weather-image
-2°
Pressestelle dementiert unbesetzte Stellen / Klinikum sucht Mitarbeiter

Exklusiv: Personalnot am Schaumburger Klinikum?

OBERNKIRCHEN. „Wir steuern auf eine Katastrophe zu“, sagt eine Mitarbeiterin der Intensivstation. „Wir suchen händeringend Personal“, berichtet ein Arzt. Auch die Gewerkschaft Verdi sieht die Personalsituation am neuen Klinikum kritisch. „Alle Planstellen sind bei uns besetzt“, sagt dagegen die Geschäftsführung. Doch wie sieht die Personalsituation am Klinikum wirklich aus? Die SZ/LZ hat sich auf eine Spurensuche begeben.

veröffentlicht am 14.02.2018 um 14:46 Uhr
aktualisiert am 14.02.2018 um 16:55 Uhr

Obwohl laut Geschäftsführung „alle Planstellen besetzt“ sind, berichten Mitarbeiter und Patienten von akuter Unterbesetzung.
DSC_8809

Autor

Jakob Gokl Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Das Urteil von Gewerkschaften, Mitarbeitern, Patienten und Geschäftsführung fällt sehr unterschiedlich aus. Eine „objektive“ Beurteilung fällt schwer, da keine belastbaren Zahlen öffentlich verfügbar sind. Die Klinikum-Pressestelle verweist auf Betriebsinterna.

Herrscht wirklich akute Personalnot vor? Oder ist die Situation so entspannt, wie die Geschäftsführung betont? Die SZ/LZ hat sich zweieinhalb Monate nach der Neueröffnung an einer Bestandsaufnahme versucht.

Während der Recherche sprachen wir mit Ärzten, Pflegern, Laboranten, Sanitätern, der Gewerkschaft Verdi und dem Marburger Bund. Schriftlich kommunizierten wir mit der Pressestelle des Klinikums. Zu einem direkten Gespräch war Letztere leider nicht bereit. „Momentan ist es für eine Bilanz noch zu früh“, antwortete Pressesprecherin Nina Bernard auf unsere Anfrage.

Aus Sorge vor dienstrechtlichen Konsequenzen wollten sich von uns angesprochene Agaplesion-Mitarbeiter nur anonym zu Wort melden. Sie berichten überwiegend davon, dass die Personalsituation kritisch sei. Von Patienten erreichte die Redaktion sowohl positive wie auch negative Zuschriften. Die negativen Zuschriften thematisierten fast immer einen wahrgenommen, und teilweise von Schwestern und Ärzten auch so an die Patienten kommunizierten Personalmangel.

Allerdings gibt es laut der Geschäftsführung des Agaplesion-Krankenhauses keinen Personalmangel. Alle Planstellen seien ja besetzt.

Verdi-Gewerkschaftssekretärin Sylvia Milsch hat von den Mitarbeitern ein anderes Feedback bekommen. Sie war in den vergangenen Monaten mehrfach im Krankenhaus, hat sich nicht nur mit Gewerkschaftsmitgliedern unterhalten, sondern mit Dutzenden Mitarbeitern auf verschiedenen Stationen. Sie hält die momentane Lage im Agaplesion-Krankenhaus für kritisch. „Durch die Berichte von Beschäftigten im Krankenhaus entsteht bei mir der Eindruck, dass an keiner Stelle ausreichend Personal vorhanden ist.“

„Wenn die Geschäftsführung alle Planstellen besetzt hat, dann muss es wohl ein Problem mit den Planstellen geben“, kontert sie.

