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Bundeswehr-Sicherheitsexperte Volker Kozok erhellt das Thema „Die dunkle Seite des Internets“

2 602 435 ungelesene E-Mails im Postfach

Minden (bus). Einen recht flotten Parforceritt durch die „Dunkle Seite des Internets“ (Vortragsthema) hat eine Veranstaltung der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik (GfW) ihren Teilnehmern präsentiert. Volker Kozok, gewissermaßen der Jockey der ins Hotel „Bad Minden“ einberufenen Zusammenkunft, vermittelte dem Auditorium vor allen Dingen den Befund: „Ganz und gar schützen können Sie sich nicht.“

veröffentlicht am 01.09.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 19:41 Uhr

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Was das Publikum angesichts des ungemeinen Erfahrungsschatzes des Fachmanns gleichermaßen betrübt wie erleichtert zur Kenntnis nahm. Zeigte die Aussage des Technischen Referenten beim Datenschutz-Beauftragten der Bundeswehr doch zugleich Mankos der öffentlich-rechtlichen Spezialisten im Kampf gegen Cyber-Halunken wie auch die Erkenntnis auf, dass Otto-Normal-User im Online-Wesen letztendlich mit den Fachleuten mehr oder weniger auf der gleichen Wellenlänge hantiert. Allerdings führte der Referent auch die Schnelllebigkeit des weltweiten Netzes vor Augen: „Alles, was älter ist als ein Jahr, gilt nicht mehr. Sollten Sie mich nächstes Jahr erneut einladen, werde ich einen ganz anderen Vortrag halten.“

Kozok, seit 22 Jahren im Geschäft und mannigfach in Sachen Cyber Security respektive Cyber Crime vernetzt, vermittelte sein umfangreiches Wissen auf überaus unterhaltsame Art. „Unter meinem Namen werden weltweit Tausende Uhren, etliche gefälschte Produkte und sogar Pornografie angeboten“, ließ er das Publikum ganz offen wissen. Er sei ein „begehrter E-Mail-Verschicker“, dessen Adresse immer wieder von zwielichtigen Gestalten ohne sein Zutun missbraucht werde. Der Missbrauch funktioniert allerdings auch andersrum, indem der elektronische Briefkasten mit Müll, sogenannten Spam-Mails, verstopft wird. „2 602 435 ungelesene E-Mails“, habe sein Programm einmal angezeigt.

Es geht aber noch einige Nummern größer: Im Juli dieses Jahres ist die letzte Lebensader eines Botnetzes (vernetzte Rechner; illegale Varianten funktionieren ohne Wissen der Computerbesitzer) gekappt worden, das für die Versendung von bis zu 18 Milliarden Spam-Mails pro Tag verantwortlich gewesen sein soll. Dem unter der Bezeichnung „Grum“ agierenden Zombie-Netzwerk sollen rund 120 000 gekaperte Computer zur Verfügung gestanden haben. Kontrolliert wurden die infizierten Rechner von Servern in den Niederlanden, Panama und Russland. „Seit einiger Zeit zählt interessanterweise auch Kamerun zu den außergewöhnlich riskanten Internetstandorten“, legte der Experte dar. Hier seien offensichtlich russische Akteure in großem Stil engagiert.

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In der nächsten Stufe des Cyber-Unwesens kommen Kanonen zum Einsatz. Die (im Internet frei erhältliche) „Low Orbit Ion Cannon“ (LOIC, Ionenkanone in niedriger Umlaufbahn) überflutet einen Zielrechner mit der Absicht, den jeweiligen Dienst oder den ganzen Rechner lahm zu legen. Mit diesem „Denial of Service“ (Serviceablehnung) waren unter anderem Unternehmen wie „Mastercard“, „Visa“ und „Paypal“ konfrontiert, nachdem sie der Enthüllungsplattform „Wikileaks“ ihre Dienstleistungen versagt hatten.

„Da wurden von tausenden Computern bis zu 700 Anfragen pro Sekunde abgefeuert“, erläuterte der Fachmann. Um eine Kreditkartenfirma wie Mastercard „abzuschießen“ bräuchte es indes lediglich 768 Rechner. Problem bei dieser Verwendung von Computern und Computernetzwerken als Protestmittel (Hacktivism) laut Kozok: „Finden Sie mal einen Richter, der zig Tausend Leute verhaften lässt.“ Allein in Frankreich seien vor den zurückliegenden Wahlen 66 000 „Kanonen“ heruntergeladen worden.

Der Referent plädierte mit Nachdruck dafür, Computer bereits vor dem Verkauf mit Sicherheitssoftware auszustatten. Was beim Autokauf mit Airbag und Gurt gang und gäbe sei, müsse auch vor dem Antritt der Reise ins Internet zur Selbstverständlichkeit werden. Kozok: „Wenn wir die Spar- und Spaßgesellschaft weiter so wie bisher vorantreiben, müssen wir uns über die Folgen nicht wundern.“ Insgesamt betrachtet mahnte der Oberstleutnant, der in Minden indessen als Privatmann auftrat, bei der Bekämpfung der dunklen Seiten des Internets die Zusammenarbeit von Industrie, Universitäten und Öffentlichem Dienst an.

Der Referent: „Die berechtigten rechtlichen Einschränkungen gelten nur für uns, die Gegenseite kennt keine Gesetze.“

Volker Kozok plädiert dafür, Computer vor dem Verkauf mit Sicherheitssoftware auszustatten.

Das Thema „Die dunkle Seite des Internets“ stößt im Hotel „Bad Minden“ auf großes Interesse. Fotos: bus

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