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Vortrag von Dr. Stefan Brüdermann

500 Jahre Reformation – 500 Jahre Graf Otto IV.

BÜCKEBURG. „500 Jahre Otto IV. Graf zu Holstein-Schaumburg – 500 Jahre Reformation“ war der Vortrag von Dr. Stefan Brüdermann, Leiter des Landesarchivs, überschrieben. Ihm zufolge sprach vor allem die damalige Personenkonstellation in der Schaumburger Dynastie gegen eine rasche Einführung der lutherischen Lehre.

veröffentlicht am 02.11.2017 um 15:18 Uhr
aktualisiert am 02.11.2017 um 16:50 Uhr

Dr. Stefan Brüdermann. Foto: bus
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Autor

Herbert Busch Reporter
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BÜCKEBURG. Es heißt, dass Luthers im Oktober 1517 publizierte Thesen gegen den Ablass relativ schnell in Deutschland bekannt wurden. Es existieren allerdings keine konkreten Hinweise darauf, dass sie auch in Schaumburg flugs Verbreitung fanden. Wie der Leiter des Standorts Bückeburg des Niedersächsischen Landesarchivs, Dr. Stefan Brüdermann, in einem „500 Jahre Otto IV. Graf zu Holstein-Schaumburg – 500 Jahre Reformation“ betitelten Vortrag darlegte, sprach vor allem die damalige Personenkonstellation in der Schaumburger Dynastie gegen eine rasche Einführung der lutherischen Lehre.

Während in fast allen Schaumburg umgebenden Gebieten Luthers Auffassungen wesentlich früher zum Durchbruch gelangten – 1530 in der Stadt Minden, 1538 in der Grafschaft Lippe, 1540 in Calenberg – dauerte es hierzulande bis zum Mai 1559. Als formeller Termin gilt der 5. Mai. An diesem Tag wurden die Landverwalter angewiesen, die Pastoren zu sich zu bestellen und ihnen die neue lutherische Kirchenordnung aus Mecklenburg zu übergeben, mit der Verpflichtung, künftig ihr entsprechend zu verfahren.

Ein Eintrag im Fischbecker Kirchenbuch belegt: „Anno 1559 zum Pfingstfest wurde unsere Kathedralkirche gereinigt und die Verkündigung des reinen Evangeliums und die rechtmäßige Verwaltung der Sakramente nach Vertreibung des Antichristen begonnen.“

Graf Otto IV. in einer zeitgenössischen Darstellung. Repro: bus
  • Graf Otto IV. in einer zeitgenössischen Darstellung. Repro: bus

Obwohl Adolf XIII. (1511 bis 1556) 1544 die Regierung Schaumburgs an seinen jüngeren Bruder Otto IV. (1517 bis 1576) abgegeben hatte, blieb er die bestimmende Persönlichkeit im Hintergrund. In seinen vielfältigen kirchlichen Ämtern und insbesondere in seiner machtvollen Rolle als Erzbischof von Köln war er eine Art Garant für die Verankerung des Gesamthauses Holstein-Schaumburg in der alten Konfession.

Schaumburg gehörte als Teil der Diözese Minden in geistlicher Hinsicht zum Erzbistum Köln, das zudem des Weiteren Osnabrück, Lüttich, Münster und Utrecht beherbergte, also auch die burgundischen Erblande des Kaisers. Kaiser war seit 1519 Karl V., mit dem die Schaumburger Herren auf diese Weise eng verbunden waren. So bestand eine große politische Nähe Schaumburgs zum alten Glauben.

Karl V. versuchte auf der Basis seines Sieges gegen die evangelischen Reichsstände 1548 mit dem sogenannten „Augsburger Interim“ und einer „formula reformationis“ einen konfessionellen Kompromiss und eine Reform, die letztlich keine Akzeptanz fand. Adolf XIII. setzte Karls „formula“ in Köln zwar um und veröffentlichte auch ein Mandat gegen die Konkubinen der Geistlichen – vermutlich aber etwas halbherzig, denn er war selbst Vater eines Sohns.

Von Otto IV. kann man nicht behaupten, dass er grundsätzliche Ängste hatte, mit der lutherischen Konfession in Berührung zu kommen. 1544, noch im Jahr seines Regierungsantrittes, ging er eine Ehe mit der lutherischen Maria von Pommern ein. Pommern war seit 1535 lutherisch.

Ebenfalls 1544 ließen sich die Schaumburger Stände versichern, dass Otto bei seiner Religion bleiben wolle und ohne ihre Zustimmung keine Veränderung vornehmen werde. Die Stände bildeten hierzulande außer drei Städten vor allem Ritter und Geistliche. Vor allem Letztere waren am Erhalt der Klöster als Versorgungseinrichtung für ihre Kinder interessiert und deshalb konfessionell konservativ eingestellt.

Schließlich beförderten drei Ereignisse die Einführung der Reformation in Schaumburg:

Erstens kam es anno 1555 zum Augsburger Religionsfrieden. Darin erkannte Kaiser Karl V. die religiöse Spaltung Deutschlands an und sicherte den Anhängern des lutherischen Bekenntnisses die freie Religionsausübung zu. Frei insofern, als die berühmte Formel „Cuius regio, eius religio“ gefunden wurde – der Landesherr durfte über das Bekenntnis seiner Untertanen bestimmen.

Zweitens dankte Karl, dem sich das Schaumburger Grafenhaus sehr verbunden gefühlt hatte, anno 1556 ab.

Und drittens starb ebenfalls 1556 der Schaumburg-Kölner Erzbischof Adolf. Ihm folgte zwar für zwei Jahre dessen Bruder Anton I. nach, aber spätestens 1558 war die Schaumburger Verbindung mit dem Kölner Erzbistum definitiv zu Ende.

Otto IV. löste mit seiner zweiten Heirat die offizielle Reformation aus. Im Ehevertrag mit Elisabeth Ursula zu Braunschweig-Lüneburg wurde am 14. Juli 1557 festgelegt, dass die künftige schaumburgische Landesherrin gemäß ihrer Konfession einen lutherischen Praedikanten erhalten sollte. Bei Otto ist eine persönliche Hinwendung zur neuen Lehre indes nicht nachweisbar; er hing, wie seine Biografin Gudrun Husmeier schreibt, „mehr der Astrologie als dem Glauben an“.

Vollends lutherisch war Schaumburg unterdessen auch in den Folgejahren noch nicht. Während sich die Pfarrer ohne größere Probleme auf die neuen Formen des Gottesdienstes umstellen konnten, sahen die Klöster in der Reformation mit gutem Grund eine Bedrohung des traditionellen kirchlichen Lebens und damit insbesondere ihrer Existenz.

In Schaumburg gab es zu Beginn der Reformationszeit sieben Klöster. Vier dieser Einrichtungen gaben mehr oder weniger freiwillig ihre Existenz auf, eine erlosch im Dreißigjährigen Krieg und zwei – Fischbeck und Obernkirchen – bestehen in gewandelter Form noch heute.

Speziell in Obernkirchen regte sich erbitterter Widerstand. Etliche Stiftsdamen bezeichneten die Reformation als „teuffelsche Lehre“, man wolle lieber „bei Marien pleiben“. Nachdem sie den nun evangelischen Gottesdienst in der Stiftskirche mehrmals mit Zwischenrufen von der Empore gestört hatten, ließ Graf Otto die Tür zur Empore zumauern, um die „gotteslesterlichen gesenge, lectiones und ceremonien“ zu unterbinden.

Zwei von ihm beauftragte Vögte entfernten ein Marienbild, „das die Nonnen und viel andire vor einen Abgott gehalten, dassselb angebettet und ihme geopffert haben, und zu welchem in der Papisterei eine sonderliche Walfahrt und groß zulaufen gewesen“. Als anstelle des Bildes nun dessen Befestigungen im Mauerwerk verehrt wurden, ließ Otto auch allerletzte Spuren beseitigen und den Konvent mit 30 bewaffneten Knechten bewachen.

Eine weitere Besonderheit brachte die Zeit des Dreißigjährigen Krieges mit sich. Als die Dynastie Holstein-Schaumburg ausgestorben war, wurde eine Seitenlinie des Hauses Lippe in der bald sogenannten Grafschaft Schaumburg-Lippe eingesetzt. In Lippe aber hatte sich die evangelisch-reformierte Konfession durchgesetzt. Nun hatte die evangelisch-lutherische Grafschaft fortan einen evangelisch-reformierten Grafen, der als Landesherr bis 1918 Oberhaupt ihrer lutherischen Landeskirche war.

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