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Als die Milchbauern demonstrierten

„Das war wie ein moderner Bauernkrieg!“

RINTELN. Vor zehn Jahren demonstrierten die Schaumburger Milchbauern für höhere Erzeugerpreise, jetzt blicken die Landwirte Niehoff und Ebeling auf diese Zeit zurück.

veröffentlicht am 04.03.2018 um 10:23 Uhr
aktualisiert am 04.03.2018 um 15:30 Uhr

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Autor:

Niklas Könner
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.RINTELN. „Die Solidarität und Gemeinschaft waren schon toll“, sagt Karl-Heinrich Niehoff, als er auf die Zeitungsartikel vom Frühsommer 2008 blickt. Sein Gegenüber, Heinrich-Jürgen Ebeling, nickt bekräftigend. Beide Landwirte gehörten zu den führenden Akteuren, die im Mai 2008 zusammen mit über 100 Milchbauern vor den Toren der Rehburger „frischli-Molkerei“ für höhere Erzeugerpreise demonstriert haben.

Aus einem anfänglich kleinen Protestzug entwickelte sich damals rasch eine groß angelegte Demonstration. Es folgte ein lang andauernder Lieferboykott sowie eine mehrtägige Blockade der Molkerei. Ein Ausnahmezustand, der in dieser Phase den Milchsektor bundesweit betraf. „Wir wollten das Werk in unserer ursprünglichen Intention gar nicht dichtmachen“, erklärt Ebeling. Sie seien am ersten Protesttag von der Molkerei sogar freundlich empfangen worden und in Gespräche mit dem damaligen Geschäftsführer Hans Holtorf übergegangen. „Das eigentliche Problem war, dass Herr Holtorf sich geweigert hat, auf jegliche Forderungen von uns einzugehen“, beschreibt Niehoff die damalige Situation.

Daraufhin griffen die Milchbauern zu härteren Mitteln, versperrten tagelang die Zufahrt zum Werk mit Traktoren und einer Sitzblockade. Milchengpässe im Handel waren die Folge. Das Ganze habe sich so aus der Situation entwickelt, schildert Ebeling. Sie seien damals so weit gegangen, dass „wir uns gedacht haben: ‚Komm, jetzt ziehen wir es durch“, fügt Niehoff hinzu.

Schließlich rückten über 200 Polizeibeamte an und beendeten die Blockade auf friedliche Weise, indem sie die Milchbauern von der Straße trugen. Auf die Polizisten sei man nie sauer gewesen, die „haben nur ihren Job gemacht“, sagt Niehoff, „traurig war, dass Herr Holtorf sofort die Polizei gerufen hat, anstatt die Verhandlungen fortzuführen.“

Heute, knapp zehn Jahre später, stellt sich die Frage, was sich für die Landwirte seitdem verändert hat? Und welche damaligen Forderungen gingen ins Leere? Für Niehoff und Ebeling eine klare Sache: Ein gerechter und stabiler Erzeugerpreis, von dem „ich leben können muss“, so definiert Niehoff, ist auch im Jahr 2018 Wunschdenken. 43 Cent pro Kilogramm Milch forderte der Bundesverband Deutscher Milchbauern (BDM) bei den Protesten 2008.

Ein utopischer Preis, wie sich heute herausstellt. Gerade einmal 35 Cent pro Kilo Milch erhalten die Milchviehalter durchschnittlich gegenwärtig. Hinzu kommen extreme Schwankungen, sodass der Preis zeitweise an die 20 Cent Grenze fiel und jederzeit fallen kann.

Als „unfassbar“ beschreibt Niehoff diesen Milchpreis, vor allem „wenn man bedenkt, dass allein die Futterkosten umgerechnet 14 Cent betragen.“ Der Wunsch nach einer „flexiblen Steuerung des Angebots an Milch“, um Übermengen zu verhindern, wurde ebenfalls nicht erfüllt. Die generelle Abschaffung der Milchquote 2015 sehen die beiden Landwirte zugunsten eines freien Marktes zwar positiv, doch in Krisensituationen fehle nach wie vor eine einheitliche Regulierung, damit der Preis stabil bleibe. Ebeling fordert daher ein „europaweit einheitliches Milchmengenreduzierungsprogramm“, das Milcherzeuger, die nicht mehr Milch als notwendig auf den Markt bringen, mit einer Prämie belohnen würde. Andersherum wäre eine Strafe fällig. „Auf diese Weise kann man dem Markt helfen und die Preise in ganz Europa stabilisieren“, so Ebeling.

Aber noch eine andere Entwicklung bereitet den Landwirten Kopfzerbrechen: der Strukturwandel in der Milchviehwirtschaft. Niehoff zeigt anhand von Statistiken: Im Vergleich zu 2008 gibt es im Milchkontrollverband Weserbergland rund ein Viertel weniger Betriebe. Die Gesamtanzahl des Kuhbestandes ist im Kreis hingegen unverändert geblieben.

„Der niedrige Milchpreis schwächt die kleineren Familienbetriebe“, warnt Niehoff. Nur ungern wollen die beiden Landwirte der Milchkultur im Landkreis beim Niedergang zusehen. Doch bei dem hohen Aufwand und dem vergleichsweise geringen Verdienst fragt sich, wen dieser Job überhaupt noch reizt? Für Henriette Niehoff, zukünftige Nachfolgerin ihres Vaters Karl-Heinrich, ist die Hofübernahme rein wirtschaftlich betrachtet „eigentlich komplett verrückt“. Aber die Begeisterung am Tier treibt sie an. Hinzu kommt, dass „ich die Hoffnung in die Zukunft lege“, sagt sie.

Was die Zukunft für die Milchviehhalter bringen wird, ist ungewiss. Nur eins ist klar: Eine Demonstration in der Größenordnung von 2008 wird es wohl in nächster Zeit nicht geben, denn „dafür sind alle in den letzten Jahren zu sehr geschwächt worden“, sagt Ebeling resignierend.

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