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Adventssingen in St. Nikolai

Eine kleine Geschichte der Weihnachtslieder

RINTELN. Das Klagen darüber, dass die Menschen keine traditionellen Lieder mehr kennen, sie löst sich in nichts auf beim Adventssingen in St. Nikolai. Weit über hundert Menschen singen mit in der nur von Kerzen erleuchteten Kirche. Woher stammen eigentlich die Weihnachtslieder und was haben sie für eine Tradition?

veröffentlicht am 06.12.2017 um 16:17 Uhr
aktualisiert am 06.12.2017 um 17:13 Uhr

Beim Adventssingen in St. Nikolai erstrahlt die Marktkirche im Schein Hunderter Kerzen. Foto: tol
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Darüber sprach unsere Zeitung mit Kreiskantorin Daniela Brinkmann, die den „Kirchenchor“ jeden vorweihnachtlichen Sonntag anleitet.

Wie alle andere Kirchenlieder auch wurden die ersten Weihnachtslieder während der Messen und Stundengebete gesungen, als Lob- und Preisgesang in lateinischer Sprache, erklärt sie. Daher kommt es, dass man auch heute noch Lieder in deutsch-lateinischer Mischform kennt, zum Beispiel: „In dulci jubilo, nun singet und sei froh“. Erst mit der Reformation entstanden vermehrt deutsche Weihnachtslieder, darunter Martin Luthers berühmtes „Vom Himmel hoch, da komm ich her“.

„Gerade dieses Lied ist sehr typisch für Luther“, so Brinkmann. „Er wollte die Glaubensinhalte dem einfachen Volk nahebringen.“ Nicht umsonst wählte er eine volkstümliche Melodie, die eigentlich zu einem „Kranzlied“ gehörte und auf Dorffesten gesungen und getanzt wurde. Auch der Text ist in einer Sprache verfasst, die jeder verstehen konnte: „Vom Himmel hoch, da komm ich her, ich bring euch gute neue Mär, der guten Mär bring ich so viel, davon ich sing’n und sagen will.“

Diese Volkstümlichkeit vieler Weihnachtslieder hängt mit einem weiteren Aspekt ihrer Herkunft zusammen, dem ursprünglich mittelalterlichen „Kindleinwiegen“, ein vorweihnachtlicher Brauch in Frauenklöstern, an dem auch Kinder teilnahmen. Dabei baute man eine Krippe mit dem Jesuskind auf und sang ihm vor. Bekannt und ins Gesangbuch aufgenommen ist das sanfte Schlaflied: „Joseph, lieber Joseph mein, hilf mir wiegen mein Kindelein.“

Auch Hirtenlieder hatten ihren oft naiven Weihnachtsbezug, erklärt Brinkmann. „Kommet ihr Hirten, ihr Männer und Frau’n, kommet das liebliche Kindlein zu schau’n“, dieses Lied mit seiner Tanzmelodie stammt aus Böhmen, vermutlich aus dem 19. Jahrhundert (manche Forscher nehmen an, es könnte bereits um 1600 gesungen worden sein).

Im 19. Jahrhundert dann erlebten die Weihnachtslieder eine neue Blüte. Nicht nur „Stille Nacht, Heilige Nacht“ entstand in dieser Zeit, sondern auch zahlreiche Lieder, die für die bürgerliche Weihnachtsfeier im Wohnzimmer geschrieben wurden und keinen direkten kirchlichen Bezug haben. „O Tannenbaum“, wäre da zu nennen, oder „Leise rieselt der Schnee“, oder auch „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ und „Morgen, Kinder, wird’s was geben, morgen werden wir uns freu’n“.

Manche der Weihnachtslieder aus dem Gesangbuch klingen gar nicht so fröhlich, wie man es erwarten könnte. Sie haben eine theologische Tiefe, die etwas Melancholisches ausstrahlt. „Schließlich kam Christus als Mensch in die Welt, um sich zu opfern“, sagt Daniela Brinkmann. „In der Geschichte rund um seine Geburt steckt zugleich bereits sein Leiden und der Kreuzestod.“ Das kleine Kind in der Krippe hat einen langen, schweren Weg vor sich. In einem von Brinkmanns Lieblings-Weihnachtsliedern, dem „Ich steh an deiner Krippen hier“, heißt es: „Du fragest nicht nach Lust der Welt, noch nach des Leibes Freuden; du hast dich bei uns eingestellt, an unsrer Statt zu leiden“.

Beim Adventssingen in der Nikolaikirche werden auch Lieder angestimmt, die man als volkstümliche Kinderlieder bezeichnen kann. „Am schönsten ist der Dezember“, wäre da ein modernes Beispiel oder der Klassiker: „Lasst uns froh und munter sein“, in dem es um die Vorfreude auf den Nikolaustag geht: „Dann stell ich den Teller auf, Nik’laus legt gewiss was drauf“. Martin Luther hat ja mit der Erfindung des Christkindes alles dafür getan, dass die Heiligenverehrung des Bischof Nikolaus von Myra unterbunden würde. Vielleicht hätte ihm dieses Liedchen aus dem 19. Jahrhundert trotzdem gefallen. Auch dem Reformator nämlich machte es große Freude, seine Kinder in der Weihnachtszeit zu beschenken.

Noch zwei Sonntage, immer ab 17 Uhr, lädt die Nikolai-Gemeinde ein zu ihrem Offenen Adventssingen.

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