Ähnlich sieht es auch die Ärztegewerkschaft „Marburger Bund“ in Niedersachsen. Pressereferentin Stephanie Walter betont: „Planstellen bilden nicht die Stellenzahl ab, die für eine gute medizinische Versorgung geboten ist, sondern die Zahl, die für das Erreichen des vom Konzern vorgegeben wirtschaftlichen Ziels errechnet wurde.“

Wie viele Ärzte in den letzten zweieinhalb Monaten das Klinikum verlassen haben, kann auch Walter nicht einschätzen. „Wir wissen aber aus persönlichen Gesprächen mit Mitgliedern, dass schon vor der Zusammenlegung Ärzte das Haus verlassen haben, weil sie mit der Personalpolitik unzufrieden waren.“

Auf welcher Station im neuen Klinikum Milsch auch hinkam, mit wem sie auch sprach: „In allen Bereichen wurde mir mitgeteilt, dass das vorhandene Personal nicht ausreicht.“ Mit Planstellen könne die Geschäftsführung hin und her jonglieren. „Aber die Überlastung in der Schicht, die Überstunden, die spontanen Anrufe, um Leute aus ihrer Freizeit in den Dienst zu holen, das sind klare Alarmsignale.“

Dazu komme: Der hohe Krankenstand. Von bis zu 20 Prozent sprachen mit der Materie vertraute Mitarbeiter im vertraulichen Gespräch. Die Geschäftsführung erklärt: „Anfänglich hatten wir mit hohen Krankheitsständen zu kämpfen. Diese sind nun aber deutlich rückläufig.“ Auf Nachfrage, was das denn nun konkret in Zahlen ausgedrückt bedeute, lautet die Antwort: „Wir bitten um Verständnis, dass wir keine Auskünfte über Betriebsinterna geben.“

Krankenstände vergrößern nicht nur die Personalnot, sondern sie können auch ihre Ursache in dem knappen Personalschlüssel haben. Überarbeitung, ständiger Stress und hohe Belastung können zur körperlichen wie psychischen Belastungsprobe werden. Milsch berichtet von Pflegemitarbeitern, die mit Tränen in den Augen im Flur standen. „Sie waren so überarbeitet, so überlastet. Schon die normale Auslastung bringt Gesundheitspfleger an die Grenze.“ Wenn dann etwas außerhalb der Regel passiere, wenn jemand stirbt, Angehörige betreut werden müssen oder Notfälle sich häufen, dann werden diese Grenzen überschritten.

Ein weiteres Alarmzeichen: die Anzahl von Gefährdungsmeldungen. Krankenhausmitarbeiter sind angehalten, eine solche Meldung abzugeben, wenn sie wegen Personalmangels oder aus anderen Gründen ihre Arbeit nicht mehr richtig ausführen können. „Wie ich gehört habe, steigt die Zahl der Gefährdungsanzeigen stark“, berichtet Milsch. Agaplesion gab dazu auf Anfrage keine Antwort.

Gerade in der Nachtschicht sollen die Personalpläne noch enger gestrickt sein. Immer wieder müssen Gesundheitspfleger eine Station alleine betreuen. Nach Beschwerden hat Agaplesion wohl nachgesteuert, berichtet Milsch. „Dann wurden nachts einfach zwei Stationen zusammengelegt. So gab es statt einer Pflegefachkraft eben zwei.“ Nur diese beiden Fachkräfte mussten dann auch alleine bis zu 70 Patienten pflegen.

Auf Anfrage verweist Agaplesion darauf, dass „wir betriebsinterne Probleme in einer offenen Art und Weise mit den betroffenen Beteiligten ausschließlich intern besprechen und diese nicht veröffentlichen“.

Öffentlich sind dagegen insgesamt 17 Stellenausschreibungen am Klinikum, in denen teilweise mehrere Mitarbeiter gesucht werden. Darunter ein Oberarzt, Fachärzte, Assistenzärzte und Pfleger verschiedener Fachrichtungen. Alle zum nächstmöglichen Zeitpunkt, in Voll- oder Teilzeit.

Das Klinikum erklärt dazu, dass man weitere medizinische Entwicklungen plane. Für das aktuelle Patientenaufkommen sei man gerüstet.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare