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Günter Fernholz gibt seine Suche nach dem Bernsteinzimmer nicht auf – trotz fehlender Genehmigung

Eine Figur und ein Foto sollen den Beweis liefern

Bückeburg. Günter Fernholz gibt nicht auf. Der Bückeburger will unbedingt in die Stollen im Harrl kommen, um endlich Gewissheit zu haben, ob dort tatsächlich das Bernsteinzimmer liegt – oder auch nicht. Nur: Genehmigungen, um dort zu baggern oder per Hand zu buddeln, bekommt er nicht mehr. Weder von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises noch vom Eigentümer des Waldes, der Fürstlichen Hofkammer. Anfang 2009 teilten sie ihm offiziell mit, dass er keine Genehmigungen mehr erhalten werde (wir berichteten). Interventionen bei übergeordneten Bundesbehörden gegen diese Entscheidung blieben zwischenzeitlich ohne Erfolg.

veröffentlicht am 12.02.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 00:41 Uhr

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Raimund Cremers Redakteur zur Autorenseite

Jetzt startet Fernholz einen weiteren Versuch, greift quasi nach dem letzten Strohhalm. Denn seiner Ansicht nach gibt es einen Beweis, dass an seiner Gewissheit, dass dort das Bernsteinzimmer liegen könnte, doch etwas dran ist; allen Unkenrufen und aller Skepsis zum Trotz. Denn er weiß von einem Foto zu berichten, auf dem eine Figur abgelichtet worden ist, die 1970 aus einer der Kisten entnommen wurde, die er in den Stollen am Nordhang des Harrls mehrfach gesehen haben will. In den vergangenen Monaten hat er akribisch recherchiert, um Zeit und Abläufe zu rekonstruieren und Besitzer des Fotos und den vermeintlichen Besitzer der Figur ausfindig zu machen. Nur mauern diese, wie er sagt. Der eine, ein Bückeburger, will das Foto nicht herausgeben, obwohl ihm inzwischen ein lukratives Angebot einer überregionalen Zeitschrift vorliegen soll, die das Foto kaufen will. Der andere und dessen gesamte Familie dementieren entschieden, überhaupt und jemals im Besitz einer solchen Figur gewesen zu sein.

Dabei kann sich Günter Fernholz exakt erinnern, wie er mit wissendem Lächeln im Gespräch mit unserer Zeitung sagt. Und kann auch noch einen Zeugen benennen, der seinerzeit – am Morgen des 1. Novembers 1970, einem Sonntag – mit besagtem Jugendlichen in dem Stollen gewesen sein will. Und gesehen haben will, wie der Jugendliche eine der Kisten geöffnet und eine Figur entnommen haben will. Damals war eine Gruppe Judokas aus Bückeburgs Partnerstadt Sablé zu Besuch in Bückeburg, um mit der frisch gegründeten Judosparte des VfL Bückeburgs einen Vergleichswettkampf zu bestreiten, wie sich Fernholz erinnert. Er hatte damals die Judosparte mit ins Leben gerufen, die es zu diesem Zeitpunkt gerade einmal fünf Monate gab. An besagtem Sonntag sei einer der jungen Franzosen mit seinem deutschen Gastgeber in das damals noch offene Mundloch der Stollen unter dem Harrl oberhalb des „Alten Forsthauses“ geschlichen. Zwei der Kisten sollen geöffnet worden sein, aus einer sei die Figur entnommen worden.

Er, Fernholz, sei damals nicht dabei gewesen. Er habe aber gleich danach davon erfahren. Und erinnert sich: „Ich weiß, dass in einem Nebenstollen um die 30 Kisten eingelagert waren, fein säuberlich in Zweierreihen übereinandergestapelt. Alles war so eng, dass man sich kaum durchquetschen konnte.“

Die Entnahme der Figur bestätigte gegenüber unserer Zeitung der Jugendliche, der damals dabei war, und heute als Rechtsanwalt in Hannover tätig ist, Hartmut Sange. Er vertritt Fernholz gegenüber Ämtern und Behörden, Polizei und Staatsanwaltschaft, seit dieser in Sachen Bernsteinzimmer aktiv ist – immerhin schon seit Anfang der neunziger Jahre. „Ich hätte nicht an diverse Stellen geschrieben, wenn ich damals nicht dabei gewesen wäre“, sagte er auf Anfrage unserer Zeitung.

