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Provokante Sätze im Brückentorsaal

Biologin vor Imkern: Viele Thesen zum „Bienensterben“ nicht haltbar

RINTELN. Ohne Bienen stirbt der Mensch? Was für ein Unsinn, sagt die Biologin Dr. Pia Aumeier von der Ruhr-Universität in Bochum: „Die Honigbiene reicht nicht aus, um die Welt zu retten“. Die Augen vieler Delegierter des Landesverbandes der Hannover’schen Imker im Brückentorsaal wurden größer, ihre Gesichter länger, als da ihre Honigbienen so brüsk vom Sockel geholt wurden.

veröffentlicht am 20.02.2018 um 16:02 Uhr
aktualisiert am 20.02.2018 um 17:40 Uhr

Dr. Pia Aumeier würzte ihre provokanten Thesen bei ihrem Vortrag im Brückentorsaal mit viel Witz und Charme. Foto: wm
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Hans Weimann Reporter
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RINTELN. „Ohne Bienen stirbt der Mensch? Was für ein Unsinn“, sagt die Biologin Dr. Pia Aumeier von der Ruhr-Universität in Bochum: „Die Honigbiene reicht nicht aus, um die Welt zu retten.“ Die Augen vieler Delegierter des Landesverbands der Hannover’schen Imker im Brückentorsaal wurden größer, ihre Gesichter länger, als da ihre Honigbienen so brüsk vom Sockel geholt wurden.

Doch oft gab es während des Vortrags der Wissenschaftlerin auch befreiendes Gelächter. Denn Aumeier würzte ihre provokanten Thesen mit viel Witz und Charme.

Die ersten europäischen Honigbienen kamen erst 1622 nach Amerika, schilderte Aumeier. Wenn also die Nahrungsproduktion tatsächlich ausschließlich von Bienen abhängen würde, hätten Indianer und Indios verhungern müssen. Das Gleiche gilt für Australien. Honig fanden die Indios und Aborigines bei stachellosen Bienen.

Zur Feier des 125-jährigen Bestehens des Rintelner Imkervereins tagten im Brückentorsaal die Delegierten des Landesverbandes Hannover’scher Imker. Foto: wm
  • Zur Feier des 125-jährigen Bestehens des Rintelner Imkervereins tagten im Brückentorsaal die Delegierten des Landesverbandes Hannover’scher Imker. Foto: wm

„Biene Maja“ schafft es nämlich keineswegs allein, alle Wild- und Nutzpflanzen zu bestäuben. Das machen auch Wildbienen (davon gibt es allein 550 verschiedene Arten), dazu Schwebfliegen, Schmetterlinge und Käfer, sogar Vögel und Wirbeltiere, schilderte Aumeier. Es gebe also keine „Bestäuber-Krise“, wie Schlagzeilen in vielen Medien suggerierten.

Und der sprichwörtliche Bienenfleiß? Das sei relativ, scherzte Aumeier, Bienen fliegen lieber drei Kilometer weiter, als sich auf einer „Läppertracht“ zu mühen, wo jede Pflanze ihre Eigenart hat, anders bedient werden will. Das machten Mauerbienen oder Hummeln viel besser. Hummeln würden beispielsweise in Gewächshäusern mit Tomaten eingesetzt. „Denn Tomaten brauchen einen dicken fetten Bestäuber, der die Pollen frei schüttelt. Bienen können das nicht.“

Dafür seien Bienen Generalisten, die mit fast allem klarkommen. Auch mit Mais: „Die Bienen verhungern nicht, nur der Imker hat nichts davon.“

Aumeier schilderte: Sie habe Bienenkästen bei Haus Düsse im Westfälischen aufgestellt. Klassische Landwirtschaft. Ringsherum Mais, Kartoffeln, Zuckerrüben und Raps. Und sie habe Honig geerntet. Sogar in Duisburg mitten im Ruhrgebiet, aber nicht im Bergischen Land.

Wo ist es also gut für Bienen? „Ich kann es nicht beurteilen“, betonte Aumeier, „aber meine Bienen können es, die kriegen überall was rausgedengelt.“

Sie halte deshalb auch nichts vom Bauern-Bashing: Bienen sterben nicht in erster Linie an Pestiziden, sie sterben an der mangelhaften Bekämpfung der Varroamilben. Aumeier hält auch den Alarmismus wie ihn Regisseur Markus Imhoof in seinem Dokumentarfilm „More than Honey“ betreibt, der den Bienentourismus quer durch die US anprangert, für nicht haltbar. Das Problem sei nicht, Bienenvölker von A nach B zu transportieren, sondern die Art und Weise wie das geschieht.

Warum Honigbienen als „Haustiere“ so geschätzt sind, wurde in ihrem Vortrag schnell klar: Bienen sind kommunikativ, können ihren Artgenossen zeigen, wo es Futter gibt, können überwintern. Und Bienen wissen, was Leistungsgesellschaft bedeutet: Wer im Stock nicht fit ist, fliegt raus.

Aumeier erzählte, ihre Bienen hätten sie immer wieder zum Staunen gebracht. So gibt es in Bochum an der Ruhr-Universität einen botanischen Garten, wo im Winter Pflanzen aus Japan blühen. Die wissen ja nicht, dass draußen Winter ist. „Und wer saß da in den Blüten: meine Honigbienen.“

Dass Bienen ein Schatz sind, habe sie auch in den neun Monaten in Brasilien gelernt, wo man aus einem Stock schon mal 100 Kilo Honig ernten könne. Dort würde man bewusst extrem aggressive Bienenvölker zulassen: Die werden nämlich selten geklaut.

Als Frau der deutlichen Worte stellte Auemeier klar: Bienen-Mietkisten auf dem Dach oder Balkon wie sie zurzeit in Mode sind, seien eine Gefahr für alle Imker. Schwärmen diese Bienen nämlich aus, haben diese Hobbyimker nämlich keine Ahnung, was sie tun sollen. Wer Bienen hält, müsse auch die Verantwortung dafür übernehmen. Deshalb biete sie inzwischen kostenlose Seminare für Jungimker an.

Dann noch ein paar Sätze zu den „aufgeräumten Vor- und Hausgärten“, die aussehen wie nach einer „Kehrwoche im Schwabenland“.

Ein mit Hundekot gedüngter Randstreifen am Straßenrand mit Löwenzahn sei aus Sicht einer Biologin wertvoller als mit Steinen zugeschüttete Vorgärten, wo mittendrin als Alibi ein Blumentopf steht. Wer Thuja oder Kirschlorbeer oder vergleichbares Grünzeug pflanze, könne genauso gut Plastikblumen hinstellen.

„Dann lieber Disteln stehen lassen. Auf einer Distelwildnis fühlen sich Zebraspinnen, Libellen und viele andere Insekten wohl.“

Die Biologin machte deutlich, dass guter Wille allein nicht reicht, Fachwissen müsste schon dazukommen, wenn man etwas für Wildbienen und Insekten tun will.

So seien viele der sogenannten „Insektenhotels“ aus Baumärkten eher schädlich als nützlich. In Röhren im Weichholz verletzten sich Insekten die Flügel, Nisthilfen seien oft Todesfallen.

Sie empfahl, es sei besser, sich in Büchern seriöser Autoren zu informieren, wie dem deutschen Naturwissenschaftler Paul Westrich oder Helmut und Margit Hintermeier oder im Internet (wildbienen.de, www.immerlieb.de, www.bienen.tv) – oder bei örtlichen Imker wie dem Rintelner Imkerverein.

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