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Workshop für Posaunisten

Bach und Beethoven? Beide wären heute Jazzer

OBERNKIRCHEN. Joachim Gelsdorf weiß, wie eine knackige Antwort ein Gespräch mit der Presse so richtig in Gang bringt: „Uns gibt es seit 25 Jahren“, sagt der Leipziger, „aber wir sind einmalig.“

veröffentlicht am 24.10.2017 um 15:32 Uhr
aktualisiert am 24.10.2017 um 16:20 Uhr

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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Wohl wahr: „Percussion Posaune Leipzig“ ist ein Ensemble professioneller Kammermusiker aus dem sächsischen Kulturkreis. Drei Posaunisten und ein Perkussionist spielen gemeinsam Kammermusikalisches und Festliches, Barockiges und Jazziges. Und Percussion, sagt Gelsdorf, das wird nicht englisch ausgesprochen, im Namen findet sich die deutsch gesprochene Variante. Im Studium habe er mit einem Schlagzeuger und zwei Posaunisten diese Band in dieser ungewöhnlichen Zusammenstellung gegründet, gab es ja vorher nicht.

In Vehlen haben sich die Tenorposaunisten Stefan Wagner und Barton Palko, Bassposaunist Gelsdorf und Drummer und Percussionist Wolfram Dix die drei Tage aufgehalten, am Freitag gab es ein Konzert, am Samstag einen ganztägigen Workshop für Posaunenchöre aus der näheren und weiteren Umgebung, am Sonntag wurde der Gottesdienst noch begleitet, dann ging es zurück in Richtung Heimat.

Vehlen war quasi ein Zwischenstopp, denn das Quartett kam aus dem Ruhrgebiet, in Herne hatte am Donnerstag noch ein Konzert angestanden, das Gelsdorf so beschreibt: „Als wenn Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen.“ Im Ruhrpott hatten sie gemeinsam mit der Mittelsächsischen Philharmonie gespielt, „Beethoven meets Jazz“. Kurze Frage: Sinfonische Musik und Jazz, wie passt das denn zusammen? „Na ja, sagt Gelsdorf“, heute wären die europäischen Klassiker wahrscheinlich Jazzmusiker – und umgekehrt: Jazzmusik in sinfonischem Gewand klinge so gar nicht nach einer klassischen Sinfonie. Beethoven sei wie der jazzige Duke Ellington ein großer Improvisator gewesen und dessen Gesamtwerk entwickle eine originäre und eigenständige afroamerikanische Klangsprache, die ihn zum Klassiker erhebe. Auch bei Bach sei es nur ein kleiner Schritt zum Jazz, sagt Gelsdorf, die Klassik finde sich dort wieder.

Bassposaunist Gelsdorf, das wird im Gespräch schnell klar, liebt Workshops, weil er die teilnehmenden Musiker aus ganzem Herzen mag. Laienspieler, die ja einem Beruf nachgehen, als Landwirt, Arbeiter, Angestellter, Beamter, was auch immer, und in ihrer knapp bemessenen Zeit aus Spaß an der Freude und zur Ehre Gottes musizieren; Menschen, die man in den Workshops ein bisschen weiterbringt, weil man ihnen Tipps gibt und erklärt, was sie anders und womöglich besser machen können, weil sie ja in aller Regel schon lange keinen musikalischen Unterricht mehr nehmen würden. Ambitionierte Laienspieler, die man auf ihrem Niveau abholen müsse, jeden auf seinem Stand, sagt der Posaunen-Profi.

Gelsdorf ist es gewohnt, neue Wege zu gehen, denn in der Musik gab es für ihn und seine drei Mitspieler wenig Kompositionen. Aber 2007 wurde die Band von einem Intendanten in die Schweiz eingeladen, zu einem Konzert, und er hat ihnen gleich reinen Wein eingeschenkt: Euch kennt hier keiner, wegen euch kommt hier keiner, daher tretet ihr mit einem Symphonieorchester auf, das Beethovens Fünfte spielt. Dann hat er noch eine Frage gehabt: Was wollt ihr denn spielen? Gelsdorf hat einen befreundeten Komponisten angerufen, Christoph Wundrak,, der hatte eine Idee und hat ihnen gleich ein Stück geschrieben; seither wird mindestens einmal im Jahr mit einem Symphonie-Orchester gespielt: „Mehr nicht, nicht so oft“, sagt Gelsdorf, das sei ja immer auch ein großes Projekt mit viel Mühe und langer Vorbereitung. Und spätestens seitdem arbeite das Quartett mit vielen Komponisten unserer Zeit zusammen, sagt der Leipziger, „die für uns Werke schrieben“.

Gelsdorf ist mit seinem Percussion-Posaunen-Quartett breit aufgestellt, der zweite Bereich, der ihm am Herzen liegt, ist die Arbeit mit Kindern, aber egal, ob Groß oder Klein, das Ziel ist immer gleich: Schöne Stunden bereiten, damit die Menschen sich zurücklehnen und genießen können. „Letztendlich ist es eine Dienstleistung.“

Und weil das vielleicht doch ein bisschen zu abstrakt klingt, schiebt er noch kurz einen erklärenden Satz nach: „Leben sollte Freude sein, und sie vermittelt sich über die Musik.“ Das meine er mit Dienstleistung.

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