Damals, während des Partnerschaftsaustausches, sei man „mal hier und mal da hingezogen.“ So auch in die Stollen im Harrl. Vom Mundloch oberhalb des „Alten Forsthauses“ sei man ein kurzes Stück hineingegangen, dann nach links, erinnert er sich im Gespräch mit unserer Zeitung. Da hätten dann die Kisten gestanden, fünf bis sechs längliche, sehr stabile Eichenkisten. In den Kisten hätten zum Teil dunkle Holzplatten gelegen, so groß wie die Kisten, erinnert er sich. Und ja, er habe gesehen, wie der Franzose, der damals bei ihm untergebracht war, aus einer Kiste eine Figur entnommen habe. Wie die Figur ausgesehen hat, daran könne er sich nicht mehr erinnern: „Das ist alles unheimlich lange her.“

Hartmut Sanges Erinnerungen kamen erst wieder hoch, als Günter Fernholz auf ihn zukam und ihn damit konfrontierte, dass er im Harrl das Bernsteinzimmer vermute. Er kenne Fernholz seit Jahren, „er hat nie irgendwelche Geschichten erzählt.“ Warum nicht gleich 1970 darüber gesprochen wurde? Darauf weiß auch der Rechtsanwalt keine rechte Antwort. Nur soviel: „Ich habe keine Veranlassung, ihm nicht zu glauben.“

Wie dem auch sei. Im März 1972, vom 25. bis 30., ist Günter Fernholz mit seiner Judotruppe zum Gegenbesuch in Sablé. Dort ist Fernholz – an einem Samstagabend gegen 20 Uhr – auch in der Wohnung der Familie des Jugendlichen, der 1970 die Figur mit nach Frankreich genommen haben soll. Und ist überrascht. Denn der Vater spricht ihn an und drückt ihn die Figur in die Hand. Er möge sie zurück mit nach Bückeburg nehmen. Was Fernholz ablehnt. Er habe Bedenken gehabt, bei den seinerzeit noch üblichen Zollkontrollen entdeckt zu werden. „Ich hab sie da gelassen.“ Seinerzeit sei ihm gesagt worden, dass die Figur mittlerweile bewertet worden sei. Mit dem Ergebnis, dass es sich um eine sehr alte Figur aus Bernstein handle – sagt Fernholz.

Jahre später – im April 1979 – soll bei einem weiteren Besuch eines Judokas der Bückeburger das Foto entstanden sein, das die Figur auf einer Kommode im Haus der Franzosen zeigen soll. Nur an dieses Foto kommt Günter Fernholz nicht heran, denn mittlerweile habe man sich zerstritten, wie Fernholz sagt. Darum versucht er jetzt, über ein überregionales Magazin an das Foto zu kommen. Bisher ohne Erfolg.

Und ohne Erfolg ist bisher auch sein weiterer Versuch geblieben, erneut mit der französischen Familie in Kontakt zu kommen, die seinerzeit im Besitz der Figur gewesen sein soll. In einem Schreiben, datiert vom 24. Mai 1997, hatten ihm die Franzosen auf sein entsprechendes Schreiben geantwortet, dass es ihnen leidtue, aber sie hätten weder mit ihm, also Fernholz, über diese Figur gesprochen, noch befinde sich ein „solches Souvenir“ in ihrem Besitz. Überhaupt könne sich niemand der Befragten und von Fernholz Angeführten an solche Vorgänge erinnern.

Eine Aussage, die Fernholz schon damals nicht hingenommen hat. Und die er heute noch einmal klären will. Er ist dabei, den heute erwachsenen Jugendlichen ausfindig zu machen, der inzwischen in der Bretagne wohnen soll. Er hat das Auswärtige Amt eingeschaltet, den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und sich an die Kulturabteilung der Französische Botschaft in Berlin gewandt.

Inzwischen ist Günter Fernholz 70 geworden, arbeitet seit fast 20 Jahren intensiv, endlich in die Stollen zu kommen, und das Bernsteinzimmer ausfindig zu machen: „Ich habe immer geglaubt, dass ich es packe, aber bisher nicht geschafft. Ich gebe nicht auf.“

Am Heiligabend 2008 durfte Günter Fernholz zum vorerst letzten Mal im Nordharrl buddeln, um endlich einen Eingang in einen Lüftungsschacht freizulegen. Vergeblich: Unter dem dicken Stein fand sich nicht die erhoffte Öffnung.

Foto: rc

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