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Chin Meyer gibt Finanzfuzzi Siegmund von Treiber und andere Charaktere

Erfrischend mies aufgelegt

BÜCKEBURG. Gelungener Auftakt für die 2017er Staffel der „Unterhaltung zum Abheben“: Die vom Kulturverein mit Unterstützung der Volksbank in Schaumburg im Hubschraubermuseum veranstaltete Reihe hatte mit Chin Meyer einen Könner zu Gast, der die Besucher in seinen Bann zog.

veröffentlicht am 27.10.2017 um 15:20 Uhr

Chin Meyer in der Rolle des Steuerfuzzis Siegmund von Treiber. Foto: bus
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Autor

Herbert Busch Reporter
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Vom eingangs absolvierten Besuch im Publikum bis zur im Zugabeteil präsentierten Improvisationsoper reichte sein Spektrum. „Der hat’s wirklich drauf“, meinte eine Zuhörerin.

Deutschlands bekanntester Finanzkabarettist, betrachtete in seinem neuen Bühnenprogramm „Macht! Geld! Sexy?“ das Instrumentarium der Mächtigen, die Machthaberei und was Macht mit uns macht. Dabei nahm er nicht nur die allgegenwärtige Gier nach immer mehr Geld ins Visier, sondern auch den ausufernden Hunger nach Wohlfühl-Konsum. Ganz zum Gefallen der Besucher standen dem auch als Kolumnist, Buchautor, Schauspieler, Musical-Sänger und Redner bekannten Akteur unterschiedliche Charaktere zur Verfügung. Unter anderem traten Siegmund von Treiber und Jack Chucknik auf. Von Treiber kam als fanatischer Steuerfahnder mit Hang zu schlechter Laune daher. Er war sich sicher, es steuerlich meist mit Kleinkriminellen zu tun zu haben. Chucknik stellte sich als Kommunikations- und Unternehmensberater aus Tennessee, USA, vor, der es als Mann der Wirtschaft versteht, komplexe Sachverhalte in einfacher Form darzustellen.

In der Rolle des erfrischend mies aufgelegten „Fuzzis vom Finanzamt“ freute Meyer sich bei seiner Begrüßungsrunde „hier so viele alte bekannte Gesichter“ vorzufinden. „Es tut mir leid, dass ich neulich Deine Tür eingetreten habe“, gab er sich kumpelig.

Im weiteren Verlauf des ungemein vergnüglichen Abends kamen Themen wie beispielsweise Angst, Vertrauen und Reichtum aufs Tableau. Zur großen Angst der Deutschen - nicht Krankheit, Tod oder Strip-Poker mit Claudia Roth - vor islamistischen Terroranschlägen führte der Experte aus, dass in den zurückliegenden zehn Jahren in der Bundesrepublik etwa 15 Personen solchen Anschlägen zum Opfer gefallen sind.

Jeder einzelne sei einer zuviel, keine Frage, betonte Meyer, aber: „Die Zahl der auf den Straßen umgekommenen Personen betrug im gleichen Zeitraum etwa 45 000.“ Betriebswirtschaftlich betrachtet, also wenn es darum gehe, in absoluten Zahlen möglichst viele Ungläubige vom Leben in den Tod zu befördern, sei es offensichtlich kontraproduktiv, heimlich im Hinterhof Bomben zu basteln. Der Fachmann: „Es wäre sehr viel zielführender, in den ADAC einzutreten und „freie Fahrt für freie Bürger“ zu fordern. So hätte man eine wesentlich höhere Trefferquote.“ Auf die Frage nach dem gefährlichsten Tier – zur Auswahl standen Wolf, Bär, Hai, Reh, Schlange und Skorpion - schenkte das Auditorium dem Reh zunächst wenig Aufmerksamkeit. Allerdings: „Rehe töten weltweit siebenmal so viel Menschen wie alle anderen vermeintlich wilden Tiere zusammen.“

Beim Thema „Vertrauen“ und insbesondere Vertrauen in Lebensmittel gab Meyer den Praktiker: „Wir sollten einfach mal glauben, dass alles Kuh ist, was muht oder wiehert.“ Darüber hinaus verfügten Lebensmittelskandale auch über positive Seiten und sorgten für ursprünglichere Formen der Kommunikation – „wenn vor zehn Jahren eine Frau auf einen Mann zukam und sagte, mach mir den Hengst, dann war das ein erotisches Angebot; heute hat die einfach nur Hunger.“

Beim Aspekt „Reichtum“ machte Meyer darauf aufmerksam, dass in diesem Jahr in Deutschland mehr als 250 Milliarden Euro vererbt werden. Beim Wandern des Geldes von einer Generation in die nächste könnten allerdings beträchtliche Unterschiede mit teilweise grotesken Zügen festgestellt werden: „Die einen gehen mit ein paar Milliarden nach Hause, die anderen mit einer Plattensammlung von Heino.“

Besonders viel vererben den Erkenntnissen von Treibers gemäß Verheiratete, Selbstständige, Beamte und Bewohner von Orten mit weniger als 20 000 Einwohnern. An dieser Stelle merkte das Publikum auf. „Ihr wohnt schon in einer perfekten Gegend“, konstatierte der Finanzfuzzi. „Wenn Ihr Euer Erbe optimieren wollt, dann heiratet einen Dorfbeamten, der selbstständig Kaffee kochen kann.“

Fazit: Der Gast des Kulturvereins erwies sich einmal mehr als ein Meister der Nuancen-Pointe, die den Zuhörer erst beschäftigt, bevor sie ihn begeistert.

Die Abheben-Reihe wird am Mittwoch, 15. November, mit einem Auftritt des Zauberers und Comedian Marco Brüser fortgesetzt. Am Mittwoch, 13 Dezember, gastiert der Musiker Frizz Feick im Hubschraubermuseum.

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