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Rheinisches Landestheater Neuss zu Gast

„Die Physiker“ im Brückentor: Keine leichte Kost fürs Publikum

RINTELN. Angekündigt waren „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt als Komödie. Doch das Rheinische Landestheater Neuss legte bei seiner Inszenierung den Schwerpunkt eher auf die beklemmende Seite, die dem Stück genauso innewohnt. Keine leichte Kost für das Publikum.

veröffentlicht am 07.02.2018 um 12:32 Uhr
aktualisiert am 07.02.2018 um 16:11 Uhr

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Autor

Claudia Masthoff Reporterin
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Schon das reine Betrachten des Bühnenbildes versetzte einen in fühlbare Anspannung. Die Linienführung auf den ansonsten kahlen, weißen Wänden des „Sanatoriums“ schienen auf den ersten Blick Türen, kleine Mauervorsprünge und Überdachungen anzudeuten, doch wenn man sie länger betrachtete, fiel auf, dass sie der Logik der Perspektive völlig zuwiderliefen. Vor den Wänden: drei Gymnastikbälle als einzige Sitzmöglichkeit für alle Akteure. Die Folge: Den Mitwirkenden wurde keine Möglichkeit geboten, in den Szenen auch nur für eine Sekunde in eine entspannte Körperhaltung zu fallen. Im Gegenteil, das Sitzen auf den Gummibällen brachte umgehend noch mehr Unruhe und Unberechenbarkeit ins Spiel.

Schon nach kürzester Zeit entwickelte man als Zuschauer eine tiefe Sehnsucht nach einem Sofa auf der Bühne, und, wenn es sein musste, sogar einem Bild mit röhrendem Hirsch darüber, auf dem sich das Auge mal einen Moment würde ausruhen können.

Entfremdung und damit innere Spannung auch bei den Dialogen. Selten sprach man miteinander. Meist ging der Blick dabei in die Weite des Zuschauerraums. Die Sprechweise, vor allem bei den beiden weiblichen, auf künstlich wirkende Weise schönen Vertreterinnen der „normalen“ Welt (Katharina Dalichau als Fräulein Doktor von Zahnd und Alina Wolff als Schwester Monika): eher vortragend und streng artikuliert.

Die Insassen, besagte drei Physiker, denen das Stück seinen Namen verdankt, hingegen, spielten mit der Unberechenbarkeit, die man gemeinhin mit geistigen Erkrankungen verbindet. Mal wurde geschrien, dann wieder schienen sie friedlich gestimmt. Mal saßen sie apathisch da, um sich gleich darauf wieder auf einen Menschen in ihrer Umgebung zu stürzen. Das strubbelige, ungepflegte Äußere, die merkwürdigen grauen Strampelanzüge – karikierte Anstaltskleidung – setzten einen starken Kontrapunkt zum Erscheinungsbild der beiden durchgestylten Frauen.

Die Frage: „Was will uns der Künstler damit sagen?“, blieb bis zur Pause ziemlich offen. Ging es hier um einen Kriminalfall?

Immerhin hatte jeder der besagten Physiker eine Krankenschwester umgebracht, und ein ganz, ganz armer Kommissar (Andreas Spaniol) versuchte, im wirklich irren Durcheinander seine Ermittlungen aufzunehmen.

Sollte die sichere Unterbringung Geisteskranker thematisiert werden?

Oder ging es darum, dass Physiker keine Liebe vertragen?

Es stellte sich nämlich heraus, dass jede der Krankenschwestern zu ihrem Mörder zuvor eine besonders innige Verbindung aufgebaut hatte.

Erst die zweite Hälfte des Stücks brachte Licht ins Dunkle. Hatte es bisher eher nebensächlich gewirkt, dass sich zwei der drei „Irren“ für berühmte Physiker, nämlich Albert Einstein (Joachim Berger) und Isaac Newton (Stefan Schleue), zu halten schienen, wurde jetzt klar, dass wirklich alle drei Insassen Physiker waren und zudem geistig völlig normal. „Einstein“ und „Newton“ entpuppten sich als Agenten zweier Weltmächte und Möbius (Philipp Alfons) als Genie, dem es gelungen war, die Weltformel aufzustellen. Seine Entdeckung würde es ermöglichen, einen Zugang zum gesamten technischen Potenzial der Menschheit zu finden, und böte damit gleichzeitig das Potenzial zur endgültigen Auslöschung derselben.

Möbius erklärte, er habe sich mit Blick auf die Geschichte der Menschheit entschlossen, sich im Irrenhaus zu verstecken und sein Wissen nicht preiszugeben. Spannende Streitgespräche über die Position von Wissenschaft und Wissenschaftlern in unserer Welt folgten, und zum Schluss gelang es Möbius, „Einstein“ und „Newton“ von seinem Standpunkt zu überzeugen. Alle drei beschlossen, weiter verrückt zu spielen und für immer im Sanatorium zu bleiben.

Doch dann stellt sich heraus: Die Entdeckung ist längst in die Welt hinausgelangt und wird bereits zum Macht- und Gelderwerb genutzt – ein tragisches Ende, das nachdenklich stimmt, denn die Thematik ist bis heute aktuell.

Das Rintelner Publikum im Übrigen zeigte sich den Ansprüchen des Stücks durchaus gewachsen. Es bewies Nervenstärke und Durchhaltevermögen und zollte am Ende sehr zufrieden dem großartig aufspielenden Ensemble aus dem Rheinland mit lang anhaltendem Applaus seinen Respekt.

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