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Analyse

Der Achsenbruch der G7

La Malbaie (dpa) - Man kann in diesen Tagen dabei zusehen, wie Donald Trump mit beiden Händen an den Pfeilern der internationalen Ordnung rüttelt. Wie er sein Land ganz auf sich selbst zurückführen will. Wie er jahrzehntelange Allianzen provoziert und offen bedroht.

veröffentlicht am 08.06.2018 um 21:47 Uhr
aktualisiert am 12.06.2018 um 19:40 Uhr

Das etwas spielzeugburghafte Hotel «Manoir Richelieu» bietet eine prächtige Kulisse für G7 - die kann aber über ihren inneren Zustand nicht hinwegtäuschen. Foto: Michael Kappeler

Autor:

Martin Bialecki, Jörg Blank und Michael Fischer, dpa

Als würden ihm aus Freunden wie Deutschland, Frankreich, Kanada plötzlich Feinde, eine Bedrohung der nationalen Sicherheit der USA. Der 44. Gipfel der G7 im kanadischen Ferienort La Malbaie ist der Ort, an dem der Westen mit sich selber ringt. In dieser Form womöglich das letzte Mal.

Kurz vor seiner Abreise legte Trump noch rasch eine weitere Lunte an das gemeinsame Haus. Als gäbe es mit Handelsstreit, Atomdeal mit Iran, Verteidigung und Klima nicht genügend Zunder. Russland, 2014 wegen der Annexion der Krim rausgeworfen, solle wieder zur Gruppe wichtiger Industriestaaten dazukommen, forderte Trump. Ungeachtet aller internationaler Kritik an Moskau, unbeschadet der Frage, welche Rolle Russland bei der US-Wahl 2016 spielte.

Aber geht es dem Amerikaner wirklich um Russland? Noch vor wenigen Tagen schienen Trump russische Avancen an Nordkorea gar nicht recht zu sein. Will er mit seinem G8-Vorstoß vor allem Aufmerksamkeit, provozieren, die Gruppe spalten?

Der Italiener Giuseppe Conte jedenfalls sprang Trump eilig bei. Russland solle zurückkehren in den Schoß der G7, das sei im Interesse aller. Dem wiederum mochte sich die EU nicht anschließen, und auch Kanzlerin Angela Merkel später nicht. Die Sieben sei eine «Glückszahl», sagte Ratspräsident Donald Tusk. Außerdem habe der Kreml bereits deutlich gemacht, dass man nicht interessiert sei an diesem Format.

Eine Glückszahl? Die G7 sind in einem historisch schlechten Zustand. Seit Trump droht sie in zwei Lager zu zerfallen: Europa, Japan und Kanada hier, die USA dort. In einer Zeit tiefgreifender Umwälzungen in der Weltpolitik bleibt vom Schulterschluss einer westlichen Wertegemeinschaft nicht viel übrig. Da passt es ins Bild, dass Trump an diesem Samstag früher abreisen will.

Ganz oben auf der Liste der Streitthemen stehen die Strafzölle der USA gegen die EU auf Stahl und Aluminium, die nur wenige Tage vor dem Gipfel in Kraft traten. Nicht weniger problematisch ist der Ausstieg der USA aus dem Abkommen zur Verhinderung einer iranischen Atombombe. Die drei europäischen Vertragsparteien Frankreich, Deutschland und Großbritannien - alle in Kanada dabei - wollen den Vertrag unbedingt retten. Die USA setzen dagegen auf möglichst hohen Druck auf den Iran mit Sanktionen. Das Hauptstreitthema des jüngsten Gipfels, der Ausstieg der USA aus dem Pariser UN-Klimaschutzabkommen, ist zwar fast vergessen - aber immer noch da.

Trump hatte schon vorab nicht verborgen, dass er keine Lust auf die zwei Tage in Kanada hat. Zu viel Gegenwind würde ihn dort erwarten und zu wenig Lobpreisung, zu wenig Aussicht auf schnelle Rendite. Er hält den Nordkorea-Gipfel am kommenden Dienstag in Singapur für viel wichtiger. An Europäer und Kanadier sandte er vor seiner Abreise eine barsche Kampfansage: «Wir haben die schlechtesten Handelsabkommen aller Zeiten.» Kämpfen werde er in La Malbaie für sein Land.

Am Freitag setzte er das fort. Es klang, als seien die USA schon gar kein Teil mehr der G7.

Der französische Präsident Emmanuel Macron gab geharnischt zurück. «Dem amerikanischen Präsidenten mag es egal sein, wenn er isoliert ist - genauso wenig aber macht es uns etwas aus, eine Vereinbarung von sechs Ländern zu unterzeichnen, wenn die Notwendigkeit dazu besteht», twitterte er. Es war erst Ende April, da galten Macron und Trump noch als eine Art neues Polit-Traumpaar. Von all der in Washington robust demonstrierten Kumpelhaftigkeit und Männlichkeit der zwei Lenker ist nun nicht mehr viel übrig. Wie Kanadas Premier Justin Trudeau muss der Franzose erkennen, dass Freundlichkeit sich bei Trump nicht auszahlt. Dass der macht, was er will.

Die Erfolgsaussichten des Gipfels sind miserabel. Die Europäer wollen im Handelsstreit keinesfalls klein beigeben. Beim Atomabkommen mit dem Iran ist ebenfalls schleierhaft, wie man wieder zusammenkommen kann. Wahrscheinlich soll es eine Abschlusserklärung von nur sechs der G7 geben - der offene Bruch. G7 minus eins, und wohin steuert Italien? Welche Zukunft hat dieses Gesprächsformat überhaupt noch?

Aus Merkels Sicht sollte man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten - auch wenn die Differenzen mit Trump die Schlagzeilen beherrschen. Es gebe bei so wichtigen Themen wie der atomaren Abrüstung Nordkoreas oder dem Iran weitgehende inhaltliche Einigkeit auch mit den USA. Ganz zu schweigen von der nach Berliner Einschätzung nötigen gemeinsamen Haltung des Westens gegenüber einem expansiven China oder beim Anti-Terror-Kampf.

Bei Trump hat Merkel längst alle Illusionen begraben. Sie glaubt nicht an ein Wunder von La Malbaie, setzt auf ein gemeinsames Vorgehen der Europäer. Das etwas spielzeugburghafte Hotel «Manoir Richelieu» bot für die G7 zwar auch beim «Familienfoto» eine prächtige Kulisse, die kann aber über ihren inneren Zustand nicht hinwegtäuschen.

Merkel und Trump plauderten im Anschluss an das Bild dem Anschein nach angeregt, er fasste sie am Arm, nannte sie sogar eine «große Lady». Auch mit Macron sprach der Amerikaner länger. Und zumindest für das Foto stand Trump - Haifischlächeln - in der Mitte der G7, zwischen Merkel in grüner Jacke und einem sehr aufrechten Trudeau.

Merkel sagte nach der ersten Arbeitssitzung, die Diskussionen seien sehr lebhaft und auch sehr gut gewesen, es habe aber auch «eine Reihe von Divergenzen gegeben». O-Ton Merkel: «Ich würde sagen, es ist ehrlicher, die Meinungsverschiedenheiten zu benennen.» Über dicke Brocken wie Handel oder Klimaschutz war da noch gar nicht gesprochen worden.

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