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Marianne Weiß geht als Reinigungskraft der Stadt in den Ruhestand

Frau Weiß bitte ganz nach vorne!

ENGERN. „Ach Gott“, krächzt Marianne Weiß mit belegter Stimme, „wofür seid ihr denn alle da?“ „Na, für dich“, dröhnt Ortsbürgermeister Dieter Horn, und nimmt sie in den Arm. „Wir wollen uns verabschieden.“ Noch etwas verloren steht Weiß in der Mitte des Dorfgemeinschaftsraums, einer nach dem anderen kommt heran, drückt sie herzlich, flüstert ein paar Worte ins Ohr, klopft ihr auf den Rücken.

veröffentlicht am 07.02.2018 um 17:10 Uhr

„Frau Weiß, bitte nach vorne“. Eigentlich wirkte Marianne Weiß immer im Hintergrund. Bei ihrem Abschied steht sie ganz vorne. Foto: jak
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Jakob Gokl Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Alle sind sie gekommen: Vertreter des Männergesangvereins, des Sportvereins, der Ortsbürgermeister, die Verwaltungsstellenleiterin – um Marianne Weiß in den Ruhestand zu verabschieden, die sich im Gänsedorf fast unverzichtbar gemacht hat, so scheint es. Doch nun geht Frau Weiß, die nimmermüde Reinigungsfachkraft der Stadt Rinteln, in Rente. Und wird ersetzt: durch ein Reinigungsunternehmen. „Die sind ja nicht schlecht“, bilanziert Verwaltungsstellenleiterin Isabelle Peschek-Röhrs, „aber es ist halt anders – anonymer.“ 17 Jahre lang hat Weiß im Hintergrund dafür gesorgt, dass das Dorfgemeinschaftshaus samt Halle, die Verwaltungsstelle und zuletzt auch noch die Krippe blitzblank sind.

„Und mit einem Engagement, das macht ihr keiner nach“, weiß Peschek-Röhrs zu berichten. Gerade nach den großen Veranstaltungen in der Dorfgemeinschaftshalle sei Marianne Weiß oft schon frühmorgens am Werk gewesen, um alle Spuren der ausgelassenen Partys zu beseitigen. „Da kommen ja am Morgen die Kinder“, erklärt Weiß ihr Engagement heute, „da dürfen doch keine Scherben mehr liegen.“

Aber nicht nur, dass Frau Weiß über Gebühr – und über das, was ihr Arbeitsvertrag eigentlich verlangt – engagiert am Werk war, sie hatte auch immer ein offenes Auge für die kleinen Dinge. „Wenn hier mal ein Glas in der Küche fehlte, bekam ich sofort eine Nachricht“, freut sich Peschek-Röhrs. Weiß sammelte nach Feiern die Glasscherben vom Spielplatz („die Kleinen spielen da doch morgens schon!“), sammelte Konfetti vom Boden („die kriegt man nur schwer zu fassen“) und spannte sogar ihren Ehemann für die schwere Fegemaschine ein. Lässt man Marianne Weiß erzählen, so klingt alles, was sie macht, ganz selbstverständlich. Leider ist es das bei näherem Betrachten aber nicht.

Jetzt wurde die Stelle von Weiß „outgesourced“, wie man auf Neudeutsch sagt, also an ein externes Reinigungsunternehmen abgegeben. Auf Anfrage der SZ/LZ erklärt Kämmerer Jörg Schmieding, die Stadt spare durch diesen Schritt kein Geld.

Stadteigene Reinigungskräfte würden zwar nach Tarif bezahlt, die Kosten pro Stunde seien für die Stadt aber identisch, wenn man den Auftrag vergebe. Den Vorteil für die Stadt sieht Schmieding eher darin, dass seine dreiköpfige Personalabteilung an ihre Belastungsgrenze komme. „In der Vergangenheit wurde ja gerade im Bereich Kindergarten massiv eingestellt.“

Es gehe also eher darum, „weiche Kosten“ einzusparen, also die Kosten pro Stunde zu senken. Außerdem sei durch ein Subunternehmen eine bessere Vertretungsregelung gewährleistet – etwa im Krankheitsfall. Man sei außerdem flexibler.

Bisher greife man bei der Reinigung der städtischen Gebäude noch nicht flächendeckend auf Subunternehmer zurück. „Es sind drei, vielleicht vier Stellen, die so ersetzt wurden“, so Schmieding.

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