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Nicht nur das Wetter sorgt für Verdruss: Warum das Leben für Schausteller nicht einfacher geworden ist

„Die Leute drehen den Euro dreimal um“

BÜCKEBURG. Wenn es in Bückeburg stürmt und regnet, dann muss wohl Herbstmarkt sein. Selten hat sich dieses – natürlich ironisch gemeinte – Wort so bewahrheitet wie bei der diesjährigen Auflage.

veröffentlicht am 29.10.2017 um 15:52 Uhr

Gute Stimmung am Freitag und Samstag – aber richtig voll sieht anders aus. Foto: jp
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Johannes Pietsch Reporter zur Autorenseite
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Waren die Witterungsbedingungen schon am Freitag und Samstag, wo es zwar kalt und windig, aber wenigstens überwiegend trocken blieb, nicht optimal, zeigte sich das Wetter am Sonntag – einem verkaufsoffenen noch dazu – von seiner ungnädigsten Seite.

Nach einer sturmdurchtosten Nacht, die weithin Äste von den Bäumen wehte, prasselten mehr als einmal heftige Regenschauer auf die ehemalige Residenzstadt nieder. Auch andernorts sorgte das Sturmtief Herwart für Schäden: So wurde in weiten Teilen Norddeutschlands der Bahnverkehr lahmgelegt, Zoos und Tierparks blieben geschlossen und viele Veranstaltungen – wie das Hubertusfest im Wisentpark Springe – mussten abgesagt werden.

Doch nicht nur Wetterkapriolen machen Schaustellern und Karussellbetreibern seit Jahren das Leben schwerer. „Die Leute geben heutzutage nicht mehr so viel Geld für Freizeitvergnügungen aus wie früher“, so die Einschätzung von Marvin Fick. Der 24-jährige Nienburger steht erstmals mit seinem Fahrgeschäft „Heroes“ auf dem prägnanten Platz vor der Volksbank, dem Hingucker eines jeden Herbstmarkts, wenn man aus Richtung Fußgängerzone auf den Marktplatz kommt. 20 Jahre hat das vom britischen Hersteller Tivoli gebaute, 18 Gondeln tragende Action-Karussell vom Typ Orbiter bereits auf dem Buckel. Seit 2015 ist es im Besitz von Marvin Fick, in diesem Jahr steht er damit zum ersten Mal in Bückeburg. Die Fürstenresidenz ist für den Spross einer alteingesessenen Schaustellerfamilie jedoch kein Neuland, im Gegenteil: Seit Jahren betreibt sein Vater Andreas Fick den „Super Mini Jet“, das Kinderkarussell vor der Hofapotheke. Und sein Bruder Jerome Fick war schon mehrmals mit dem Fahrgeschäft „Shaker“ hier.

Der „Super Mini Jet“ vor der Hofapotheke. Foto: jp
  • Der „Super Mini Jet“ vor der Hofapotheke. Foto: jp

„Bückeburg ist eigentlich eine sehr schöne, kleine Innenstadtkirmes“, meint Marvin Fick. „Wenn hier das Wetter passt, ist man als Schausteller immer ganz zufrieden.“ Ganz zufrieden – mehr aber eben auch nicht. Von seinen Eltern kennt Marvin Fick andere Zeiten: „Die 90er-Jahre waren eine Boom-Phase, da ging selbst auf den kleinsten Märkten absolut die Post ab. Heute sterben diese Märkte nach und nach alle aus.“ Langfristige Überlebenschancen hätten nur noch ganz große Kirmesveranstaltungen wie der Bremer Freimarkt oder der Hamburger Dom. Oder Jahrmärkte mit langer Tradition – wie die Allerheiligenkirmes in Soest.

Eine zeitliche Bruchstelle sieht Marvin Fick in der Währungsumstellung zum Jahresbeginn 2001: „Der Euro hat für uns unglaublich viel kaputt gemacht, weil für viele Menschen das Geld auf einmal nur noch die Hälfte wert war.“ Die Folgen zeigen sich nicht nur im Jahrmarktsgeschäft: „Früher gingen die Leute zweimal in der Woche in die Kneipe, heute einmal im Monat.“ Auch seine Familie bekam das zu spüren: „Früher hatten wir immer eine Schießbude. Da war es normal, dass man mal 50 Mark an einem Abend verschossen hat, nur um ein Kuscheltier zu bekommen. Heute drehen die Leute dagegen den Euro dreimal um, bevor sie ein einziges Mal schießen.“ Ist das eine Folge des Geiz-ist-geil-Trends? Nein, ist Marvin Fick überzeugt: „Die Menschen haben wirklich nicht mehr so viel Geld für ihre Freizeit in der Tasche wie früher.“

Darüber hinaus gibt es in Bückeburg einen speziellen Hemmschuh gerade für Betreiber großer Fahrgeschäfte, nämlich die sehr stark beschränkten Marktzeiten. Während in vielen anderen Städten wie Herford bis 23 Uhr oder manchmal sogar bis Mitternacht „gerummelt“ werden darf, ist in Bückeburg schon um 22 Uhr Schluss. Weshalb gerade viele Jugendliche und junge Erwachsene – und damit gerade das Zielpublikum von Fahrgeschäften wie „Heroes“ – sich hier nicht blicken lassen. „Die gehen heutzutage erst um 22 Uhr los“, weiß auch Patrick Hanf, Enkel des langjährigen Schaustellersprechers Josef Weber und Betreiber des Kinderkarussells in der Fußgängerzone. „Und das hat zur Folge, dass viele Schausteller mit großen Fahrgeschäften hier nur einmal herkommen – und dann nie wieder.“

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