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Hundertwasser-Motive im Treppenflur

Das Recht auf Sonne gilt auch in dunklen Fluren

OBERNKIRCHEN. Friedensreich Hundertwasser ist wohl der bekannteste österreichische Maler und Grafiker der Gegenwart. Seine dekorative Malerei fand seit den 70er-Jahren außergewöhnliche, weltweite Verbreitung. Jetzt ist er auch in der Grundschule zu sehen.

veröffentlicht am 20.06.2017 um 14:25 Uhr
aktualisiert am 20.06.2017 um 15:50 Uhr

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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Er malte leuchtende Spiralen, traumhaft anmutende Städte, mundförmige Boote, spitzzähnige Zäune, kugelförmige Bäume und Blumen, Häuser mit „beseelten“ Fenstern; es sind fantastische bunte Welten, die das Auge betören, aber nie störend oder schrill wirken. Und diese Welten, sie ziehen nun auch in die Grundschule ein.

Seit einem halben Jahr wird der Schulalltag jeden Montag für drei Stunden unterbrochen, in denen die Schüler ihren Klassenraum verlassen, den Blaumann oder den weißen Kittel anziehen und im Treppenhaus zum Pinsel greifen: Dort lebt sie wieder auf, die bunte Welt des Friedensreich Hundertwasser. Und der Künstler und die Kinder passen bestens zusammen, denn besonders für die Teenager wirken die organisch gestalteten, bunt verzierten Formen des österreichischen Künstlers magisch und anziehend.

Im letzten Jahr, so erzählt Lehrerin Sabine Wascheszio, habe man sich im Rahmen eines Projektes mit Künstlern befasst, mit Claude Monet etwa und dem russischen Maler und Grafiker Wassily Kandinsky, und eben auch mit Hundertwasser, der bekanntlich nicht nur malte, sondern auch Gebäude gestaltete: Kindergärten, Schulen, Häusergruppen, Bahnhöfe. Und so sei bei den Kindern der Wunsch entstanden: Toll, das möchten wir auch machen.

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So kam das Treppenhaus ins Spiel. Denn die Schulen des Landkreises Schaumburg sind häufig Zweckbauten aus den Siebzigerjahren, funktionale Betonklötze wie das Gymnasium in Rinteln oder die IGS in Obernkirchen. Es sind Schulen, in denen die Treppenhäuser vor allem eins sind: dunkel.

Lehrerin Wascheszio hat sich dann um Farbe und Malutensilien, und um eine Künstlerin, die das Projekt begleitet, aber dazu gleich mehr.

Zunächst haben die Kinder sich die Frage gestellt, was man überhaupt machen kann, wie das Treppenhaus gestaltet werden soll, anschließend haben sie ihre Entwürfe gemalt, sie haben den Maßstab berechnet (und sich damit auch der Mathematik im Kunstunterricht gewidmet), und sie haben anschließend ihre Motive mit einer besonderen Farbe an der Treppenhauwand vorgemalt, die sich wieder auflöste, damit die Farben später umso kräftiger leuchten.

Geholfen mit Rat und Tat hat Franka Praetorius, die als Künstlerin über sehr viel Erfahrung mit malenden Kindern aufweisen kann, und sie sieht es so: „Jedes Kind ist ein Künstler, jedes Kind hat seine eigene künstlerische Handschrift.“ Und so wurden die Häuser und Türmchen noch ergänzt, Vögel, Blumen, Natur und Sonnen fanden ihren Weg auf die Wand. Friedensreich Hundertwassers erklärtes Ziel war es, eine Architektur zu schaffen, die dem Menschen ein Leben in einem harmonischen Gleichgewicht mit Natur und Umgebung ermöglicht. Jeder Mensch hat ein Recht auf Luft und Sonne – und sei es in einem Schulflur.

Beim Pressegespräch mit Kindern und Künstlerin räumt Lehrerin Wascheszio nebenbei auch mit einem gern gepflegten Vorurteil auf: Kunst, das sei ja nach Ansicht vieler das Fach, wo man machen könne, was man wolle. Aber so sei es eben nicht: Kinder würden den Farbkreis kennenlernen, das gezielte Mischen von Farben, dazu die Grundbegriffe des Zeichnens und der Malerei, auf denen später aufgebaut werden könne. Und die Farbpsychologie spiele auch eine gewisse Rolle, helle und warme Farben wie Gelb, Orange oder Rottöne verwende man im Treppenhaus, das sich übrigens über drei Absätze zieht, für die Häuser und Türmchen; Farben also, die eine wohlige Wärme verströmen würden.

Sicher, sagt Lehrerin und stellvertretende Schulleiterin Wascheszio, in einem Treppenhaus halten sich Schüler nicht lange auf, keine Frage, aber es sei doch ein kleiner und spürbarer Unterschied, ob es grau und dunkel gestaltet sei oder hell, bunt und fröhlich leuchtend, damit die Kinder mit Spaß hoch und runter laufen würden.

Es sei, sagt sie, „ein kleiner Mosaikstein in einer schönen Schule“.

In ein paar Wochen ist das Projekt abgeschlossen, dann ist jede Wand ausgemalt, aber der nächste Jahrgang könnte das Projekt nahtlos weiterführen: In der Aula stehen Säulen, dunkel und braun, die geradezu nach Farben schreien.

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