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Wie die Arbeitervereine entstanden

Die Hälfte des Jahres in der Fremde

FRIEDRICHSWALD. Ende des 18. Jahrhunderts hatte es sich im Schaumburger Land herumgesprochen, dass Ziegeleien im Ruhrgebiet Arbeit zu vergeben hatten. Viele Friedrichswalder Männer schlugen ein, und das bedeutete: Über die Hälfte des Jahres waren sie von zu Hause fort. Manche hatten schon eine Ziegler-Lehre absolviert.

veröffentlicht am 20.03.2017 um 17:11 Uhr
aktualisiert am 20.03.2017 um 19:00 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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FRIEDRICHSWALD. „Die hart arbeitende Bevölkerung“ – in Friedrichswald gehörte um 1900 jeder dazu. Man könnte meinen, die meisten Bewohner des Dorfes hätten von der Landwirtschaft gelebt, aber nein: Fast alle Männer waren Arbeiter, nicht vor Ort, sondern – im Ruhrgebiet. Deshalb gründeten sieben wackere Männer im Jahr 1897 den „Arbeiterverein Friedrichswald“.

Wieso zogen die Männer vom Dorfe bis in die Großstadt Köln, um dort in einer Ziegelei zu arbeiten? Friedrich Sellmann (78), Erster Vorsitzender des Arbeitervereins, und Willi Bradt (62), der gerade an einer Dorfchronik arbeitet, können das erklären: Das Dorfgelände war im 16. Jahrhundert ein unbesiedeltes Waldstück, das zum Besitz des Klosters Egestorf gehörte und dann von Graf Otto V. als Wildgehege genutzt wurde. Erst 200 Jahre später gründete Landgraf Friedrich II zu Hessen-Kassel vier „Friedrichdörfer“, eines davon, 1778, eben Friedrichswald. Er ließ dort Leute ansiedeln, von denen er sich zusätzliche Steuern und Abgaben erhoffte. Das Problem: So gut ließ es sich dort oben auf Dauer nicht leben. Die Landwirtschaft brachte nicht viel, die Leineweberei, die sich aus dem Rapsanbau speiste, kam in die Krise, der Verdienst durch den Holzeinschlag reichte nicht für alle aus.

So sprach sich herum – vielleicht kamen sogar auch Werber in die im Nordlippischen gelegenen Dörfer –, dass Ziegeleien im Ruhrgebiet Arbeit zu vergeben hätten. Viele der Friedrichswalder Männer schlugen ein, und das bedeutete: Über die Hälfte des Jahres waren sie von zu Hause fort. Manche hatten schon eine Ziegler-Lehre absolviert, denn auch im Weserbergland gab es Ziegeleien, nur eben viel zu wenig. Während sie in der Ferne der körperlich harten Ziegelbrennerei nachgingen, blieben die Frauen zu Hause, verwalteten die Landwirtschaften und zogen allein die Kinder groß, bis die Männer über den Winter wieder heimgekehrt waren.

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„In vielen Dörfern der Umgebung gibt es solche Arbeiter- oder auch Zieglervereine“, sagt Friedrich Sellmann. „Bei uns in Friedrichwald war man nicht sehr politisch. Trotzdem ging es immer auch darum, als Arbeiter zusammenzuhalten.“ In erster Linie aber sollte der Verein die Dorfgemeinschaft festigen, und die fortgereisten Männer mit denjenigen, die als Handwerker oder – wie Friedrich Sellmanns Vater – als „Haumeister“ im Wald arbeiteten, zusammenbringen. Feste wurden gefeiert – es gab ja sonst keinen Verein im Dorf – doch waren auch wichtige Angelegenheiten des Dorfes gemeinsam zu erledigen.

Die hügeligen Straßen mussten regelmäßig repariert werden. Dazu hatte sich jeder dem „Spann-Dienst“ zu unterziehen, um Pferd, im Notfall auch eine Kuh, zur Verfügung zu stellen, damit man Mergel aus dem Forst antransportieren konnte. In späteren Jahren waren es die Leute des Arbeitervereins, die die Müllabfuhr organisierten, bevor diese Aufgabe in den 1960er-Jahren von der Rintelner Müllabfuhr übernommen wurde. Das gesellige Zusammensein fand in der Gastwirtschaft Pape statt, das heutige „Pfingsttor“.

Man musste nicht „Arbeiter“ sein, um aufgenommen zu werden, wohl aber ein Mann. Erst 2007 kam eine Frau hinzu, Vera Bradt. Sie bleib auch die Einzige, vielleicht auch deshalb, weil es offensichtlich war: Frauen wären nur Lückenbüßer gewesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg nämlich, als die vielen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen und dann der „Wiederaufbau“ völlig veränderte Arbeitsbedingungen schafften, verlor der Verein seine Bedeutung. Die Männer fanden Arbeit in der Nähe. Das Jubiläum zum 90. Gründungstag des Arbeitervereins wurde im Jahr 1987 zwar mit einem rauschenden Fest drei Tage lang gefeiert.

Die vom Arbeiterverein 1902 angeschaffte prächtige Fahne aber, deren Stickerei über 90 Jahre später noch einmal glanzvoll repariert wurde, die wird immer mal wieder geschwungen. Sie zeigt dasselbe Emblem wie die Parteiflagge der SPD: Zwei ineinandergeschlungene Hände und den Spruch: „Hand in Hand für unseren Stand“.

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