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Über das Heimischwerden

Frauentag: Flüchtlingsfrauen erzählen von Flucht und Neuanfang

BÜCKEBURG. Ein von Christa Harms mit Milana Magomadova, Lemlem Gbrimariam, Abeer Alnagib und Setayesh Nathegi geführtes Podiumsgespräch ist das zentrale Ereignis des Frauentages der evangelisch-lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe gewesen.

veröffentlicht am 26.10.2017 um 15:36 Uhr

Milana Magomadova (v. li.), Christa Harms, Lemlem Gbrimariam, Abeer Alnagib und Setayesh Nathegi auf dem Podium des Rathaussaals. Foto: bus
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Herbert Busch Reporter
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BÜCKEBURG. Der während der im großen Saal des Rathauses tagenden Veranstaltung geführte Wortwechsel der Koordinatorin für Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit mit den Geflüchteten geriet wegen seines offenen und mitunter sehr privaten Charakters zu einer unter die Haut gehenden Angelegenheit.

Das Quartett berichtete den rund 250 Teilnehmerinnen unter dem Leitgedanken „Das Herz an zwei Orten – Flüchtlingsfrauen erzählen von Flucht und Neuanfang in Schaumburg“ in bemerkenswert gutem Deutsch über seine Erlebnisse. Die aus Tschetschenien stammende Magomadova („Ich bin ein Kriegskind“) schilderte, wie sie mit ihrem im Krieg gefolterten Mann und vier kleinen Kindern Hals über Kopf den Nordkaukasus verlassen hat.

Um der deutschen Sprache mächtig zu werden, habe sie ein komplettes Buch auswendig gelernt. „Danach verfügte ich zwar über einen großen Wortschatz, konnte aber nichts verstehen“, erläuterte die mittlerweile fünffache Mutter.

Landesbischof Manzke begrüßt die Teilnehmerinnen des Frauentages. Foto: bus
  • Landesbischof Manzke begrüßt die Teilnehmerinnen des Frauentages. Foto: bus

Große Hilfe habe sie von dem in der Kirchengemeinde Meinsen agierenden Unterstützerkreis erfahren. „Mein Lehrer hat alle meine Fragen beantwortet.“ Magomadova lebt mit ihrer Familie seit drei Monaten in einer eigenen Wohnung und studiert Wirtschaftswissenschaft. Um Haushalt und Kinder kümmert sich der Ehemann. „Mein Mann ist ein Fels in der Brandung, er hält mir den Rücken frei; Meinsen-Warber ist unser zweites Zuhause geworden.“

Gbrimariam verließ ihr Geburtsland Eritrea wegen der dort herrschenden Militärdiktatur. Ihre Flucht führte über Äthiopien, den Sudan und Libyen. Dort bestieg sie gemeinsam mit ihrem Mann und 203 anderen Flüchtlingen ein Boot, das sie im Anschluss an eine sechstägige Fahrt nach Sizilien brachte. „Wir wussten nicht, wo wir angekommen waren.“ Auch die Stationen München, Braunschweig und Stadthagen seien ihnen völlig fremd gewesen. Derzeit absolviert die 23-Jährige eine Ausbildung zur Hotelfachfrau.

Die aus Syrien stammende Alnagib hat vor der Aufnahme in Meinsen-Warber in Damaskus gelebt. Die Unterschiede zwischen der Sechs-Millionen-Metropole und dem beschaulichen Bückeburger Ortsteil seien schon beträchtlich. Und der Umstand, dass sie als schwangere Frau und ihr Mann ihre Wohnung zunächst mit vier fremden Männern teilen mussten, sei kaum zu ertragen gewesen. „Aber jetzt läuft es, wir leben ein normales Leben, sorgen für uns selbst und fühlen uns wie zuhause.“ In Kürze steht in Hannover eine Prüfung an, die der Sozialwissenschaftlerin die Ausübung einer beruflichen Tätigkeit ermöglichen soll.

Nathegi hat den Iran gemeinsam mit ihren Eltern wegen ihres christlichen Glaubens verlassen. „Wir dürfen unsere Religion dort nicht ausüben“, erklärte die 15-jährige Gymnasiastin. „Ich möchte gern in Bückeburg wohnen und später die Universität besuchen“, gab sie auf die von Harms gestellte Frage nach ihren Wünschen zu verstehen. „Ich möchte als Iranerin in Deutschland erfolgreich sein und wünsche mir, dass meine Eltern eine Arbeit finden.“

Christa Harms ist seit März 2016 im landeskirchlichen Flüchtlingsprojekt „Kaleidoskop“ tätig. Die beim Diakonischen Werk in Stadthagen angesiedelte Koordinierungsstelle vermittelt engagierten Bürgern Anregungen, wie sie sich als Ehrenamtliche in der Arbeit mit Flüchtlingen einbringen, fortbilden und stärken können. Sie begleitet Unterstützerkreise bei Projekten sowie bei der Vorbereitung und Realisierung von Fortbildungsmaßnahmen.

„Kaleidoskop“, erläuterte die Berichterstatterin, „ist auch gedacht als ein Bindeglied zur Vernetzung der ehren- und hauptamtlich in der Flüchtlingsarbeit Tätigen.“ Harms – Landesbischof Dr. Karl-Hinrich Manzke: Ihre Mitarbeit ist eine glückliche Fügung für uns – war von 2002 bis 2015 im Migrationsdienst des Caritasverbandes in Minden beschäftigt und ist in ihrer Heimatkirchengemeinde Meinsen in einem Unterstützerkreis aktiv. Jetzt ist sie für die 22 Kirchengemeinden der Landeskirche zuständig.

„Die Flüchtlingssituation hat unser Land und auch die Arbeit in unserer Kirche verändert“, führte Manzke aus. Dass der Frauentag Frauen thematisch in den Mittelpunkt stelle, die eine Fluchtgeschichte hinter sich haben und auch schon etwas über ihr Heimischwerden und ihre neue Existenz in Schaumburg erzählen können, sei lobenswert.

Harms berichtete über zahlreiche in der Landeskirche und in Meinsen-Warber auf die Beine gestellte Aktivitäten wie etwa Weiterbildung, Qualifizierung, Nähwerkstatt, Fahrradwerkstatt sowie Garten-, Chor- und Theaterprojekte. Darüber hinaus erlebte die Freizeiteinrichtung Schloss Baum einwöchige Zusammenkünfte von Geflüchteten und Betreuern und das Gemeindehaus in Meinsen ein überaus erfolgreiches gemeinsames Koch-Projekt. „Anfangs hatten wir 25 Teilnehmer, am Ende waren wir 118 Personen; wir haben uns einmal rund um die Welt gekocht.“

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