weather-image
24°
Varroa-Milben, Verlust der Blütenvielfalt und Pestizide bedrohen die Nektarsammler

Den Bienen geht es immer dreckiger

Bückeburg. „Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.“ Ganz so apokalyptisch wie in diesem Albert Einstein zugeschriebenen Zitat sieht es zwar bei den deutschen Bienenvölkern noch nicht aus, nichtsdestotrotz machen sich die heimischen Imker erhebliche Sorgen um den Fortbestand ihrer geflügelten Honigsammler. Und das ausdrücklich nicht nur wegen der in den Schlagzeilen der Medien immer wieder als größte Bienenbedrohung genannte Varroa-Milbe, sondern auch wegen der zahlreichen negativen Umwelt- und Klimaeinflüsse, den den Bienen von Jahr zu Jahr mehr zusetzen.

veröffentlicht am 02.09.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 13:21 Uhr

270_008_6570793_bBienenF02_0209.jpg

Autor:

Johannes Pietsch

„Es ist richtig, dass wir durch die Varroa-Milbe große Verluste erleiden“, erklärt Anna-Lisa Giehl, Imkermeisterin von der Schaumburger Waldimkerei, die ihren Meisterbetrieb aus Reinsdorf bei Apelern drei Tage lang auf der Schaumburger Landmesse „Ährensache“ vorstellte. Das junge Familienunternehmen ist in Reinsdorf im ehemaligen fürstlichen Forstgehöft beheimatet, welches vor über 100 Jahren von Fürst Georg zu Schaumburg-Lippe erbaut wurde, und widmet sich als Erwerbsimkerei der Honiggewinnung durch rein ökologische und naturnahe Imkerei.

„Die Varroa-Milbe ist aber kein neues Phänomen, sondern bedroht die Bienen seit über 30 Jahren“, so Anna-Lisa Giehl. „Neu sind hingegen negative Umwelteinflüsse, die Bienenvölker zusätzlich schwächen und für Krankheiten anfällig machen.“ Da ist vor allem der Verlust der Blütenvielfalt in der heimischen Pflanzenwelt. „Bienen können nur gesund leben, wenn ihnen während des ganzen Sommers eine breite Palette an Blütenpflanzen zur Verfügung steht.“ Dass aber ist durch die Intensivierung der Landwirtschaft, ausufernde Bebauung und Bodenversiegelung, die Ausweitung von Monokulturen und das rigorose Abmähen von Grünflächen immer weniger der Fall. Dazu kommt der ständige Verlust von Obstgehölzen und Blühpflanzen in Parks und privaten Gärten: „Die Gärten werden immer eintöniger und blühärmer gestaltet, um möglichst pflegeleicht zu sein.“ Als ganz besonders fatal wirkt sich laut Imkermeisterin Giehl die massive Umwandlung ehemaliger Brach- in Anbauflächen für Biokraftstoff aus.

Dadurch fehle den Bienen vor allem im Spätsommer die Nahrung. „Im Frühsommer ist durch die Raps- und Obstblüte Nahrung im Überfluss vorhanden, im Spätsommer aber fehlt die Blüte, und die Bienen hungern. Und es gibt für uns Imker keine Möglichkeit, diesen Nahrungsmangel auszugleichen.“

Dazu setzt den Bienen der vermehrte Pestizideinsatz zu. Als besonders mörderisch erweisen sich dabei die als Spritzmittel eingesetzten Nervengifte aus der Klasse der hochtoxischen Neonicotinoide, deren Verbot schon lange von Umweltschützern und Imkern gefordert wird. Wogegen sich nicht nur die Pflanzenschutzmittelhersteller, allen voran Bayer, BASF und Syngenta, vehement zur Wehr setzen, sondern fatalerweise auch diverse Bieneninstitute. „Diese Institute sollten eigentlich neutral und unabhängig forschen“, so Anna-Lisa Giehl, „aber da sie ihre Arbeit von der Chemie-Industrie finanziert bekommen, urteilen sie ganz in deren Interesse und schieben die alleinige Schuld für das Bienensterben auf die Varroa-Milbe.“

Die allgemeinen Folgen dieser Entwicklung sind verheerend. Rund ein Drittel aller Nutzpflanzenarten sowie eine unüberschaubare Zahl von Wildpflanzen werden von Bienen bestäubt und sind daher in ihrem Fortbestand akut bedroht. Eine Studie der Umweltorganisation Greenpeace prognostiziert sogar einen Rückgang von 75 Prozent aller pflanzlichen Nahrungsmittelproduktion, falls die Bienen als Bestäuber ausfallen.

Auch die heimischen Imker sind massiv betroffen: Waren früher zehn Prozent Verlust an Bienenvölkern während eines Winters normal, so liegt die Quote mittlerweile vielfach schon weit über 30 Prozent. Die Imker selbst indes hüten sich davor, die Pest mit Cholera auszutreiben und der Varroa-Milbe auf chemischem Wege zu Leibe zu rücken: „Wir bekämpfen die Milbe auf rein ökologische Weise im Sommer mit Ameisensäure und im Winter mit Oxalsäure.“

Das sei allerdings inzwischen extrem schwierig, so die Imkermeisterin, da man exakt passende Bedingungen aus Luftfeuchtigkeit und Temperatur abwarten und zudem sichergestellt sein müsse, dass die Bienen gerade nicht in der Brut seien. Und auch das werde aufgrund des Klimawandels und der immer unsicherer vorherzusagenden Wetterverhältnisse immer schwerer.

Aktive Unterstützer hat die Schaumburger Waldimkerei indes in Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe und Schlossverwalter Alexander Perl gefunden. Sie bieten seit zwei Jahren dem Familienbetrieb aus Reinsdorf im Schlosspark Platz für zwölf Bienenvölker, um dort exklusiv Honig für den Schloss-Shop zu produzieren. Dort war gerade Tapetenwechsel angesagt: Zwölf noch ganz junge Bienenvölker zogen in diesem Jahr in die Bienenstöcke auf der Schlossinsel ein. Die zwölf bisher dort beheimateten Völker sammeln derzeit in der Lüneburger Heide Nektar und Pollen für die Schaumburger Waldimkerei.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare