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„Canterville“: Musica begeistert

Ein Gespenst zum Verlieben

BÜCKEBURG. Wer hätte die weltberühmte Geschichte vom „Gespenst von Canterville“ in Gestalt eines Familienmusicals besser auf die Bühne bringen können als Christian Berg, der jetzt zum 15. Mal mit einem seiner Bühnenstücke in Bückeburg gastierte? Richtig – niemand.

veröffentlicht am 05.02.2017 um 13:55 Uhr
aktualisiert am 05.02.2017 um 15:10 Uhr

Virginia (Alexandra Kurzeja), Butler Mr. Umney (Petter Bjällö) und Mrs. Otis (Diana Barth).
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Johannes Pietsch Reporter zur Autorenseite
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BÜCKEBURG. Er kann einem schon irgendwie leidtun, dieser Sir Simon: Seit 430 Jahren kein Schlaf, nichts zu essen außer vielleicht einmal eine Ameise oder einem Regenwurm, und erschrecken will sich seit Menschengedenken auch niemand mehr vor ihm. Aber so richtig hart wird das Gespensterdasein für den alteingesessenen Schlossbewohner erst, als die Familie des US-Botschafters Hiram Otis in die altehrwürdigen Mauern seiner Behausung einzieht, deren Mitglieder es offenbar vor rein gar nichts grausen will.

Keine Frage, der von Oscar Wilde ersonnene Sir Simon gehört zu den populärsten und zugleich liebenswertesten und sympathischsten Geisterfiguren der Weltliteratur. Und wer hätte besser die weltberühmte Geschichte vom „Gespenst von Canterville“ in Gestalt eines Familienmusicals auf die Bühne bringen können als Christian Berg, der jetzt zum 15. Mal auf Einladung der Obernkirchener Veranstaltungsagentur Steuer mit einem seiner Bühnenstücke in Bückeburg gastierte.

Er nennt den Rathaussaal seit Jahren sein Wohnzimmer, und mit Fug und Recht kann man in Bückeburg darauf stolz sein: Seitdem Christian Berg vor drei Jahren das Tournee-Theater an den Nagel hängte und fortan nur noch an der Hamburger Komödie „Winterhuder Fährhaus“ inszenierte, ist Bückeburg deutschlandweit sein einziger Gastspielort außerhalb des Hansestadt. Und auch im 15. Jahr wurde der Musical-Magier den Erwartungen seiner eingeschworenen Bückeburger Fangemeinde gerecht und präsentierte mit seiner Version der 1887 erschienenen Oscar-Wilde-Erzählung zwei Stunden ebenso witziges, turbulentes wie gefühlvolles und vor allem ungemein musikalisches Familien-Entertainment.

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Regisseur Berg hat da in der Titelrolle als unbeholfener, linkischer, tollpatschiger und nicht selten restlos verzweifelnder Schlossgeist die Lacher ebenso schnell auf seiner Seite wie die Sympathie des Publikums. Er hat’s aber nun auch wirklich nicht leicht, wenn die beiden garstigen Zwillinge des US-Botschafters – wunderbar als Handpuppen in die Aufführung integriert – ihm nicht nur einen Eimer Wasser über den Kopf kippen, sondern den ruhelosen Ahnherren der Cantervilles am liebsten als Smartphone-App auf den Markt bringen möchten. Aber was kann man schon von einer Familie aus einem Land erwarten, in dem sogar ein Donald Trump Präsident werden kann?, fragt das Gespenst resignierend. Da holt man sich gerne einmal Rat aus dem Publikum, wie beispielsweise von der achtjährigen Karoline Klose aus Rinteln, die Christian Berg als charmantes Intermezzo auf die Bühne bittet, um sie zu fragen, ob er vielleicht einmal einen besonders ungezogenen Mitschüler erschrecken solle.

Der ungemein wandlungsfähige Petter Bjällo, vor einem Jahr in der „Schneekönigin“ als Großmutter, Rabe, Räuber, Rentier und vor allem als „Der Winter“ zu sehen, glänzt diesmal als wunderbar distinguiert und zuvorkommend auftretender Butler und zugleich als Stimme von dessen Ehefrau, Haushälterin Mrs. Umney. Stammspielerin Alexandra Kurzeja ist als Virginia ebenso idealbesetzt wie Diana Barth („Notruf Hafenkante“) als mondäne Botschafter-Gattin. Ensemble-Neuzugang Kevin Thiel gibt als junger Herzog Francis einen überzeugenden Frauenschwarm.

Tanzende
Ritterrüstungen

Während in der ersten Hälfte der Inszenierung Slapstick, Situationskomik und Christian-Berg-typische Parodien, Anspielungen und Gags den Ton angeben und in einer zum Kreischen komischen Gespenster-Disco mit zu Michael Jacksons „Bad“ tanzenden Ritterrüstungen gipfeln, überwiegen nach der Pause die eher ruhigen, sentimentalen und nachdenklichen Töne, die damit auch dem romantisch-melancholischen Finale der literarischen Vorlage gerecht werden: Denn für ein Gespenst, das sich nach nichts so sehnt als danach, endlich Ruhe zu finden, kann es nur ein Happy End geben: den Tod.

„Von und mit Christian Berg“, das ist seit anderthalb Jahrzehnten in Bückeburg eine Marke, die bereits viele Tausend Zuschauer begeistert hat. Im kommenden Jahr, wenn der Musical-Tausendsassa mit „Rapunzel“ zurückkehrt, wird laut Veranstalter Andreas Steuer die magische Grenze von 20.000 Besuchern im Rathaussaal durchbrochen werden. Bereits in den Sommerferien dieses Jahres möchte Christian Berg in Bückeburg eine einwöchige Musical-Akademie für Kinder mit einer abschließenden Aufführung anbieten. Die genauen Daten dazu werden noch rechtzeitig bekannt gegeben.

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