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850 Jahre: Stifts-Legenden

Die Nase, der Dieb und der Geheimgang

OBERNKIRCHEN. In vielen Fällen fußt das, was man heute über das 850 Jahre alte Stift Obernkirchen weiß, auf Dokumenten, Zeugnissen und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Aber es blühen auch Anekdoten, Spökenkiekereien und Legenden. Drei dieser Legenden wollen wir hier aufblättern.

veröffentlicht am 01.11.2017 um 14:22 Uhr
aktualisiert am 01.11.2017 um 15:30 Uhr

Wer nicht mit Ungarn mitwill, trennt sich von seiner Nase. Foto::AB
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Autor

Arne Boecker Reporter
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Erstens: Die abgetrennte Nase.

Laut Urkunde wurde das Stift Obernkirchen 1167 gegründet. Mindener Chroniken legen allerdings nahe, dass hier schon im 9. Jahrhundert ein Gotteshaus stand, zu Zeiten Kaiser Ludwigs, der den Beinamen „Der Fromme“ trug. Am 30. August 936 sollen Ungarn die Stätte überfallen und verwüstet haben, zwischen 40 und 128 Frauen und Kinder (je nachdem welcher Quelle man glaubt) wurden getötet.

Dem Mindener Domherrn Heinrich Tribbe verdanken wir in diesem Zusammenhang eine besonders blutige Geschichte. Die attraktive Äbtissin, die der Anführer der Ungarn mit sich nehmen wollte, hat sich demnach die Nase abgetrennt, um ihm nicht in die Hände zu fallen. Ihr Ziel war es, so schnell wie möglich im Himmel mit den sechs Nonnen wiedervereinigt zu werden, die die Eindringlinge bereits massakriert hatten. Nun: Der Plan der Äbtissin ging auf.

Zweitens: Der glückliche Pferdedieb.

Im Mittelpunkt der Pilgerei soll einst eine Marienstatue gestanden haben, die hinter dem Hochaltar aufgebaut worden war. In Wunstorf ausgemustert, zog sie Massen von Gläubigen an, die von weit her kamen. So notierte der Mindener Domherr Heinrich Tribbe, dass die Bewohner Lübbeckes ab 1325 einmal pro Jahr nach Obernkirchen wallfahrteten, Ergebnis eines Gelöbnisses in Pest-Zeiten. Die größte Zahl an Pilgern und Gläubigen kam zu Kirchweih. So spülte Maria den Kaufleuten eine Menge Geld in die Kassen.

Um es den Wunstorfern, die sie schnöde weggegeben hatten, so richtig zu zeigen, soll Maria in ihrer neuen Heimat viele Wunder bewirkt haben. Eines handelt von einem Pferdedieb, und die Geschichte geht so: Die Obernkirchener galten damals als besonders üble Diebe und Halunken, einer von ihnen stahl in Minden zwei schwarze Pferde. Er flüchtete in seine Heimatstadt und betete zur Muttergottes: Nie wieder wolle er sündigen, wenn sie ihm helfe! Als ihn die Verfolger festsetzten, konnte er seine Unschuld überaus überzeugend beweisen: Die Pferde, die er bei sich führte, waren weiß. Maria soll sie rechtzeitig „umgefärbt“ haben. 1564 war es auch amtlich vorbei mit Marias Wundertätigkeit. Um die Reformation zu befördern, ließ Graf Otto IV. die Statue wegschaffen.

Drittens: Der geheime Gang.

Obernkirchens älteste Wohnstätte ist nicht das Stift, sondern die alte Bückeburg, von der inzwischen nichts mehr übrig ist – Sonnenkollektoren decken ihr Grab. Die Kapelle, die innerhalb der Mauern stand, soll eine unterirdische Verbindung mit dem Stift gehabt haben. Über Jahrhunderte haben demnach Stiftsdamen, die vor Kriegswirren fliehen mussten, den Tunnel benutzt, um sich in Sicherheit zu bringen; Stifte sind schließlich nicht so gut geschützt wie Burgen.

Bewiesen wurde die Existenz des Gangs nie; auch nicht als 1917 russische Kriegsgefangene nach ihm graben mussten. 1947 flackerte das Thema noch einmal auf. Die Stadt hatte im Sonnenbrink einen Notbergbau anlegen lassen. Dabei stieß man auf ein Gänge-System, das auf die alte Bückeburg zuzulaufen schien. Hatte man den Fluchtweg der Stiftsdamen gefunden oder doch nur Überbleibsel früheren Bergbaus? Schließlich war dem Boden rund um Obernkirchen schon seit 1386 Kohle abgetrotzt worden.

Das Rätsel bleibt einstweilen ungelöst, es beflügelt die Fantasie mancher Obernkirchener. Und das ist dann ja auch nicht das Schlechteste.

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