeklärten Religiosität – die fundamentale Unterscheidung von Religion und öffentlichem Leben, von Kirche und Staat und ihre heilsame Bedeutung, die Entdeckung der Würde des Einzelnen und ihrer Unantastbarkeit, Universalismus und die Behauptung der universellen Geltungsfähigkeit ethischen Handelns.

4. Die Erzählungen unserer Kultur, Wissen, Haltungen bewahren und pflegen – wer garantiert und verantwortet die europäischen/abendländischen Werte? Wer vertritt sie und in welchem Zusammenhang? Welche Haltung erfordern sie? – Demut gegen Hochmut, Stille gegen Empörung, persönliche Widerständigkeit statt schweigsame Missbilligung, Hingabe statt Selbstverwirklichung, Ergebung statt Allmachtswünsche.

Manzke stellte seinen Ausführungen Erkenntnisse des Bundesinnenministeriums voran, denen gemäß die Zahl der Straftaten insgesamt in den zurückliegenden drei Jahren in etwa gleich geblieben, mit Blick auf die Aufklärungsquote sogar eine leichte Erfolgszunahme zu verzeichnen sei. „Aber im Bereich der Respektlosigkeit und der Nutzung der Sozialen Medien hat es, vom Kindergarten bis zur Polizei, eine rasante Zunahme gegeben“, erläuterte der Referent.

Selbst im relativ beschaulichen und geschützten Schaumburg-Lippe – Manzke: Wir sind hier ja nicht Berlin-Mitte – seien beunruhigende Entwicklungen zu verzeichnen. Im Rahmen aktueller Besuche in Kindertagesstätten habe er in Erfahrung gebracht, „dass bestimmte Veranstaltungen, etwa Ausflüge, gut überlegt werden müssen oder nicht stattfinden können“. Es gebe Situationen mit Kindern, in denen die Respektlosigkeiten, auch gegenüber Erzieherinnen und anderen Kindern, so scharf seien, dass das Vorgehen sorgfältig ausbalanciert werden müsse.

Der Bischof stellte klar, dass es sich hierbei nicht um ein Massenphänomen handele. Fakt sei unterdessen, dass in Betreuungseinrichtungen heute mehr erklärt und begründet werden müsse als früher. Was auch auf Lehranstalten zutreffe. In diesem Zusammenhang erinnerte Manzke an das Engagement der Landeskirche in weiterführenden Schulen, wo zwei Diakone Training im Bereich Respekt anbieten. „Das ist ja im normalen Unterricht nicht vorgesehen“, verdeutlichte der Referent.

Manzke berichtete überdies über Reaktionen auf seine (kritischen) Äußerungen zur „Ehe für alle“. In der Folge sei er über Nacht mit 120 Hass-Mails eingedeckt worden. „Da habe ich schon ein bisschen geschluckt.“ Er habe allen Absendern zurückgeschrieben, aber nicht eine einzige Antwort erhalten. Der Bischof plädierte dafür, hinsichtlich der Internetkriminalität rechtliche Bedingungen zu schaffen, damit diese unter Strafe gestellt und verfolgt werden kann. Allerdings: „Das ist kompliziert, auch hier geht es nicht um Katalogwissen, das ist alles im Fluss.“

Hinsichtlich der „vier Hügel des Abendlandes“ meinte Manzke die Erhebungen Sinai (die Entgöttlichung der Welt - heilsame Unterscheidung), Akropolis (der Streit um die Wahrheit und deren Offenheit), Capitol (die Ordnung und die Kraft des Rechts) sowie Golgatha (die kulturelle Kraft der Hingabe als Beweggrund der Geschichte).

Hierbei handele es sich um die den Westen verbindenden Werte. „Diese hängen an vier Erzählungen, für die man auch persönlich einstehen müsste und kann, nicht an einem Katalogwissen“, führte der Referent aus. Und: „Für die Garantie dieser Werte sind wir und ich verantwortlich, das persönliche Eintreten kann uns keiner abnehmen, in einer so offenen Gesellschaft, wie wir es sind.“

Manzke abschließend: „Es geht darum, Haltungen zu beziehen und einzufordern, die für das Gemeinwohl und das Zusammenleben unverzichtbar sind.“

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