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Buchautor beklagt Entfremdung von der Landwirtschaft

„Der Ton ist rauer geworden“

BAD EILSEN. Früher, so kann man den mit „Generation Landlust: Über Landwirtschaft und Öffentlichkeit“ überschriebenen Vortrag von Dr. Andreas Möller interpretieren, da war die Welt für die Landwirtschaft noch in Ordnung. „Fast jeder Zweite“ war damals, vor rund einhundert Jahren, in dieser Branche tätig.

veröffentlicht am 15.02.2018 um 12:48 Uhr
aktualisiert am 15.02.2018 um 15:30 Uhr

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Michael Werk Reporter zur Autorenseite
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Und wer nur einen Hausgarten hatte, baute darin nicht selten Obst und Gemüse an, hielt sich vielleicht ein paar Hühner.

Heute indes arbeiten nur noch „1,4 Prozent der Deutschen“ in der Landwirtschaft. Oder anders formuliert: Rund 98 Prozent der hiesigen Bevölkerung müssen nicht von eigenem Ackerland und eigenen Nutztieren respektive von der Landwirtschaft leben. Stattdessen geht man in den Supermarkt und erhält dort das ganze Jahr über alles, was das Herz an Lebensmitteln begehrt. Verloren gegangen ist dadurch das Verständnis für die Landwirtschaft.

Immer mehr Menschen haben, wenn überhaupt, nur noch romantische Kindheitserinnerungen an eine die Bevölkerung ernährende Landwirtschaft, erklärte Möller anlässlich der Generalversammlung der Raiffeisen-Landbund eG, zu der die An- und Verkaufsgenossenschaft ins Bad Eilser „Palais im Park“ eingeladen hatte (wir berichteten). Stattdessen – so der Kommunikationsmanager und Autor des Buches „Das grüne Gewissen: Wenn die Natur zur Ersatzreligion wird“ – speise sich das Wissen der Bevölkerung nur noch aus „medialen Naturbildern“. Dabei würden sich viele Menschen an eine Landwirtschaft klammern, wie sie in „Ostpreußen um 1900“ oder einst im Schwarzwald betrieben wurde – obwohl sie selbst in einer modernen Welt leben und alle Annehmlichkeiten etwa des technischen Fortschritts gerne für sich nutzen.

„Doch der Erfolg der modernen Wissenschaft und Technik ist zugleich ihr größtes Kommunikationsproblem“, meinte Möller. Denn der Normalbürger sehe „die Schattenseiten der Natur nicht mehr“. Ernteausfälle beispielsweise, die für die Bauern existenziell sein können, haben „keine Relevanz für das, was wir im Supermarkt erleben“. Vielmehr würden viele Menschen heute „glauben, dass Natur ausnahmslos etwas Idyllisches und Gutes ist“.

Diesen „Erfahrungsverlust“ benannte Möller als „Ursache für all diesen Wahnsinn“, den man heute oftmals erlebe. Exemplarisch berichtete er von einer wachsenden Zahl von werdenden Müttern, die nicht im Krankenhaus entbinden möchten, sondern sich für eine Hausgeburt entscheiden. Des Weiteren verwies er auf die steigende Zahl von Impfgegnern, die sich weigern, ihren Kindern (und sich selbst) die von ärztlicher Seite etwa gegen Masern empfohlenen Schutzimpfungen zukommen zu lassen; die andererseits jedoch sehr wohl den passiven Impfschutz durch die geimpften Bevölkerungsteile für sich selbst in Anspruch nehmen.

„Die Bevölkerung kennt also die Natur und das Landleben immer weniger“, zeige „aber Symptome für eine Sehnsucht nach einer Zeit, in der die Dinge noch alle an ihrem Platz waren“, resümierte Möller. Dies könne man auch an dem großen Erfolg der Zeitschrift „Landlust“ (Landwirtschaftsverlag GmbH) sowie dem der von Konkurrenzverlagen auf den Markt gebrachten, ähnlich gefühlige Titel tragenden Pendants ablesen, die allesamt ein heimeliges Bild vom Landleben zeichnen.

„Nachhaltigkeit und Ressourcen-Schutz sind ein Thema, das in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist“ – und zwar parteiübergreifend, bis in die tief bürgerlichen Schichten hinein, führte der in Berlin lebende Referent weiter aus, und unterstrich: „Es ist nicht mehr nur ein Thema der Grünen.“

Und diese Entwicklung habe „vielleicht mit dem Unbehagen in einer Zeit zu tun, in der sich alles schneller verändert und dreht“ – möglicherweise habe daran auch eine „Globalisierungsangst“ Anteil.

Hinzu kommt laut Möller, dass heute jeder ein Smartphone in der Tasche hat und sich nicht zuletzt damit in Foren, auf Blogs, bei Wikipedia und auf anderen Seiten im Internet informiert. So habe eine Krankenkasse berichtet, dass rund 70 Prozent der Patienten vor oder nach dem Arztbesuch googeln, um sich selbst eine Diagnose zu stellen oder um die vom Arzt gestellte Diagnose zu überprüfen. Zudem werden Informationen und Meinungen zuhauf in sozialen Netzwerken wie etwa Facebook und Twitter geteilt. Anders formuliert: „Die Leute kommunizieren permanent und ständig.“

Für die oft in der Kritik stehende Landwirtschaft bedeuten diese gesellschaftlichen Veränderungen, dass sich die Branche in verstärktem Maße am „medialen Grundrauschen“ beteiligen sollte – durchaus auch mit unkonventionellen, selbstironischen Beiträgen, empfahl Möller. Denn die „Sättigung“ in der Bevölkerung sei dermaßen groß, dass die Landwirtschaft bei vielen Menschen mit dem den Einsatz moderner Technologien erklärenden, nüchternen Argument einer beispielsweise zweiprozentigen Ertragssteigerung nicht verfange.

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