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Gegen verschwendete Lebensmittel

App „Too Good To Go“: Was sagen Rintelner Gastronomen dazu?

RINTELN. Während der Weihnachtsfeiertage oder am Neujahrstag schlemmen die Menschen nach Herzenslust. Dabei wird oft zu viel Essen einkalkuliert. Zu Hause sind die Reste gut in Tupperdosen verpackt, trotzdem hat nach drei Tagen Braten, Rotkohl und Klößen niemand mehr wirklich Appetit darauf. Das Essen landet im Müll.

veröffentlicht am 01.01.2018 um 17:32 Uhr
aktualisiert am 01.01.2018 um 18:20 Uhr

Gerade an Neujahr oder während der Weihnachtsfeiertage sind Buffets sehr beliebt. Das übrig gebliebene Essen wird oft weggeworfen. Eine App will das ändern. Symbolfoto: Pixabay

Autor:

Fenja Hentschel
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RINTELN. Während der Weihnachtsfeiertage oder am Neujahrstag schlemmen die Menschen nach Herzenslust, zumal solch ein Festessen nicht jede Woche aufgetischt wird. Dabei wird oft zu viel Essen einkalkuliert. Zu Hause sind die Reste gut in Tupperdosen verpackt, trotzdem hat nach drei Tagen Braten, Rotkohl und Klößen niemand mehr wirklich Appetit darauf. Das Essen landet dann früher oder später im Müll.

Auch Restaurants oder Bäckereien müssen regelmäßig kiloweise leckeres und frisches Essen wegwerfen – beträchtliche Mengen von überschüssigem Essen landen im Müll, weil sie tagsüber nicht verkauft werden konnten. Das ist hart. Um dieser Verschwendung entgegenzuwirken, haben eine Handvoll junger Leute im Jahr 2015 eine App entwickelt, die genau dort ansetzt: Too Good To Go. Das bedeutet: zu gut, um zu gehen – also zu gut, um weggeschmissen zu werden. Mit ihrer App wollen sie etwas gegen die Lebensmittelverschwendung tun, denn global wird mehr als ein Drittel aller produzierten Lebensmittel unnötigerweise weggeworfen.

„Wenn wir nur die Hälfte des weggeworfenen Essens vor der Tonne retten würden, könnten wir die ganze Welt satt bekommen“, heißt es auf der Internetseite des Projekts. Aktuell läuft die Initiative in Deutschland, Dänemark, Frankreich, Norwegen, Großbritannien und der Schweiz.

Die Karte der App „Too Good to Go“ zeigt, wo sich Betriebe bereits beteiligen. Repro: feh
  • Die Karte der App „Too Good to Go“ zeigt, wo sich Betriebe bereits beteiligen. Repro: feh

Wie genau funktioniert die App?

Im Internet oder per Handy-App kann man bei den beteiligten Gastronomiebetrieben und Händlern überzählige Lebensmittel oder Mahlzeiten für kleines Geld vorbestellen und abholen, die sonst nach Feierabend in der Tonne landen würden. Die Registrierung bei „Too Good To Go“ ist sowohl für die Nutzer als auch für die Restaurants kostenlos.

Die Bezahlung der Essensboxen läuft vorab über PayPal oder Kreditkarte, sodass eine Buchung verbindlich ist. Über die App geben die Restaurants den Nutzern auch Bescheid, in welchem Zeitraum die gekaufte Essensbox abzuholen ist, um insbesondere bei warmen Speisen einen Qualitätsverlust zu vermeiden. Bestellt der Kunde, wenn die Mahlzeiten nicht schon ausverkauft sind, beispielsweise eine Portion im Hotel, zahlt er dafür 3,90 Euro. Dann werden die Boxen mit warmem Essen vollgepackt.

Welche Speisen genau in der Essensbox enthalten sind, bleibt für den Kunden immer eine Überraschung. Ein Euro von dem Verkaufspreis geht dabei an die Betreiber der App. Diese nutzen den Obolus beispielsweise für die Weiterentwicklung der Technologie, den Kundenservice, die Bezahlgebühren.

Was sagen Rintelner Gastronomen dazu?

Deutschlandweit beteiligen sich bereits mehr als 200 Betriebe an „Too Good To Go“. Die App wird bislang überwiegend in größeren Städten genutzt. In Rinteln hat sich noch kein Bäcker, Bistro oder Restaurant registriert.

Moritz-Christian Blaß vom Hotel Stadt Kassel sieht in Rinteln weniger Nutzen für solch eine App. „Ein zusätzlicher Verkauf nach den eigentlichen Öffnungszeiten wäre für unser Haus nicht rentabel.“ Zumal sich viele Leute auf ihre täglichen Abläufe und Gepflogenheiten verlassen, als dass eine solche App in den Alltag eingebunden wird. Auch sehe er die Identität des Restaurants gefährdet, „wenn wir unsere Speisenauswahl ab einer bestimmten Uhrzeit zum Dumpingpreis“ verkaufen.

Arif Sanal von der Bodega, findet die App „eine gute Sache, die wir unterstützen würden“. Er sieht die Schwierigkeit der App allerdings darin, die Qualität der warmen Speisen zu gewährleisten: „Wenn ein frisch zubereitetes Essen erst 30 Minuten später von dem Kunden abgeholt wird, ist es kalt und schmeckt nicht mehr so gut.“ Seiner Einschätzung nach wäre die App eher ein Konzept, dass er in seinem Laden anwenden könne. Würde beispielsweise eine Pasta falsch zubereitet werden, kann diese vor Ort via App an einen Kunden vergünstigt verkauft werden.

Für die Bäckerei Dreimann aus Bösingfeld kommt die Verwendung der App nicht infrage. „Ich glaube, dass die App eine tolle Sache ist, um die Abfälle zu verringern. Für uns würde sich ein Einsatz nicht lohnen, da wir die Waren vom Vortag über Nacht einfrieren und am nächsten Tag zum halben Preis anbieten.“ Kuchen und Torte werde an die Tafel gespendet. Brot- und Brötchenreste werden teils zu Paniermehl verarbeitet oder an private Tierhalter als Futter verkauft.

Der Geschäftsführer der Bäckerei sieht das Konzept von „Too Good To Go“ eher in den Ballungszentren Deutschlands, wo mehr Möglichkeiten vorhanden sind als in Rinteln und der Region.

Thomas Rathkolb, Direktor des Stadtkaters, empfindet die App als „gute Idee, die durchaus dazu beitragen kann, das Vernichten von Lebensmitteln zu reduzieren“. Er weist jedoch darauf hin, dass es schwierig sei, einen Bäcker mit einer gehobenen Gastronomie zu vergleichen und in beiden Fällen 3,90 Euro für eine Essensbox zu bezahlen. Sein Vorschlag: Ein prozentualer Satz, mit dem die Preise fairer und für den Nutzer nachvollziehbar verteilt werden.

Ein gemischtes Bild mit unterschiedlichen Ansätzen. In einer Sache jedoch herrscht Einigkeit: Alle vier Betriebe sind bestrebt, die Lebensmittelverschwendung in ihren Unternehmen so gering wie möglich zu halten und die Zutaten bestmöglich zu kalkulieren. Dass das jedoch nicht immer möglich ist, ist gewiss. Daher die App. „Too Tood To Go“ ist eine gute Sache, hinter der eine sehr viel größere Botschaft steckt, als „nur ein günstiges Essen“ zu bekommen. Vielleicht müssten die Gastronomiebetriebe in diesem Punkt nicht nur den wirtschaftlichen Aspekt sehen. Vielleicht müsste aber auch die App an die Bedürfnisse der Restaurants angepasst werden. Vielleicht. Fakt ist, dass es sehr schwierig wäre, die App „Too Good To Go“ in Rinteln dauerhaft zu etablieren.

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